Hamburg, die schöne Stadt am Meer! Mein Stammwirt, Wolfgang Wagner aus der Wirtschaft Zu den Drei Steubern in Frankfurt-Sachsenhausen, Ecke Klappergasse, ist 82 Jahre alt. Manchmal sitze ich mit ihm am Buffet, und dann singen wir Auf der Reeperbahn nachts um halb eins oder Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise. Wir sehen dann im Geist Hans Albers in einer Barkasse auf der Elbe herumtuckern, vielleicht gerade an Blohm und Voss vorbei.

Ich wohne jetzt seit einigen Monaten hauptsächlich in Hamburg. Immer wenn ich in meine alte Heimat zurückkomme, fragt mich Wolfgang Wagner, wie denn Hamburg sei, und fügt jedes Mal an: "Hamburg, des muss e schee Stadt sein." Obwohl die Antwort darauf natürlich Ja lauten müsste, antworte ich stets erst einmal, dass die Luft dort ziemlich schlecht sei (es gibt ja unglaublich viele Autos in Hamburg). Aber da muss doch gute Luft sein, sagt dann Wolfgang immer. So am Meer!

Ich habe in den letzten Monaten festgestellt, dass nicht wenige Menschen in meiner Heimat glauben, Hamburg liege an der Nordsee. Dass die Stadt 100 Kilometer vom Meer entfernt ist, wirkt meist etwas ernüchternd.

Der erste bleibende Eindruck, und auch der mit der meisten Tiefenwirkung, ist für den Neu-Besucher der Blick von den Landungsbrücken gen Süden und Westen. Das ist der Beginn jeder Hamburg-Romantik. Man sieht etwas, zu dem man nie hinkommen und mit dem man auch nie direkt etwas zu tun haben wird: Kräne. Diese Kräne sind aufgeladen mit nicht weniger als mit der ganzen Welt. Unsere Sprache hat dafür ein passendes Wort: Sehnsucht. Man sieht die Kräne, das Wasser, die Schiffe, ganz so, als sei man schon am Meer, und die Schiffe fahren in die Welt hinaus, wie in einem Hans-Albers-Lied. Ich habe das inzwischen unzählige Male erlebt: Man bekommt Besuch, der Hamburg nicht kennt, läuft mit ihm herum, dann gelangt man zu den Landungsbrücken, und plötzlich bricht beim Besucher eine Gefühlswelt auf wie mutatis mutandis früher bei mir, wenn meine Mutter eine Iwan-Rebroff-Platte auflegte: Plötzlich wurde die Welt weit und groß wie eine Verheißung.

Ohne das Wasser, also die Elbe, die hier stellvertretend für das Weltmeer steht, würde das nicht funktionieren. Viel vom Hamburger Ersteindruck stellt sich über Wasser her. Ich stelle mir vor, wie es wäre, dort mit meinem Frankfurter Wirt, dem Sachsenhäuser Urgestein, in Hamburg herumzulaufen. Eine Erst-Tour durch Hamburg. Was würde er zu dem Stadt/Wasser-Komplex sagen?

Der Schriftsteller Andreas Maier. Zuletzt veröffentlichte er den Roman "Die Straße". © Marius Becker dpa/lhe

Die Speicherstadt fände er mit Sicherheit beeindruckend, symmetrisch, funktional, auf den ersten Blick ordentlich, vielleicht wie seinen eigenen Apfelweinkeller, zumal die Speicherstadt ja auch nur knappe 50 Jahre älter als er selbst ist. Zur neuen HafenCity mit Elbblick würde er sagen: "Das haben die aber fein gemacht." Dass der ganze Stadtteil sehr geplant, in einem schnell veraltenden Zeitgeist und übrigens auch ziemlich kahl rüberkommt, wäre für ihn egal. Er würde eher die Bauleistung beachten und überhaupt loben, dass hier etwas gemacht wird und dass die das so schön und ordentlich hingekriegt haben (auch wenn die Häuser dort schon jetzt nicht mehr ganz frisch aussehen).

Das ist unsere Frankfurter Baumarktmentalität, deshalb finden die meisten Frankfurter ja auch unseren Monsterflughafen so toll, wenn sie nicht zufällig den Lärm abkriegen. Und tatsächlich, die HafenCity zieht aus genau diesen Gründen Besucher an: Besucher wollen gern Großes und Neues. Als in Frankfurt das ähnlich kahle neue Europaviertel zugänglich wurde, sind die Frankfurter wochenlang dorthin gepilgert. In Hamburg ist das Filetstück des neuen Bezirks natürlich die große Promenade an der Elbe entlang bis hin zur Elbphilharmonie. Wenn die Sonne sich senkt über dem Wasser (und den Kränen), ist das ein wunderbarer Anblick. Oder besser gesagt: Ausblick. Denn das wichtigste dort ist weniger die allgemeine Schachtelarchitektur als vielmehr der Ausblick. Über die Elbphilharmonie wird er (Wolfgang Wagner gehört nicht zum klassischen Konzertpublikum) das sagen, was sie noch in ein, zwei Generationen sagen werden: "Und des Ding da soll so viel gekostet haben? Iss aber schee geworden. Habe die jetzt eigentlich geöffnet?"