DIE ZEIT: Frau Käßmann, Sie waren gerade im Libanon. Dort kämpfen Christen an der Seite von Islamisten gegen den "Islamischen Staat". Gibt es in Ihrem Arbeitsleben auch irgendetwas zu lachen?

Margot Käßmann: Aber ja. In Beirut lud der maronitische Bischof mich zum Essen ein, und sein Assistent war völlig aus dem Häuschen, weil er noch nie einen weiblichen Bischof gesehen hatte. Er wollte unbedingt neben mir sitzen, um mich auszufragen. Am Ende behauptete er, ich sei die beste Bischöfin von allen. (lacht) Ich sagte ihm, das sei einfach, wenn man nur eine kennt! Noch dazu eine Altbischöfin.

ZEIT: Keine Angst vor Vorurteilen?

Käßmann: Warum? Sie regen das Denken an. Ich habe mal in Warschau gepredigt, und der damalige lutherische Bischof sah die Frauenordination so kritisch, dass er dem Gottesdienst fernblieb.

ZEIT: Ihr eigener Amtsbruder?!

Käßmann: Dafür trafen sich der orthodoxe und der römisch-katholische Bischof mit mir zum Essen.

ZEIT: Sie haben derzeit den härtesten Job in der evangelischen Kirche. Sie müssen der Welt erklären, was Reformation ist. Warum in Beirut?

Käßmann: Das Christentum ist dort tief verwurzelt. Und Luther hochaktuell: Auf einer Konferenz der reformatorischen Kirchen und der Jesuiten diskutierten wir heftig über seine Zwei-Reiche-Lehre, also die Trennung von Kirche und Staat.

ZEIT: Was war Ihre Position?

Käßmann: Wir brauchen einen starken säkularen Staat, damit Religionen friedlich zusammenleben können. Für einige war schwer zu verstehen, dass in Deutschland die Religion nicht den Staat regiert und der Staat nicht in die Religion hineinregiert. Wie aber soll Religionsfreiheit sonst gehen? Im Libanon ist der Staatspräsident Maronit, der Premierminister Sunnit, der Parlamentspräsident Schiit.

ZEIT: Hatten Sie Schwierigkeiten, sich als Europäerin verständlich zu machen?

Käßmann: Doch, beim Kopftuch. Ich habe in Beirut die deutsche Schule besucht, deren Lehrerinnen fanden, du kannst radikal konservativ sein ohne Kopftuch und radikal liberal mit Kopftuch. Ich habe versucht zu erklären, dass wir in Deutschland mit dem Kopftuch eine extrem konservative Einstellung gegenüber der Frau verbinden, die sich unterordnen soll. Das wurde belächelt.

ZEIT: Während Sie im Libanon waren, schändete der IS das Museum von Mossul. Sie haben über Bilderstürmer gepredigt. Warum?

Käßmann: Luther lehrt, unser Glaube gilt Gott, keinem Abgott. Aber er hat selbst den protestantischen Sturm auf die Bilder gestoppt. Luther kritisierte, dass Bilder zu Götzen wurden, doch zerstören wollte er sie nicht. Sie stehen für die Sinnlichkeit des Glaubens. Sie inspirieren und vertiefen ihn. Deshalb sollten die Kirchen offen sein. Wir können Kirchen nicht schützen, indem wir sie schließen.

ZEIT: Gilt das auch in muslimischen Ländern?

Käßmann: Dort spricht man lieber von arabischen Ländern, denn Christen und Muslime haben eine gemeinsame arabische Kultur. Im Libanon lebten sie vor dem Krieg von 1975 gut zusammen.

ZEIT: Auch im Irak und in Syrien schwärmen Vertriebene von vergangenen Friedenszeiten. Andere sagen: Es war ein fauler Frieden. Was ist wahr?

Käßmann: Ich weiß es nicht. Der Pfarrer von Aleppo erzählte, wie vor seinen Augen fünf Gemeindemitglieder von einer Bombe zerfetzt wurden. Er war wirklich traumatisiert und sagte dennoch: Ich gehe zurück. Wir können nicht alle unsere Heimat verlassen.

ZEIT: Wir hören jetzt von chaldäischen, assyrischen, armenischen Christen. Fällt es Ihnen schwer, all die Glaubensrichtungen einzuordnen?

Käßmann: Nein, ich war ja zwanzig Jahre lang im Ökumenischen Rat der Kirchen aktiv. Aber viele kennen die Unterschiede nicht. In Deutschland treten ja auch Protestanten aus der Kirche aus, wenn der Papst etwas für sie Falsches sagt.

ZEIT: Sollten wir mit dem konfessionellen Klein-Klein aufhören und das Gemeinsame betonen?

Käßmann: Für mich ist das Luthertum zwar meine Heimat, aber ich finde, Unterschiede haben eine kreative Kraft.

ZEIT: Was meinen Sie mit kreativ?

Käßmann: Wenn ich mich verteidigen muss, stärkt das meine Identität. Als ich Ratsvorsitzende der EKD wurde, brach die russisch-orthodoxe Kirche den Kontakt zur EKD ab: Eine Frau an der Spitze der Kirche sei Anpassung an den Zeitgeist.

ZEIT: Ihr Gegenargument?

Käßmann: Frauenordination ist nicht Zeitgeist, sondern lutherische Tauftheologie. Die Taufe bedingt die Berufung ins Amt. Nach Luther ist jeder Getaufte Priester, Bischof, Papst.