Seine Englischlehrerin nannte ihn immer Ali. Dabei hieß er Anand. Die Frau konnte sich seinen Namen nicht merken. Oder wollte es nicht. Auf dem Schulhof wurde er mitunter herumgestoßen: die Mitschüler im Kreis, er in der Mitte. Weil der Junge mit dem indischen Vater und der deutschen Mutter etwas anders aussah. Heute würde man das Mobbing nennen. Er hat es damals eher als lästige Begleiterscheinung empfunden. Die man in Kauf nehmen muss, wenn man aus dem Rahmen fällt und dennoch etwas erreichen will.

Nein, auf seine Schulzeit will Hans Anand Pant nichts kommen lassen. "Es waren wunderschöne Jahre", sagt Pant. Viele junge, hingebungsvolle Lehrer, ein riesiges Kursangebot, Arbeitsgemeinschaften für Kunst oder Theater, für die er freiwillig bis zum Nachmittag in der Schule blieb. Noch heute besucht der 52-Jährige sein Gymnasium im hessischen Hofheim, jedes Jahr. Und hätte ihm das Wiesbadener Arbeitsamt nicht die sichere Brotlosigkeit prophezeit, wäre aus Pant vermutlich kein Schulforscher geworden, sondern Lehrer.

Nun rückt Hans Anand Pant seinem ehemaligen Traumberuf wieder näher. Mitte des Jahres wird er wissenschaftlicher Leiter der Deutschen Schulakademie. Getragen von der Robert-Bosch-Stiftung und der Heidehof-Stiftung, ist die Einrichtung der wohl interessanteste Versuch, der müde gewordenen Reformdebatte im Bildungswesen neuen Schwung zu geben.

Diesmal soll die Bewegung von unten statt von oben ausgehen, nicht vom Staat, sondern von den Schulen selbst. Die Lehrerkollegien sollen sich das Virus der Veränderung quasi freiwillig einfangen – landesweit und nicht nach der Schrebergartenlogik des Bildungsföderalismus. Gleichzeitig will die Schulakademie, die nächste Woche in Berlin Eröffnung feiert, die Weisheit der Praxis mit der Sachkunde der Wissenschaft verbinden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 17 vom 23.4.2015.

Dass die Gründer für diese Aufgabe ausgerechnet Hans Anand Pant als Kopf gewinnen konnten, ist ein kleiner Coup. So schnell wie Klatsch im Lehrerzimmer ging die Nachricht in der bildungspolitischen Szene herum: Einer der renommiertesten Bildungsforscher Deutschlands schult um. Tauscht die politisch wohl einflussreichste Stellung, die ein Wissenschaftler seines Metiers erlangen kann, gegen einen Posten in einer privaten Einrichtung, die nicht mehr ist als ein Versprechen. Wechselt von einer Institution mit hundert Mitarbeitern zu einer Initiative, die bislang nicht einmal Büros hat.

Dass Hans Anand Pant für die Spitze der Schulakademie eine treffliche Wahl ist, bezweifelt niemand. Er hat selbst erfahren, wie Lehrer Kinder für Neues begeistern können – und weiß zugleich, "was schlechter Unterricht in einer Lernbiografie anrichten kann". Pant kennt die besten Schulen Deutschlands aus vielen Besuchen und kann wie kaum ein Zweiter über das Versagen des Schulsystems berichten: die hohe Zahl der Bildungsverlierer, den großen Einfluss der sozialen Herkunft auf die Zukunft, die ungleichen regionalen Bildungschancen.

In den letzten fünf Jahren waren diese Probleme Pants täglich Brot. Seit 2009 leitet er das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen. Das IQB ist eine Art Zwitterwesen aus unabhängiger wissenschaftlicher Instanz und weisungsgebundener Behörde, das die Kultusministerkonferenz (KMK) mit dem Mut der Verzweiflung nach der ersten Pisa-Pleite ins Leben gerufen hat.

Hier werden die Bildungsstandards für die einzelnen Fächer erdacht und die Leistungsvergleiche zwischen den Bundesländern organisiert. Wenn es heißt, dass bayerische Schüler ihren Bremer Altersgenossen zwei Jahre voraus sind, ostdeutsche Jugendliche kaum Englisch können oder Westdeutsche schlecht in Mathe sind, dann kommt die Botschaft meist aus dem IQB in Berlin.

Während sich seine Mitdirektorin Petra Stanat eher um die inneren Angelegenheiten kümmert, vertritt Pant das Institut nach außen. In unzähligen Vorträgen versuchte er, Lehrer und Schulleiter vom kompetenzorientierten Lernen zu überzeugen, und verhandelte mit Kritikern über die umstrittenen Vergleichsarbeiten (Vera) in der Grundschule. Gleichzeitig macht Pant Politik: indem er Vorlagen für die Beschlüsse der KMK schreibt – und den (ständig wechselnden) Kultusministern das von ihren Vorgängern vormals Beschlossene erklärt.

Pants Vorgänger Olaf Köller hatte an dem Spitzenjob gelitten ("Jeden Tag, den ich nicht mehr beim IQB bin, geht es mir besser"). Ihm selbst dagegen schien der Platz zwischen Wissenschaft und Politik zu behagen. "Fast täglich habe ich mit der KMK telefoniert", sagt er – und es hört sich bei ihm nicht wie ein Albtraum an. Umso überraschender die Botschaft, dass gerade er hinschmeißt.

Man kann viele Gründe für seinen Seitenwechsel aus Pant herausfragen. Der Verdruss über die "gelegentlich geleeartige Bildungsbürokratie", der ewige Streit ums Geld beim IQB ("Um jeden Euro muss man kämpfen"), auch der Wunsch, etwas mehr selbstbestimmte Zeit zu haben, etwa für seinen alten Vater. Als Pants Hauptmotiv bricht jedoch immer wieder etwas anderes durch, das man unter Schulforschern überraschenderweise nicht besonders häufig antrifft: die fast naive Schwärmerei für gute Schulen.