Am Samstag ging der Fußballfan zum Heimspiel seines Lieblingsvereins FC Bayern München. Sonntagabend war er bei der Eröffnungsfeier der Hannovermesse, am Montag empfing er dort auf dem VW-Stand Angela Merkel. Er lächelte in die Kameras, schüttelte Hände und plauderte mit Amtskollegen. Martin Winterkorn, 67, tat seine Pflicht, als ob nichts geschehen wäre. Ein Radioreporter fragte nach seiner Zukunft. "Ich habe eine", sagte er lächelnd und ging ab.

Doch die sieht wohl ganz anders aus, als es sich der Chef von rund 600.000 Beschäftigten nach fast 35 Jahren Arbeit und einem beispiellosen Aufstieg im Volkswagenkonzern vorgestellt hatte. Sein Vertrag läuft bis Ende 2016. Bis dahin wollte er den Branchenkönig Toyota überholt haben – und zur Belohnung dann den Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch beerben.

Vorbei. Am vergangenen Freitag machte ein einziger Satz alle Pläne zunichte. "Ich bin auf Distanz zu Winterkorn": So entzog Piëch via Spiegel Online seinem Topmanager völlig überraschend das Vertrauen. Piëch, der Winterkorn entdeckte und förderte, nachdem der Manager Anfang der achtziger Jahre von Bosch zu Audi gewechselt war. Ja, der ihn sogar 2007 als Vorstandsvorsitzenden in Wolfsburg durchdrückte.

Und jetzt? Ein Vorstandschef kann nicht lange durchhalten, wenn sein Aufsichtsratsvorsitzender ihn so hart angeht. Da zählen alle großen Verdienste, alle erwiesene Loyalität nicht mehr. Wie er mit Manager umspringt, die seine Gunst verloren haben, hat der Porsche-Enkel Piëch schon vor Jahren in seinem Buch Auto.Biographie beschrieben: "Aus tiefster Überzeugung habe ich lieber einen für die betreffende Situation unpassenden Topmanager gefeuert, als eine Schwächung des Unternehmens zu riskieren."

Winterkorn muss zutiefst enttäuscht sein. Er selbst schwieg, ließ aber durch sein Umfeld verlauten, dass er kämpfen werde. Erst einmal erhielt er Beifall von allen Seiten. Kein Wunder: Der Aufsichtsratschef hatte offenkundig weder seinen Spitzenmanager noch die anderen Aufsichtsratsmitglieder vorgewarnt. Ganz Wolfsburg steht seither kopf.

"Winterkorn ist beschädigt, Piëch ist isoliert", sagt ein altgedienter Konzernmanager – und das drei Wochen vor der Hauptversammlung von Volkswagen, in der eigentlich die Rekordzahlen des vergangenen Jahres gefeiert werden sollten. Gerade jetzt, da die Weichen zur Elektromobilität und zum automatisierten Fahren gestellt werden müssen.

Während mit Google und Apple den Autofirmen neue Konkurrenten erwachsen, droht dem größten deutschen Industriekonzern ein lähmender Machtkampf. Deshalb sprangen führende Aufsichtsratsmitglieder dem angegriffenen Konzernchef bei. Der mächtige Betriebsratschef Bernd Osterloh schimpfte auf unnötige Personaldebatten, Stephan Weil, Ministerpräsident des Großaktionärs Niedersachsen, geißelte Piëchs Verhalten als "schädlich". Und selbst im Familienclan der Porsches und Piëchs, die gut 50 Prozent der Stimmrechte bei Volkswagen kontrollieren, gab es Kontra. "Herrn Piëchs Privatmeinung" sei das, erklärte sein Cousin und Aufsichtsratskollege Wolfgang Porsche. Als Unterstützer für Ferdinand Piëch sind dort erst mal nur seine Ehefrau Ursula ("Uschi") und sein Bruder Hans Michel zu sehen.

Aber was trieb Ferdinand Piëch zu so einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt dazu, seinen Spitzenmanager zu demontieren? Ein Schlüssel dazu könnte die Rolle von Ehefrau Ursula sein, die er vor drei Jahren in den VW-Aufsichtsrat hievte. Piëch hatte erfahren, dass der Spiegel recherchierte, wie er versuche, seine Ehefrau als seine Nachfolgerin an der Spitze des Aufsichtsrates aufzubauen. Piëch meldete sich daraufhin bei dem Spiegel-Fachredakteur und stellte klar, dass er weder seine Ehefrau noch ein anderes Familienmitglied dafür vorgesehen habe. Der sichtlich gealterte Vater von zwölf Kindern wollte seine große Stütze aus dem Schussfeld nehmen. In diesem Gespräch fiel dann auch der folgenschwere Satz von seiner "Distanz" zu Winterkorn. Es muss in Piëch gebrodelt haben. Und er stellte klar, dass er bestimme, wer zum Ende seiner Amtszeit 2017 an die Spitze des Unternehmens wie auch des Aufsichtsrats rücken werde. Die Kandidaten seien schon im Unternehmen.

Piëchs Ego könnte mittlerweile zu groß geworden sein

Obwohl der Konzern insgesamt wächst und gedeiht, bekommt Winterkorn – aus Piëchs Sicht – große Probleme nicht schnell genug in den Griff. So ist ein von Winterkorn für eine Milliarde Euro im US-Staat Tennessee aufgebautes Werk nur halb ausgelastet. So hat die Vorzeigemarke Audi gegenüber BMW und Mercedes Imagepunkte eingebüßt. Während diese mit neuester Technologie glänzen, gilt die Marke mit den vier Ringen neuerdings als langweilig. Das ärgert Piëch gewaltig. Vor allem aber ist da die Stammmarke VW, die Winterkorn persönlich führt. Die Marke VW leidet – außer in China – unter chronischer Ertragsschwäche. Also ist man extrem abhängig von den Chinesen, auch weil das Geschäft in Brasilien und Indien schwächelt, weil dort die Autokonjunktur nicht läuft.

Winterkorn hatte "Fehler" eingeräumt, die Führung in den USA ausgetauscht und für Ende 2016 neue Geländewagen dort avisiert. Er versprach, allein bei VW fünf Milliarden Euro zu sparen. Doch das alles dauerte Piëch anscheinend zu lange. Als nun bekannt wurde, dass der Konzern den BMW-Topmanager Herbert Diess als neuen Markenchef für VW abwarb, wurde das schon als Zeichen gegen Winterkorn gewertet. Zwölf Marken, von Bugatti bis Porsche, von Ducati bis Scania, zu lenken und VW profitabler zu machen – das schien zu viel.

Genauso wichtig wie sachliche Zweifel an Winterkorn dürfte aber der psychologische Faktor gewesen sein. Zwar bezeichnete Winterkorn Piëch immer als den "Chef", im Konzernalltag allerdings war der Schwabe tonangebend. Intern wurde eben er mit "Chef" angesprochen, während Piëch "der Alte" hieß, solange er nicht im Raum war.

Das Machtspiel im VW-Konzern hat Winterkorn von seinem "beruflichen Vorbild" Piëch gelernt. Sein Credo heißt: "Entscheidungen lassen sich nicht sozialisieren." Er ist im Unternehmen hoch geachtet, aber auch für seine brüske Art gefürchtet, wenn er Fehlleistungen bei seinen Mitarbeitern aufdeckt. Auch wenn der Aufsteiger Winterkorn sich in der Herkunft und im Privatleben vom Porsche-Enkel unterscheidet – im Selbstbewusstsein steht er diesem mittlerweile kaum nach.

Genau dieses Ego aber könnte Piëch mittlerweile zu groß geworden sein. Als er im Jahr 2009 den Machtkampf mit dem damaligen Porsche-Chef Wendelin Wiedeking um die Führung eines vereinten Konzerns gewonnen hatte, stellte Ferdinand Piëch fest: "Es kann nur einer an der Spitze stehen."

Die letzte Runde dieses Kampfes hatte Piëch im März desselben Jahres am Rande einer Autovorstellung auf Sardinien eingeläutet. Er erkannte ausdrücklich Wiedekings Leistungen für Porsche an, läutete dessen Demontage aber mit Sätzen ein, die in der heutigen Situation zu denken geben. Wiedeking, der "Durchmarschierer", müsse "Demut" lernen, sagte er. Vermutlich vermisst er diese Demut jetzt auch bei Winterkorn.

Ein für die VW-Geschichte so sensibler Mann wie Piëch könnte es kaum ertragen, wenn ein leitender Angestellter im Triumph zum Aufsichtsratschef avancierte und ihn aus dem Zentrum der VW-Erfolgsgeschichte verdrängte. War es nicht sein Großvater, der den Käfer konstruiert hatte? War es nicht sein Vater, der das erste VW-Werk aufbaute? Und er, Ferdinand Piëch, war es schließlich, der VW als Vorstandschef in den neunziger Jahren aus der Existenzkrise führte.

Mögliche Nachfolger für Winterkorn stehen bereit

Wie heute, so hatte Piëch seinerzeit im Machtkampf mit Wiedeking auch seine Vettern aus dem Porsche-Familienzweig gegen sich. Doch anders als heute hatte sich der gewiefte Taktiker vorher starke Verbündete gesichert – von den VW-Betriebsräten über das Land Niedersachsen bis hin zur Kanzlerin und der SPD-Führung. Ähnlich taktierte er, als er 2006 überraschend den von ihm selbst als Vorstandschef ins Unternehmen geholten Ex-BMW-Chef Bernd Pischetsrieder abservierte. Der Vorwurf damals: Er zögere zu lange, um die drängendsten Probleme im Konzern zu lösen.

Heute drängt vor allem Piëchs Cousin Wolfgang Porsche auf eine Sitzung des Aufsichtsratspräsidiums, um die Situation zu entschärfen. Möglichst noch diese Woche. In dem sechsköpfigen Gremium sitzen auch Betriebsratschef Osterloh und Ministerpräsident Weil. Es geht darum, möglichst noch vor der regulären Aufsichtsratssitzung und der unmittelbar nachfolgenden Hauptversammlung Anfang Mai einen Kompromiss zu finden. Alles andere erschiene den Aufsichtsräten als Katastrophe.

Das wahrscheinlichste Szenario: Winterkorn wird spätestens Anfang 2016, wenn sein Vertrag zur Verlängerung anstünde, ein ehrenvoller Abschied bereitet. "Anständig muss es zugehen, so wie jetzt darf man mit einem so verdienstvollen Mann nicht umgehen", sagt ein Aufsichtsrat.

Mögliche Nachfolger stehen bereit: Der künftige VW-Markenchef Herbert Diess hat bei BMW in München bewiesen, dass er effizient sparen kann. Doch dem Manager, der erst im Sommer in Wolfsburg anfängt, fehlt dort noch jegliche Hausmacht. Anders ist das bei Porsche-Chef Matthias Müller, der Wolfsburg gut kennt, bei Audi in der Führung war und als Porsche-Chef höchst erfolgreich ist. Sein Manko: Er ist bereits 61 Jahre alt.

Die spannendste Frage ist: Wie will Ferdinand Piëch bis zum Jahreswechsel seine vergrätzten Aufsichtsratskollegen überzeugen, ihm zu folgen? "Der Alte" müsse inhaltlich und personell dann die eine oder andere Kröte schlucken, meint ein Insider. Doch wenn der Porsche-Enkel, der kommenden Freitag seinen 78. Geburtstag feiert, "bis dahin nicht vom Stuhl fällt", so ein Beobachter, werde Winterkorn wohl den Kürzeren ziehen.

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