Philip, wir verstehen uns gerne als europäische Musterknaben: Die Wirtschaft floriert, der Haushalt kommt ohne neue Schulden aus, und der Arbeitsmarkt wurde schon vor zehn Jahren reformiert. Die anderen haben die Regeln gebrochen – Deutschland hält sie ein.

Dabei verstoßen wir gegen eine der wichtigsten Regeln der Währungsunion, und das schon seit Jahren. Es geht um die Vorschriften für den Saldo in der Leistungsbilanz. Die Leistungsbilanz misst den Austausch von Waren und Kapital eines Landes mit dem Rest der Welt. Erlaubt ist ein Überschuss von maximal 6,5 Prozent der Wirtschaftsleistung. Im vergangenen Jahr betrug das Plus 7,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, in diesem Jahr werden es nach Schätzungen der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute 8,5 Prozent sein. Deutschland hat den größten Leistungsbilanzüberschuss der Welt.

Ein solcher Überschuss zeigt an, dass ein Land erheblich mehr exportiert, als es importiert. Deutschland stellt mehr Maschinen und Autos her, als es im eigenen Land absetzen kann, und verkauft deshalb einen immer größeren Teil seiner Güterproduktion an den Rest der Welt – ohne als Ausgleich von dort im selben Umfang Waren zu beziehen.

Damit werden in Deutschland Jobs geschaffen, die im Ausland fehlen – und das in einer Zeit, in der die deutsche Wirtschaft ohnehin boomt, während es in vielen Ländern Europas erheblich schlechter läuft.

Zwar hat sich der Überschuss zuletzt von den Mitgliedsstaaten der Währungsunion auf Länder wie die USA verlagert. Aber das bedeutet nicht, dass er damit weniger gefährlich wäre. Denn je mehr Marktanteile die deutschen Firmen ihren amerikanischen Konkurrenten abjagen, desto wahrscheinlicher wird es, dass die amerikanische Regierung irgendwann Gegenmaßnahmen ergreift und zum Schutz ihrer Firmen beispielsweise auf eine Abwertung des Dollar hinwirkt. Die wiederum würde Betriebe in ganz Europa treffen.

Hinzu kommt: Deutschland wird durch seinen Exportwahn zu einer Quelle der Instabilität an den Weltbörsen. Denn ein Überschuss in der Leistungsbilanz bedeutet auch, dass die Unternehmen, die Haushalte und der Staat mehr sparen, als sie im eigenen Land investieren. Das überschüssige Geld strömt auf der Suche nach Rendite in die Welt hinaus – und trägt dazu bei, dass sich an den Finanzmärkten neue spekulative Blasen bilden. Genau so, wie die hohen chinesischen Überschüsse nach der Jahrtausendwende den Boom am amerikanischen Immobilienmarkt angeheizt haben.

Der frühere US-Notenbankchef Ben Bernanke hat also recht, wenn er den deutschen Überschuss als "Problem" bezeichnet – und die Politik muss ihren Beitrag zur Lösung dieses Problems leisten. Angesichts maroder Straßen und Schienen wäre es sinnvoll, mehr Geld im eigenen Land zu investieren, statt es in ausländische Anleihen zu stecken. Und auch die Löhne müssten stärker steigen. Dadurch hätten die Arbeitnehmer mehr Geld in der Tasche, was sie auch für den Kauf ausländischer Waren ausgeben könnten.

Der Spielraum für solche Maßnahmen ist da: Der Staat kann sich dank der niedrigen Zinsen praktisch zum Nulltarif verschulden, und nach Jahren der Lohnzurückhaltung ist ein kräftiges Gehaltsplus für die Wirtschaft verkraftbar. Die nominalen Tariflöhne in Deutschland werden in diesem Jahr jedoch nur um 2,8 Prozent zunehmen. Da geht noch mehr. Dein Mark

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