Auf den ersten Blick wirkt der Palast von Westminster, wie man ihn von Postkarten kennt: die Decken so hoch, dass es hallt. Die Statuen so ehrwürdig wie im Museum. Menschen mit Zeptern erteilen Menschen mit Perücken das Wort. Ohne die Touristen mit ihren Smartphones würde man sich sofort um ein paar Jahrhunderte zurückversetzt fühlen. In eine Zeit, in der die Menschen noch an die Demokratie glaubten.

Doch wir befinden uns im Jahr 2015, und das traditionelle britische Parteiensystem ist so renovierungsbedürftig wie das alte Gemäuer: Am 7. Mai wird ein neues Parlament gewählt, und noch nie in der jüngeren britischen Geschichte war der Ausgang einer Wahl so unsicher und schicksalhaft zugleich.

Sowohl die regierenden Konservativen als auch die Herausforderer von Labour erreichen in Umfragen kaum mehr als 30 Prozent. Ein tragischer Niedergang, wenn man bedenkt, dass sie einst 90 Prozent der Bevölkerung hinter sich hatten. Die Fernsehdebatte, mit der Anfang April der Wahlkampf eröffnet wurde, hat deutlich gemacht, dass die kleinen Parteien die größten Aufsteiger sind: die Ukip, die den Austritt Großbritanniens aus der EU fordert. Und die schottischen Nationalisten, die ihren Kampf für die Unabhängigkeit Schottlands nicht aufgegeben haben. Das Erstarken der Kleinen überfordert das Land, das an zwei Parteien gewöhnt ist und Koalitionen hasst.

Douglas Carswell gehörte lange zu der Welt, die er heute "das politische Kartell" nennt. Sein Büro liegt in einem alten Flügel von Westminster, wo die Zimmer klein sind und die gelben Flure an eine Jugendherberge erinnern. Er musste hier einziehen, nachdem er im Sommer vergangenen Jahres von den Konservativen zur Ukip übergelaufen ist. "Bitte", sagt er, "nennen Sie mich nicht Überläufer. Das klingt so, als hätte ich kein Recht dazu gehabt."

Es ist Ende März, kurz bevor das Parlament für den Wahlkampf aufgelöst wird. Carswell sitzt an seinem Schreibtisch, seine Beine sind so lang, dass sie kaum darunterpassen. Er erzählt von Uganda, wo er aufwuchs. Von Friedrich von Hayek, den er für seine Philosophie des freien Marktes verehrt. Vom Musikstreamingdienst Spotify, der für ihn die Multioptionsgesellschaft symbolisiert. Und von dem Discounter Lidl, der ihn an Ukip erinnert, weil er die Herrschaft der großen Supermärkte brach: "Als ich das erste Mal dort war, verstand ich erst, was ein gutes Angebot ist. So sollte es auch bei Parteien sein!"

Carswell ist kein Mann, der sich gern an ein System anpasst. Er hat zu viele Ideen.

Fast zehn Jahre saß er für die Tories im Parlament. Ein Freigeist zwischen lauter Karrierepolitikern, die in Oxford oder Cambridge studiert hatten und danach in Abgeordnetenbüros arbeiteten, um Abgeordnete zu werden. Er selbst hatte davor als Medien-und Fondsmanager in Frankfurt, Mailand und Brüssel gearbeitet. Er überhäufte die Parteiführung mit Vorschlägen für mehr innerparteiliche Demokratie, doch zu seiner Enttäuschung wurde davon wenig umgesetzt. Seither tragen seine Gegner zwei Namen: Westminster-Elite. Und Brüsseler Elite.

Carswell erzählt von einer deutsch-britischen Konferenz vom März 2014, wo beide Feindbilder zusammenkamen. Es ging um die EU und den Plan von Premierminister David Cameron, erst die EU zu reformieren und dann ein Referendum zur britischen Mitgliedschaft durchzuführen. Laut Carswell haben beide Seiten einen Pakt geschlossen, um die britische Bevölkerung zu belügen. Die Deutschen, skizziert er, würden Cameron kleine Zugeständnisse machen, sie aber als große Opfer darstellen. Cameron wiederum würde sie als große Verhandlungserfolge präsentieren und für den Verbleib in der EU werben. "Mir wurde klar, dass Camerons Referendum ein einziger, ausgefeilter Bluff ist und ich bei den Tories falsch war", sagt Carswell.

Sein Wahlkreis Clacton liegt in der östlichen Region Essex, der ganze Fernsehserien gewidmet sind, weil sie die Heimat des kleinen Mannes symbolisiert. Eine Küstengegend mit zerklüfteten Ortschaften, großen Industriegebieten und weiten Feldern. Früher lebten die Menschen hier von Fischfang und Landwirtschaft. Heute schimpfen sie auf die Regulierungen der EU. Sie fürchten, dass ihnen Einwanderer die Jobs, die Wohnungen und die Plätze in den Krankenhäusern wegnehmen, obwohl die Einwanderungsquote nur vier Prozent beträgt (landesweit liegt sie bei 13 Prozent). Bei den Europawahlen erreichte die Ukip in Essex ihr bestes Ergebnis, es ist ihre Bastion. Ihre Beliebtheit speist sich vor allem aus der Not: In Carswells Wahlkreis gibt es Bezirke, in denen 68 Prozent der Menschen Sozialhilfe beziehen.

Als sich Douglas Carswell zur Ukip bekannte, stellte er sich in Clacton erneut zur Wahl, obwohl er es nicht musste. Sein ehrenhafter Sieg war ein Scoop für die Partei, die oft mit Spesenskandalen und rassistischen Entgleisungen Schlagzeilen macht. Carswell verlieh der Ukip Seriosität, und die Ukip verlieh ihm Freiheit. Dass er, der Globalisierungsfreund, mit der nationalistischen Basis wenig gemein hat, hinderte weder sie noch ihn.

Alex Salmond verkörpert das Gegenteil von Douglas Carswell, und doch gehört auch er zu denen, die das britische Parteiensystem aufmischen. Salmond ist ein linker Schotte, der sich für Pferderennen begeistert und in einer umgebauten Mühle lebt. Im Gegensatz zu Carswell schwärmt Salmond für die EU, weil sie den Schotten hohe Förderungen zahlt. Doch genau wie Carswell macht Salmond derzeit Karriere, weil er sich als Außenseiter inszeniert. Er verbündet sich mit den Menschen in ihrer Verachtung gegen die Westminster-Elite. Womit er der perfekte Typus für das Wahljahr 2015 ist: der Politiker im Gewand des Revolutionärs.

Man muss hoch in den Norden fahren, um ihn zu erleben. Von der Weltmetropole London in die Arbeiterstadt Glasgow, die bei dem Referendum im vergangenen September knapp für die schottische Unabhängigkeit stimmte. In den ärmeren Vierteln sind die Straßen rissig, die Wände mit Graffiti besprüht und die Geschäfte in die Jahre gekommen. Salmonds Partei SNP hat ihre Kampagnenzentrale in Glasgow-Südwest damit eröffnet, Lebensmittelspenden für die hiesigen Suppenküchen zu sammeln.

Sie reden wie in "Game of Thrones" – Winterfell gegen Königsmund

Salmond hat sich ein prächtiges Hotel im Zentrum der Stadt ausgesucht, um seinen Angriff auf Westminster einzuläuten. Schwere Kristallleuchter werfen ein schummriges Licht auf den Ballsaal, in dem sich Hunderte Anhänger mit der Erwartung von Premierengästen niedergelassen haben. Nachdem Salmond das Unabhängigkeitsreferendum landesweit mit 45 zu 55 Prozent verloren hatte, war er als Regierungs- und Parteichef zurückgetreten. Jetzt ist er wieder da. Mit einem Buch – und einer Mission.

Unter minutenlangem Beifall betritt er die Bühne, ein Mann wie ein Bär, mit schweren Augenbrauen und stämmigem Körper. Sein Werk heißt Der Traum wird niemals enden und handelt davon, dass er zwar das Referendum verloren, die Schlacht um Schottland aber gewonnen habe. Seine Kampagne, ruft er in den Saal, habe ihn an den Kampf gegen Apartheid in Südafrika erinnert. "Vor den Anmeldelokalen sah ich überall Schlangen von Menschen in der Sonne, die ihr grundlegendes demokratisches Recht zu wählen nutzten!" Er springt von der Bühne, um zwischen den Sitzreihen auf und ab zu tigern. Die Zuschauer verdrehen ihre Körper, um ihm mit ihren Blicken zu folgen. Wenn er einen Witz macht, lachen sie. Wenn er jemanden beschimpft, buhen sie.

Salmond ist kein Mann, der nach einer Niederlage aufgibt. Er will jetzt noch mehr.