Akkordeon. Akkordeon allüberall, Tassen im Schrank hat keiner mehr, ja man möchte bezweifeln, dass überhaupt noch jemand über einen Schrank verfügt. Sie drehen einfach kollektiv durch, alle 350.000 Einwohner Valledupars, ausnahmslos, vom Kind bis zum Greis plus mutmaßlich 150.000 Besucher, zum manischen Klang des Akkordeons, acht Tage lang, besser: Tage und Nächte, während derer keiner schläft. Man bleibt wach und groovt auf Akkordeon, Aguila-Bier und Old-Parr-Whiskey. Das Festival de la Leyenda Vallenata ist ein beschwingter Hybrid aus Karneval, Katharsis, Musikerwettstreit und akkordeoninduzierter Massenekstase.

Vallenato. Vorgetragen zumeist von einem singenden Akkordeonisten, den rastlosen Rhythmus steuern Trommeln und die Guacharaca bei, ein Schrabbelstock, der wie eine Geige gehalten und mit vergleichbarer Inbrunst gespielt wird. Die Trommel ist afrikanischer Herkunft, die Guacharaca indigen, das Akkordeon haben die Europäer mitgebracht, und so findet dieses multiethnische Land im Vallenato zu einer sondersamen Synthese.

Der Norden Kolumbiens ist die Wiege dieser Musik, Valledupar, unweit der Karibikküste gelegen, ihr Epizentrum. Neben dem Vallenato lebt man hier gediegen vom Schmuggel. Die Tankstellen am Stadtrand bestehen aus Kanistern mit Pumpvorrichtung, das Benzin ist aus Venezuela, woher auch Kühlschränke und andere Elektrogeräte, Waffen und natürlich Akkordeons kommen.

Jahrzehntelang ist auch Valledupar Frontstadt des conflicto gewesen, jenes Bürgerkriegs zwischen Staat, Guerillas, Paramilitärs und Kokainbaronen, der das Land zermürbt. Derzeit ist Kolumbien allerdings dabei, sich trotzig zu berappeln. Und sein Festival hat sich Valledupar sowieso niemals versagt. Vielleicht braucht es ab einem gewissen Stadium des Irrsinns ein noch viel irrsinnigeres Akkordeon, um sich zu behaupten.

Die Plaza Alfonso López im historischen Zentrum ist eigentlich viel zu klein fürs entfesselte Geschehen: Auf der Bühne finden Vorrunden und Halbfinale der Vallenato-Meisterschaft statt, bei der Musiker und Komponisten in den Kategorien Kinder, Jugendliche, Aficionados und Profis antreten, drum herum tobt die stadtgroße Party. Würdige Señoras und heillose Heiopeis grillen Würstchen, offerieren Aguila-Bier, Fotos, Naschkram, kreischbunte Souvenirs. Das 47. Festival verneigt sich vor dem unlängst verstorbenen Diomedes Díaz, einem Vallenato-Gott, dessen klitzekleinen Totschlag auf einer Drogenparty 1997 man ihm nach dreieinhalb Jahren Haft großzügig verzieh. Es gibt sein Konterfei auf mannsgroßen Ölgemälden, auf T-Shirts, Ikonen und Flipflops; in Heiligenpose, in Uniform, mit Akkordeon, in schrill und in schriller.

Es riecht nach Gebratenem, es wird getanzt und gesungen, Kinder treiben an Heliumballons vorbei, bei der Absperrung vor der Bühne drängen sich Fans, Freunde und Familien mit großen Transparenten, um ihren jeweiligen Favoriten anzufeuern; wer immer seine Kategorie gewinnt, darf den Titel rey, König, tragen. Es ist ernst. Es ist ein großer Spaß.

Verblüffenderweise scheint den Spaß noch kein ausländischer Tourist bemerkt zu haben. Die Auswertung meiner persönlichen Statistik dieser Festivaltage ergibt am Ende exakt einen Gringo beziehungsweise eine Gringa: mich. Es bleibt zu hoffen, dass sich mit der touristischen Entdeckung dieser grandiosen Party auch die Idee des homestay verbreitet. Nicht nur um das Problem der bereits ein halbes Jahr im Voraus ausgebuchten Hotels zu lösen. Vor allem wegen der unendlich reizvollen Chance, dadurch tief ins Gewebe des Vallenato-Wahnsinns einzutauchen, der hier das ganze Jahr über gelebt wird und nunmehr bloß kulminiert.

Über eine Freundin ist es mir gelungen, mich vorübergehend adoptieren zu lassen, von einer ortsansässigen Familie, die normalerweise aus Mario und Berli, ihren zwei Söhnen sowie der Haushaltsperle Doña Monica besteht. Aber von normal kann derzeit, wie gesagt, keine Rede sein, und so kommen hinzu: Marios Schwester plus deren Freundin plus eine weitere Freundin – diejenige, die wiederum mich im Schlepptau hat –, eine irgendwie anderweitig verwandte dicke Dame mit Tochter, ein bis zwei Onkel, ein älterer Herr, der auch ein Nachbar sein könnte, sowie eine täglich in frappierendem Ausmaße anwachsende Schar von Cousins und Cousinen. Immer wenn man denkt, man überblicke den Cast, begegnet einem im Badezimmer ein neuer Akteur; immer wenn man denkt, das propere kleine Reihenhaus sei nun zum Bersten gefüllt, hält wieder ein Auto, und eine weitere Wagenladung Cousins ergießt sich daraus. Hey, es ist Vallenato-Festival, wer Verwandtschaft in Valledupar hat, kommt angereist. Dass es dennoch keine Platzprobleme gibt, muss daran liegen, dass niemand zu schlafen gedenkt.

Und so ist jede Familie der Nukleus eines höchst eigenen Mikrofestivals: Die Anlage im Haus auf Anschlag gedreht, wahlweise oder simultan auch die Anlage von Marios SUV, sitzen wir in der Hitze des frühen Abends vor dem Haus, auf Plastikstühlen oder auf dem Gehsteig, der jüngste Cousin hat den Job, ununterbrochen Old Parr nachzuschenken, es wird getratscht, mitgesungen. Und keiner, der nicht wortreich seine Vallenato-Philosophie erläuterte, mit quasireligiöser Emphase. Denn, darüber herrscht Einigkeit, Vallenato sei mehr als Musik, sei tiefster Ausdruck der Seele und vor allem Heimat und Identität, wie sie die globalisierte Popmusik niemals bieten könne. Dutzende, gar Hunderte von Vallenato-Liedern kennen sie auswendig. Einst waren die Texte gesungene Wanderzeitung fahrender Troubadoure, die Tragik und Komik, Geld und Armut, Liebe und Tod, kurz: das Leben in Worte fassten.