Ein Dreivierteljahr geht das nun schon so: reden, drohen, streiken. Und wieder von vorn: reden, drohen, streiken. Es ist ein ritualisierter Wahnsinn. Seit Sommer verhandeln die Deutsche Bahn und die Lokführergewerkschaft GDL über ein neues Tarifwerk. 16 Verhandlungsrunden hat es bislang gegeben, Dutzende Pressemitteilungen und mehrere Hundert Stunden Streik. Mit dem aktuell siebten Ausstand, der im Personenverkehr noch bis Donnerstagabend und im Güterverkehr bis Freitagmorgen andauern soll, kommen noch mal 66 Stunden hinzu.

Und mit welchem Ziel? Die GDL fordert fünf Prozent mehr Geld, eine Stunde weniger Arbeitszeit und eine Begrenzung von Überstunden. Doch dafür streiken die Lokführer in diesen Tagen nicht einmal. Denn über Inhalte haben Bahn und GDL noch überhaupt nicht gesprochen. Bislang geht es einzig um die Tarifstruktur, also die Frage, welche Gewerkschaft welche Berufsgruppe in welchem Tarifvertrag vertreten darf.

Die GDL beharrt auf ihrem Anspruch, künftig nicht nur für die Lokführer, sondern auch für Zugbegleiter oder Bordgastronomen zu verhandeln. Die Bahn hingegen, die parallel Tarifgespräche mit der sehr viel größeren Eisenbahngewerkschaft EVG führt, will für eine Berufsgruppe nicht zwei Tarifverträge gelten lassen.

In diesem Tarifspektakel steht eine Gewerkschaft, die weniger um Geld als um Geltung kämpft, einem Bahnkonzern gegenüber, der eine Einigung möglichst so lange hinauszögern möchte, bis das umstrittene geplante Gesetz zur Tarifeinheit den Einfluss von Spartengewerkschaften begrenzt. Eine sich profilierende Gewerkschaft und ein taktierender Vorstand sind die wahren Gründe, weshalb zig Millionen Bahnkunden seit Monaten Millionen Stunden auf leeren Bahnsteigen verplempern.

Die Rivalen in diesem Machtkampf sind zwei Männer, die nicht viel gemein haben außer einem großen Ego: Claus Weselsky, der oberste Lokführer, ist ein Polterer, der sich gern als unerschrockener Arbeiterführer geriert. Je heftiger die Auseinandersetzung, desto größer scheint seine Lust am Streit. Ulrich Weber, der Personalvorstand bei der Bahn, gilt zwar als Mann der leisen Töne, ist in der Sache aber ebenso knallhart wie der GDL-Führer und lässt sich von dessen forscher Art zuweilen provozieren.

Wenn die beiden Alphamännchen aufeinandertreffen, ist völlig unberechenbar, wie sie wieder auseinandergehen. Es kann auch passieren, dass sie dieselben Gespräche komplett unterschiedlich bewerten. "So weit waren wir noch nie", ließ Bahnvorstand Weber verlauten, nachdem Weselsky die Verhandlungen Ende vergangener Woche erneut für gescheitert erklärt hatte. Es sei "völlig unverständlich", dass die GDL "einen Meter vor der Ziellinie" zum Arbeitskampf aufrufe. Weselskys Reaktion darauf: "Da denkst du, du sitzt im falschen Film." Was auf dem Tisch liege, sei nichts wert.

Wie unversöhnlich sich die beiden Parteien gegenüberstehen, wird auch in den Pressemitteilungen deutlich. GDL läuft Amok titelte die Pressestelle der Bahn einmal. GDL-Chef Claus Weselsky sieht sich als Opfer einer "Hetzkampagne" und in die Nähe von Terroristen gerückt, die die Bahnnation in "Geiselhaft" nähmen, spricht aber selbst von einem "Frontalangriff" durch den Gegner. Beide Parteien reden, als befänden sie sich im Krieg. Und wer sich erst im Krieg wähnt, macht keine Kompromisse mehr.

Weber und Weselsky haben sich verkämpft. Im Tierreich benutzt man diesen Begriff, wenn sich etwa zwei Hirschbullen mit ihrem Geweih derart ineinander verkeilt haben, dass sie alleine nicht mehr voneinander loskommen. Am Ende können beide daran verenden.

Auch Weber und Weselsky scheinen sich ohne fremde Hilfe aus ihrer Kampfstarre nicht befreien zu können. Beide wollen gewinnen und erzeugen dabei nur Verlierer. Die GDL verliert an Ansehen, die Bahn verliert Kunden. Es trifft auch Hunderte Unternehmen, denen der Nachschub ausgeht, wenn die Güterzüge stillstehen. Die größten Verlierer aber sind die Bahnfahrer, die nicht zur Arbeit oder nach Hause kommen, obwohl sie für diesen Streit nichts können.

So sehen das auch Verbraucherschützer: "Pendler, Familien, Urlaubsreisende erneut durch einen Streik auszubremsen geht gar nicht", sagte Klaus Müller, Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands, dem Tagesspiegel. Seine Forderung: Bahn und Lokführer sollten sich auf einen Schlichter einigen.

Das scheint sinnvoll, damit es in dem Spiel um Macht endlich um die Sache geht. Doch auch was Macht und was Sache ist, ist umstritten. Weselsky verkündete via Passauer Neue Presse: "Die Bahn verlangt von uns Kompromissfähigkeit. Sie selbst ist aber nicht dazu in der Lage. Unter diesen Voraussetzungen gehen wir nicht in eine Schlichtung."