Anna Drexlers Aufstieg begann als Randfigur. Mit strähnigem Haar stand sie als Onkel Wanjas Nichte Sonja auf der Bühne der Münchner Kammerspiele und revoltierte gegen die allgegenwärtige Tschechowsche Trostlosigkeit. Sonja umschwärmte den Arzt Astrow und wirkte zugleich tapsig und selbstironisch. Diese Mehrdeutigkeit ist charakteristisch für Drexlers Spiel. Die Augen unter der dicken Brille riss sie weit auf, hungrig lauernd auf das Leben. "Warum denn immer ich?", fragte sie einen Mitspieler, der sie aufforderte, ihn in den Arm zu nehmen. Drexler gelang es, als Dienstmädchen die Mächtigen zu verspotten, wie man es von einem Shakespeare-Narren kennt. Aus einer Gruppentherapie der Melancholiker und Phlegmatiker stach sie als Sanguinikerin hervor.

Das war 2013. Drexler, die erst zwei Wochen vor der Premiere für eine kranke Kollegin eingesprungen war, wurde zur Sensation des Abends. Das vierte Ausbildungsjahr an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule schenkte sie sich dann, Intendant Johan Simons holte sie fest ins Ensemble. Während ihre Kommilitonen zu Intendantenvorsprechen fuhren, wurde sie von Theater heute zur Nachwuchsschauspielerin des Jahres gekürt. In Zeiten, da Castingshows pausenlos Stars produzieren, braucht das Theater vielleicht so eine Aschenputtel-Geschichte.

Wie eine Märchenprinzessin wirkt die Schauspielerin hingegen nicht, wenn sie in Armeestiefeln durch die Innenstadt von München stapft. Die Wollmütze hängt über dem blonden Pferdeschwanz und lässt die junge Frau studentenhaft aussehen. Text lernt Anna Drexler am liebsten in kurzer Zeit unter Druck, "sonst liegt er dort neben mir und bedroht mich". Die 25-Jährige erzählt, auf welche Weise sie sich eine Figur anverwandelt. Alles beginnt mit einem diffusen Gefühl. Drexler schmeckt den Namen ihrer Rolle nach Sinn ab. "Stella hat für mich etwas Somnambules, zugleich etwas ganz Weiches, Sanftes." Stella, das ist ihre Rolle aus Accattone. Drexlers Mentor Johan Simons wird mit dem Stück nach einem Film von Pier Paolo Pasolini am 14. August seinen Einstand als Intendant der Ruhrtriennale geben. Pasolini zeichnet in seiner ersten Regiearbeit Accattone – Wer nie sein Brot mit Tränen aß aus dem Jahr 1961 ein Subproletariat, das an der Peripherie der Zivilisation ums Überleben kämpft. Simons setzt Pasolinis Text in seinem Musiktheaterprojekt ins Spannungsverhältnis zu Kantaten von Johann Sebastian Bach, er konfrontiert also das himmlische Erlösungsversprechen der Musik mit der Realität. Stella ist eine junge Frau, die sich in Accattone, den Bettler, verliebt und von ihm in die Prostitution gedrängt wird. Anna Drexler: "Man kann aber nicht sagen, bei Pasolini kämen die Frauen schlecht weg. Accattone behandelt auch seine Freunde mit großer Rücksichtslosigkeit. Die Verhältnisse bestimmen das Verhalten."

Die Schauspielerin spricht mit Bedacht, zerteilt mit ihren Händen die Luft präzise in unsichtbare Häppchen. Nur einmal stockt ihre weiche Stimme: Sie berichtet, dass sie nicht wie geplant mit der neuen Spielzeit ans Deutsche Theater Berlin wechselt. Die bislang schwerste Entscheidung ihrer Karriere. Sie gab stattdessen Matthias Lilienthal den Zuschlag, der nach der Sommerpause die Münchner Kammerspiele übernimmt, und zog mit ihrem Freund zusammen, einem Ensemblekollegen.

Lange Zeit wollte Anna Drexler eine andere Rolle spielen als ihre Eltern. Ihr Vater Roland Koch gehört zum Ensemble des Burgtheaters, ihre Mutter macht Off-Theater in Berlin. In der Hauptstadt wuchs die 1990 in Filderstadt bei Stuttgart geborene Drexler als mittleres von drei Mädchen auf. Bei Partys in Theaterkreisen schnappte sie als Kind Sprachfetzen auf, Chiffren aus dem Bühnenkosmos. Den Namen Luk Perceval kannte sie, ehe sie wusste, womit Regisseure ihr Geld verdienen. Aufgewachsen in Künstlerkreisen, sehnte sie sich als Teenagerin nach einem bürgerlichen Beruf und wollte Konditorin werden. Geblieben ist vom Kindheitstraum die Vorliebe für den "Moment der Spannung, etwas Geschaffenes in die Welt hinauszulassen", ob bei Tortenkreationen oder Theaterpremieren.

In ersten Drexler-Porträts wunderten sich die Journalisten, dass sie beim Interview nicht die graue Maus aus dem Onkel Wanja vor sich hatten. Hat sie das gekränkt? "Ach, das ist gar nicht schlimm", sagt sie mit einem gurrenden "g" und einem fröhlichen langen "a". Auch der Hype um ihre Person berühre sie nicht. "Der hat für mich keine Form." Man nimmt ihr sogar ab, dass sie nach ihrem Karrierestart keinen übermäßigen Erfolgsdruck verspürt. Sie strahlt eine seltsame Ruhe aus, im Leben wie auf der Bühne.

Dieses unerhörte Beisichsein verleiht ihr in Martin Kušejs Inszenierung von Martin Sperrs Theaterstück Jagdszenen aus Niederbayern eine fast unheimliche Aura. Die Bühne der Münchner Kammerspiele ist wie ein Schlachthaus. Das Licht gedämpft, der Tod allgegenwärtig. Die Arbeitsroutine hat die Menschen lethargisch gemacht. Sie bewegen sich zombiehaft, ihre Blicke sind starr auf die Beute gerichtet. Eine Hatz im Schneckentempo. Anna Drexler ist die Einzige, die rennt. Die sich der allgemeinen Lähmung widersetzt. Aus der äußeren Bewegung scheint ihre Figur aber eine innere Unerschütterlichkeit zu ziehen. Denn als Dorfhure Tonka, die von dem homosexuellen Abram ein unmögliches Beziehungsbekenntnis einfordert, wirkt die Schauspielerin auf eine provozierende Weise in sich ruhend. Deshalb erscheinen die Männer, die sich an ihr bedienen, noch einmal so jämmerlich.