Gott und die Klimaanlage

Es geht rund, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Viehmarkt von Niswa ist ein hektischer kleiner Kreisverkehr. Dutzende fliegende Auktionatoren in weißen, knöchellangen Dischdaschas, einen Turban oder eine bestickte Kappe auf dem Kopf, führen dicht gedrängt ihr meckerndes, störrisches oder duldsames Handelsgut wieder und wieder herum und rufen dabei Preise aus. Das achteckige Blechdach über dem Kreisel gibt dem ganzen Trubel etwas Karussellhaftes. Ein kräftiger Bursche zerrt drei langmähnige Ziegen am Seil vorwärts, ein anderer springt einem schwarzen Bock mit hellem Lockenschopf hinterher, ein drahtiger Alter trägt ein wolliges Lämmchen fast zärtlich auf dem Arm und muss ausweichen, weil vor ihm gerade ein junges Tier anhält. Aus der Reihe der Bieter prüfen zwei Männer das Gebiss, tasten den Körper ab, man raunzt sich Preise zu, dann kurzes Kopfschütteln – der Bock muss weiter schaulaufen und stolpert samt Auktionator erneut hinein in den regelmäßig stockenden Vorführ- und Verkaufsring.

Nachdem ich genug habe vom Gefeilsche um das Kleinvieh, schaue ich kurz im Hof nebenan bei der Knoblauch-Versteigerung vorbei, dann verschwinde ich in einem der geschlossenen Gewölbe des alten Souks von Niswa und probiere mich durch ein Dutzend verschiedener Dattelsorten. Unter den Sidr-Bäumen am Markttor wiegen bärtige Männer polierte Karabiner und Krummdolche in den Händen; manche hoffen auf ein Geschäft, anderen genügt das entspannte Fachsimpeln. An einer weiteren Ecke vergnügen sich Kinder an ihrer ganz eigenen Marktlücke, dem Tauben- und Kaninchenhandel, und manche Jungs versuchen dabei schon ganz allerliebst ein paar Pokerface-Routinen, die sie den Alten abgeschaut haben.

Jeden Freitagmorgen, zu Beginn des islamischen Wochenendes, sieht Niswa wieder aus wie ein buntes Stück alter Orient – selbst wenn längst eine zweispurige, beleuchtete Schnellstraße die frühere Hauptstadt Omans hier im Landesinneren mit Maskat, der heutigen Hauptstadt am Meer, verbindet. Verglichen mit dem radikalerneuerten Regierungssitz am Golf von Oman, ist die zentrale Bergregion des Nordens, die sich in Niswas Umgebung um das Dschabal-Achdar-Massiv erstreckt, überhaupt ein Hort der Tradition. Hier liegt die Mehrheit der früheren Oasenstädte mit ihren Dattelpalmen-Plantagen und den Faladsch-Bewässerungskanälen, hier sind die massigen Festungen und Burgen stehen geblieben, von denen aus einst verschiedene Stämme das Land beherrschten. Und schließlich stammt von hier auch eine religiöse Strömung, die Oman zu einer Ausnahmeerscheinung unter den islamischen Ländern macht. Rund die Hälfte der Omaner sind Ibaditen, im politisch entscheidenden Norden sogar die große Mehrheit; Sunniten und Schiiten kommen dort insgesamt auf keine 20 Prozent.

Über den Dächern von Niswa

Ob man vom Ibadismus etwas mitbekommt, wenn man für ein paar Tage in seiner historischen Heimat unterwegs ist? Mein Guide Abdullah al-Schuhi zieht die Stirn in Falten, während wir mit seinem Landcruiser auf Niswa zufahren und rechts und links des Wegs die ersten Ruinen alter Wehrtürme auftauchen sehen. Abdullah ist Ende 40, er trägt zwischen Turban und Dischdascha einen kurzen Schnurrbart sowie eine Auskennermiene, die oft ins Schelmische spielt – kaum jedoch, wenn es um die Religion geht. Nicht dass er als Sunnit etwas gegen die Ibaditen hätte. Eher fürchtet er, dass ich als neugieriger Westler die Sitten des Landes missachten und Leute schamlos nach persönlichen Glaubensdingen befragen könnte. Außerdem hat sein Argwohn etwas mit mustergültigem omanischem Bürgersinn zu tun. In Oman kommen die verschiedenen Strömungen des Islams gut miteinander aus. "Was uns alle verbindet, ist der gemeinsame Glaube. Auf den kommt es an – nicht auf die Besonderheiten dieser oder jener Richtung." Jede Frage nach den Eigenheiten des Ibadismus hält Abdullah im Grunde für rückwärtsgewandt, für Haarspalterei. In Oman zählt die Gegenwart.

Tatsächlich hat sich das Land mit einem Tigersprung aus dem Gestern verabschiedet. 2010 belegte es einen ersten Platz im UN-Entwicklungsindex: Kein anderes Land der Welt hatte in den vorangegangenen 40 Jahren einen derartigen Satz gemacht. Öl half dabei, aber auch Sultan Kabus, der 1970 mit 29 Jahren seinen Vater vom Thron vertrieb und damit eine Modernisierung einleitete, die er bis heute mit diktatorischer Macht, aber zugleich viel Umsicht lenkt. Der neue Wohlstand kam allen Staatsbürgern zugute, durch Bildungsprogramme, ein kostenloses Gesundheitssystem, hohe Löhne, ein dichtes Verkehrsnetz. Und durch ein Stück Grundbesitz: Jeder Omaner hat von seinem 28. Geburtstag an Recht auf eine Parzelle Land im Umkreis seiner Heimatgemeinde. Die Folgen dieser großzügigen Bodenpolitik sind vom Auto aus deutlich zu sehen: raumgreifende neue Siedlungen, deren hell getünchte Häuser sehr locker und scheinbar planlos wie Champignonkolonien über weite, erdige Ebenen verteilt liegen. Sucht man die felsigen Hügelketten des näheren Horizonts ab, entdeckt man meist irgendwo am Hang ein dazugehöriges ockriges Cluster: das alte, ursprüngliche Lehmziegeldorf, das sich zu den Neuerschließungen verhält wie ein kleines Häufchen Maiskörner in der Pfanne zu einer Menge herausexplodierten Popcorns auf dem Boden ringsum. Weil auch die Elterngeneration mit Grundstücken beschenkt wurde, stehen die Lehmquartiere heute so gut wie leer.

Den Omanern geht es sicher besser in den neuen Siedlungen. Als Reisender steuert man dennoch die holprigen Gassen von einst an. Schon weil die alten Viertel direkt an die schönen Dattelpalmen-Haine grenzen, die für das Überleben im kargen, felsigen Land früher so wichtig waren. Die Früchte hängen bereits in dichten Trauben unter den ausfächernden Blättern, sind aber noch längst nicht reif für die Ernte. Im Halbschatten der Palmen genießt man das flirrende Licht und besonders das grüne Gras am Boden, das es draußen im Offenen kaum irgendwo gibt.

Imposant schiebt sich das mittelalterliche Fort von Bahla ins Bild

Ein Dorf bei Niswa

In Al-Hamra, einem Dorf am Fuß des Dschabal-Achdar-Massivs, steigen wir anschließend die verlassenen Gassen hinauf. Durch die freigelegten Dachbalken des ehemaligen Souks fällt das Sonnenlicht in scharfen Streifen auf den staubigen Boden. Die Häuser sind gedrungen, die Lehmwände dick, darin stecken winzige Fenster mit verblichenen Rahmen. Abdullah führt mich durch ein offenes Portal über bröckelige Stiegen in ein Obergeschoss, um dort einen Salon zu zeigen, dessen Wände üppig bemalt worden sind, mit Rosensträuchern, Palmenwedeln und übergroßen Sternen. Anderswo lockt er mich bis in einen winzigen zweiten Stock hinauf, begleitet von der Warnung: "Tritt besser nur dahin, wo ich auch hintrete, auf diese Böden ist kein Verlass mehr." Mein Blick fällt auf eine halb ausgehängte, mit riesigen Nieten verzierte grüne Holztür. "Schleppt niemand so etwas weg, so eine Antiquität?" Abdullah lächelt milde. "Täusch dich nicht, die Tür ist aus den Neunzigern, von den letzten Besitzern." In manche Außenmauern hat der Regen Schlieren gezogen, die wie kunstvolle Reliefs aussehen. Dabei zeigen sie vor allem, wie verwundbar die verbliebenen Bauten sind. Bisher sorgt sich kaum jemand um den Schutz der alten Quartiere. Zu jung ist noch die Freude, ihnen entkommen zu sein.

Ein paar Kilometer oberhalb von Al-Hamra liegt Misfat al-Abrijjin, ein Bergdorf, dessen Häuser teilweise auf Felsblöcken hocken wie Kronen auf Backenzähnen. Der Palmenhain, in abfallenden Stufen auf zahlreiche Terrassenfeldchen gesetzt, umschließt das Dorf wie ein buschiger Rock. Im Haus des früheren Koranlehrers hat vor ein paar Jahren ein Bed & Breakfast aufgemacht, eine bisher einzigartige Herberge. Zwei Enkel des Lehrers betreiben das Haus mit ihrem Onkel. Der musste seine Neffen erst mühsam überzeugen, dass es Touristen gibt, die lieber in alten Mauern am Hang schlafen als in einem Vier-Sterne-Kasten am Highway. Inzwischen werden hin und wieder Touren durch die Terrassengärten angeboten, und ein paar Dörfler überlegen, ob nicht auch noch ein Restaurant und ein paar Läden in den Ort passen könnten, ohne ihn zu sehr herauszuputzen. Momentan essen alle Hostelgäste abends auf dem Dach des Hauses, wo früher im Sommer, als es noch keine Klimaanlage gab, die Familie schlief. Bevor wir das Misfah Old House verlassen, setzen wir uns auf die Terrasse für eine kleine Runde Gastfreundschaft: Kaffee mit Kardamom wird gereicht, dazu gibt es getrocknete Datteln. Keiner unserer Tage geht vorüber ohne drei bis vier dieser kleinen bittersüßen Basis-Sets.

Das nächste Set bietet Abdullah al-Kindi an, ein ibaditischer Islamgelehrter aus Niswa, der uns im Garten seines Hauses empfängt. Dort stehen neben ein paar Dattelpalmen auch ein Mango- und ein Feigenbaum; Rosen- und Bananenstauden teilen sich ein wildes Beet mit Futtermais, wir sitzen unter einer Pergola voller Weinlaub. Al-Kindis Turban und die Dischdascha sind fast grellweiß, sein Bart ist hellgrau, obwohl er kaum 50 Jahre alt sein dürfte. Im Gesicht liegt ein tiefenentspanntes Lächeln. Mit diesem Mann kann man zwanglos über die Ibaditen plaudern – selbst wenn Abdullah noch immer Vorbehalte zu haben scheint und plötzlich besonders gewunden übersetzt. Dabei betont auch Al-Kindi das große Miteinander: "Die Ibaditen sind eine besonders tolerante Strömung. Das hat dazu beigetragen, dass in unserem Land Glaubensfreiheit herrscht. Die Omaner waren schon immer an Menschen anderen Glaubens gewöhnt. Einen Glaubenskrieg haben wir nie geführt." In den Moscheen beten Sunniten und Ibaditen gemeinsam. An einer Stelle des Gebetstextes heben Sunniten die Hände, Ibaditen halten sie gesenkt; weitere Abweichungen im täglichen Ritual gibt es nicht. "Wir stehen den Sunniten nahe. Wir stehen den Schiiten nahe. Eigentlich eignen wir uns bestens für eine Vermittlerrolle." Al-Kindi weiß, vor welchem Hintergrund er spricht. Am Tag zuvor ist der Krieg im Nachbarland Jemen ausgebrochen. Als einziges Land der Arabischen Halbinsel verhält sich Oman im Konflikt neutral.

Auch der Sultan ist ein Ibadit – als Sohn einer Sunnitin und eines Ibaditen. Aber ein geistlicher Führer ist er nicht. Die gab es früher einmal: mächtige Imame, deren Truppen von Festungen im Landesinneren aus das omanische Territorium kontrollierten. Derartige Parallel-Autoritäten ließ allerdings schon der vorige Sultan nicht mehr zu. Dafür sind heute ihre einstigen Festungen und Burgen zu besichtigen, Kolosse aus Lehm und Stein, die über weitläufige, zerzauste Teppiche von Dattelpalmen hinausragen. Besonders imposant schiebt sich das mittelalterliche Fort von Bahla ins Bild, eine scheinbar wuchernde Anlage mit Türmen verschiedener Größe und mehreren Anbauten, in deren Mauern man womöglich eine komplette kleine Altstadt unterbringen könnte. Seit 1987 ist die Festung Weltkulturerbe, aber erst seit 2013 ist sie für Besucher geöffnet, und noch immer fehlt jede erläuternde Beschilderung. Viele Gemächer und Gelasse, leer wie die gesamte Anlage, geben Abdullah Rätsel auf. Beim Gang durch die Gemäuer schrecken wir immer wieder Trauben dahindämmernder Fledermäuse auf. Sie blicken uns kurz aus kalten Augen an und flattern dann durch den nächstdunklen Gang davon. Zurück in der Mitte des riesigen Festungshofs, umgeben vom bizarren Auf und Ab der Zinnen, Türme und Wohnriegel, die alle nicht zusammenpassen wollen, fühle ich mich spontan wie ausgesetzt in einem steinernen Labyrinth.

Wie bescheiden die Moscheen sind, im Vergleich zu dieser Art Trutz-Monumentalismus! Erst seit einigen Jahren lässt der Sultan prächtige Neubauten in die wachsenden Städte stellen. Die alten Exemplare dagegen, die uns ein junger Imam zwischen zwei Gebetszeiten in Niswa zeigt, sind klein und machen eher einen nüchternen Eindruck. Nur die gen Mekka gerichteten Gebetsnischen aus fein ziseliertem Stuck scheinen tatsächlich schon ein paar Jahrhunderte hinter sich zu haben. Der Imam versucht eine entsprechende Inschrift zu entziffern, zückt sein Smartphone, bedient den Taschenrechner, sagt schließlich: "700 Jahre." Er ist selbst erstaunt.

Am nächsten Tag denke ich: Was sind schon 700 Jahre? Und gleich darauf: Was sind schon 7.000 Jahre? Ich stehe auf einem Hochplateau des Dschabal-Schams-Massivs und schaue hinab in das Werk von Jahrmillionen, in den Grand Canyon Omans, das Wadi Nachar. Auf beiden Seiten der gewaltigen Schlucht verlaufen abgefressene Felswände in weitem, wild gezacktem Hin und Her, mal in hellerem, mal in dunklerem Graubraun, wie abgesteppt zwischen harten Platten und brüchigen Bändern aus Kalkstein, nach unten hin sich verengend, wo gute 1.000 Meter tiefer ein trockenes Flussbett liegt, das von oben unsichtbar bleibt. Und dann ist die Spalte in der Erde nicht nur unermesslich breit, sondern auch noch leicht geneigt. Sie liegt in überzeitlicher Gleichgültigkeit vor einem und scheint einem zugleich bedrohlich entgegenzukippen. Wenn je ein Canyon passiv-aggressiv war, dann dieser hier. Auf halber Höhe, welche Gelegenheit, gibt es einen Wanderpfad. Ich marschiere hinein in die Schlucht, tapse zum Teil unter weit überlappenden Felsblöcken entlang, die schon in einem der nächsten Jahrtausende zusammenbrechen könnten, und kehre nach zwei Stunden als tief bewegtes Würmchen zum Ausgangspunkt zurück.

Auf dem Rückweg nach Niswa passieren wir eine Bushaltestelle, in der zwei Ziegen vor der Sonne Zuflucht gefunden haben. Mitten in einem Wadi ist ein Fußballfeld mit zwei Toren angelegt, als glaubte niemand mehr daran, dass jemals wieder Wasser durchs Flussbett rauscht. Das Licht bekommt einen freundlichen Spätnachmittagston. Abdullah nimmt Kurs auf unser Hotel, das einige Kilometer hinter Niswa liegt. Wie wäre es, frage ich, mit einem letzten Gang durch die Stadt? Wo treffen sich die Leute jetzt? Abdullah wirft mir einen amüsierten Blick zu: "In der Moschee!" Einen Moment später sagt er: "Die Jüngeren treffen sich auch in der Shoppingmall." Und schließlich: "Die Elektrizität hat das Leben der Leute sehr verändert. Nach Gott beten wir zur Klimaanlage." Früher trat man vor die Tür, um die Abendluft zu genießen. Das braucht man heute nicht mehr.

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