Flüchtlinge nutzen uns mehr, als sie uns kosten

Von Caterina Lobenstein, Gero von Randow und Merlind Theile

Migration schade den sozial Schwächeren im Ankunftsland? Das Gegenteil ist wahr. Irreguläre Einwanderung nährt vielmehr jene Schattenwirtschaft, die das Lohnniveau zulasten der Schlechterverdienenden drückt. Ökonomische Untersuchungen zeigen regelmäßig, dass steigende Einwanderung das Lohn- und Beschäftigungsniveau weitgehend unberührt lässt.

Erfahrungsgemäß nehmen Einwanderer oft solche Jobs an, die schwer zu besetzen sind: in der Landwirtschaft, im Bau- und Verkehrswesen, im Handwerk, in der Altenpflege. Die Waren und Dienstleistungen dieser Branchen bleiben dadurch erschwinglich, was vor allem den unteren Einkommensgruppen nützt. Zudem konsumieren die Eingewanderten ja auch, sie bezahlen für Nahrung, Transportmittel, Kleidung: alles Wachstumsimpulse, und sie liegen im Interesse gerade der Arbeitslosen und Geringverdienenden.

Eine alternde Gesellschaft wie die deutsche braucht außerdem Zuzug: Bis 2050 benötigen wir jedes Jahr rund 400.000 zusätzliche Arbeitskräfte – das hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ausgerechnet. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer und der Handwerksverband ZDH haben sich im März mit einer Erklärung an den Bund gewandt: Sie fordern, die Berufsabschlüsse von Flüchtlingen anzuerkennen. Sie fordern Sprachkurse für Flüchtlinge. Und sie fordern eine Beschleunigung der Asylverfahren. Denn viele Betriebe würden Flüchtlinge zwar einstellen oder ausbilden, wollen aber sichergehen, dass die auch langfristig in Deutschland bleiben dürfen.

Migration nützt allen, auch den Herkunftsländern. Die meisten Flüchtlinge, die hierherkommen und arbeiten gehen, schicken Geld in die alte Heimat, und wenn sie zurückkehren, ergeben sich aus ihren neu erworbenen Qualifikationen wiederum Wachstumsimpulse für die Ursprungsgesellschaft. Eine Einwanderungspolitik der offenen Grenzen wäre echte Entwicklungshilfe.

Offene Grenzen machen es leichter zu kommen – aber auch, wieder zu gehen.

Es kann auch zu viel Fremdheit geben

Paul Collier lehrt Ökonomie in Oxford. Interview: Mariam Lau

DIE ZEIT: Professor Collier, kann es zu viel Zuwanderung geben?

Paul Collier: Selbstverständlich. Wenn in einer Gesellschaft das Ausmaß an Heterogenität dazu führt, dass die Bereitschaft zur Zusammenarbeit sinkt, zur gegenseitigen Rücksichtnahme, wenn das Vertrauen in den Nachbarn abnimmt, dann hat man ein Problem. Spanische Wissenschaftler haben kürzlich eine Studie veröffentlicht, nach der die Bereitschaft ihrer Landsleute, Steuern zu zahlen und damit Sozialleistungen zu finanzieren, wegen der Zuwanderung rapide nachgelassen hat. Moderne Sozialstaaten, wie es sie in Europa gibt, sind ein Wunder an Kooperation und institutionalisierter Teilhabe, wir merken das oft schon gar nicht mehr, so selbstverständlich ist es – aber das kann in einer oder zwei Generationen verspielt werden. Eine Gesellschaft kann zu wenig Heterogenität haben – aber auch zu viel.

ZEIT: Inwiefern hat Migration mit dem Verlust an Vertrauen zu tun?

Collier: Deutschland ist noch lange nicht an dem Punkt, zu viel Heterogenität zu haben. Aber Migranten bringen die Moralvorstellungen ihrer eigenen Gesellschaften mit. Wenn sich zum Beispiel der Ehrenkodex einer Gruppe lediglich auf die Angehörigen des eigenen Clans bezieht, dann hat das eine ganze Reihe von Folgen für die Leistungsbereitschaft, die Solidarität mit Fremden, die Haltung zum Rechtsstaat. Amerika hat viel mehr Diversität als Deutschland – aber eben noch viel weniger Großzügigkeit, viel mehr Ungleichheit.

ZEIT: In Deutschland wird argumentiert, wir bräuchten dringend noch viel mehr Zuwanderung, um unsere niedrige Geburtenrate zu kompensieren, den Fachkräftemangel auszugleichen.

Collier: Daran glaube ich absolut nicht. Es wird niemals reichen, um die notwendige Reproduktionsrate von 2,1 Kindern pro Frau wiederherzustellen, die in Deutschland schon einmal bestand. Das Land hat zu wenig darin investiert, den Kinderwunsch zu fördern – und jetzt herrscht ein kulturelles Klima vor, in dem das Kinderhaben nicht mehr das Normalste von der Welt ist.

ZEIT: Ist Migration überhaupt ein ökonomisches Thema?

Collier: Nein. Das ist es ja, was die aktuelle Debatte so grauenvoll macht: Befürworter wie Gegner reden immer nur über die Ökonomie, dabei spielt Migration dafür weder in die eine noch in die andere Richtung eine größere Rolle. Genauso widerlich sind all die rassistischen "Argumente", die man hören kann. Denn unsere erste Aufgabe ist es, uns um die Immigranten zu kümmern, die bereits da sind. Ich dachte, Europa sei endlich in der Lage, eine Diskussion über Einwanderung zu führen, die nicht sofort in den Schlagabtausch mündet: "Wir hassen Immigranten" gegen "Wir hassen die Leute, die Immigranten hassen". Worüber wir reden müssen, das ist das Level an Vertrauen in unseren Gesellschaften. Aber so weit sind wir offenbar noch nicht.