Das Glück der eigenen Kinder liegt in unseren Händen – davon sind wir iranischen Mütter überzeugt. Im Westen wird man sich darüber wundern, aber wir finden, es ist unsere Aufgabe, den passenden Ehepartner für sie zu suchen. Und so beginnen wir irgendwann ihren Freundeskreis zu scannen, um ja nicht den künftigen Schwiegersohn oder die künftige Schwiegertochter zu übersehen. Dabei haben wir einen klar definierten Kriterienkatalog: Wie ist die Familie, wie das Auftreten und das Benehmen, wie steht es um den Verstand und vor allem ums Herz? Es geht uns Müttern nicht darum, unsere Kinder zu verkuppeln, sondern sie glücklich zu sehen.

Doch die Tradition verliert ihre Macht. Viel schneller, als es uns Eltern lieb ist. Unsere Kinder haben ihren eigenen Kopf. Was uns vertraut ist, sehen sie kritisch. Sie treffen ihre Entscheidungen.

Während Deutschland immer älter wird, ist der Iran jung: 60 Prozent der Bevölkerung sind unter 30 Jahre alt. Die Jugend ist bei uns also in der Mehrheit, das macht sie stark und die Tradition schwach. Die Satellitenschüsseln tun ihr Übriges. Fast 60 Prozent der Haushalte besitzen diesen Zugang zur westlichen Welt, die den jungen Iranern vertraut ist und die sie nachahmen wollen.

Wir Eltern beobachten die unaufhaltsame Entfremdung von unserer Tradition mit Sorge. Gleichzeitig versuchen wir, unsere Kinder zu verstehen. Wir wollen sie nicht verlieren. Und auch die Kinder sind bemüht, die Gefühle der Eltern nicht zu verletzen. Die familiären Bande sind in unserem Land sehr stark, eine offene Rebellion kommt für unsere Söhne und Töchter nicht infrage. Auf ihren Willen und ihre Wünsche wollen sie natürlich trotzdem nicht verzichten. Das macht sie erfinderisch. Auch in der Liebe.

Shirin und Navid sind heute verheiratet. Zuvor kannten und liebten sie sich zwei Jahre lang. Das wussten alle – außer ihren Eltern. Seine Geschenke wurden zu Hause als Geschenke einer Freundin ausgegeben, seine Handynummer unter einem weiblichen Namen gespeichert. Sie liebten sich heimlich und erfanden viele kleine Lügen, um sich zu sehen. Sie hatten Schuldgefühle, waren aber auch gleichzeitig wütend, dass sie ihr Glück nicht zeigen durften. Am schlimmsten allerdings war es, darauf zu warten, dass ihre Familien so weit waren, ihre Entscheidung zu akzeptieren. Angst davor, dass ihre geliebten Kinder eventuell die falsche Entscheidung treffen, ist fast immer der Grund dafür, dass die Eltern dieses nicht leicht hinnehmen.

Shirins Mutter ahnte als Erste, dass da mehr war zwischen ihrer Tochter und dem jungen Mann, der sie abholte und wieder nach Hause brachte. Sie wollte alles wissen. Der Vater machte sich nicht viele Gedanken, denn er war sich sicher: Wenn es um die Ehe seiner Töchter geht, wird er das letzte Wort haben.

Er selbst hatte damals keine freie Wahl gehabt. Seine Eltern suchten ihm seine Frau aus. Sie sind zwar bereits seit 30 Jahren verheiratet, aber tief in ihrem Innern wussten Shirins Eltern, dass Vernunftehen keine Glücksehen sein konnten.

Die gesellschaftliche Konvention ist auch heute noch bei zerstrittenen Familien oft der einzige Grund für eine lange Ehe. Der Zwang bindet ein Paar aneinander, nicht der Wunsch zusammenzubleiben. Der Vater kannte genügend solcher Beziehungsgeschichten. Trotzdem konnte er sich nicht so einfach für das Neue öffnen und seiner Tochter die Wahl überlassen. Zu eng ist er mit der iranischen Kultur verbunden, zu sehr von ihr geprägt.

Shirin und Navid kannten ihre Eltern und die Gesellschaft, in der sie lebten, nur zu gut. Sie wussten, dass sie es behutsam angehen mussten. Also begannen sie ihre Familien langsam auf die Existenz des anderen vorzubereiten. Und planten zugleich ihre Hochzeit.

Shirin erzählte der Familie immer wieder von dem charakterlich tadellosen Mann aus ihrem Bekanntenkreis. Wie gebildet er sei und verantwortungsbewusst, immerhin war er ein aktives Mitglied einer NGO, die sich um schwerkranke Kinder kümmerte.

Auch Navid sprach zu Hause viel von dem charmanten, klugen und schönen Mädchen aus seiner Clique. Dann sorgten die beiden dafür, dass ihre Eltern sich "zufällig" auf dem Wohltätigkeitsbasar trafen, den Shirin und Navid mitorganisiert hatten. Da spürte Shirins Vater erstmals, dass die junge Generation stärker war als er.

Die Väter auf das Kommende vorzubereiten ist immer die Aufgabe der Mütter, deren Herzen leichter zu gewinnen sind. Nach einer langen Unterhaltung mit dem Vater über den Jungen, der seit einiger Zeit im Leben ihrer Tochter aufgetaucht war, wurden Navid und seine Eltern auf Wunsch der Mutter eingeladen. Navid gewann die Herzen, das Ziel wurde erreicht, so durften die Hochzeitspläne nun traditionell weitergehen.

Die Tradition hat der Vater dennoch nicht verloren gegeben, Shirin hat noch eine jüngere Schwester. Rosa ist 21 Jahre alt. "Bei Rosa wird alles ganz traditionell vonstatten gehen!", sagt der Vater. Rosa ist ein kluges Mädchen. Sie lächelt dann und sagt: "Ja Papa, so machen wir es!" Man würde es ihr glatt abnehmen, wäre da nicht dieses Augenzwinkern.

Die Generation von Shirin und Navid wird anders leben als die ihrer Eltern, unabhängiger, westlicher auch, wenn auch immer noch eingebettet in die Traditionen unseres Landes. Die Jungen verändern den Iran, ja. Es ist ein langsamer und behutsamer Prozess, wie bei Shirin und Navid. Oder anders formuliert: Demokratie und Modernität lassen sich nicht mal eben schnell importieren, sie müssen sich entwickeln. Und nicht immer muss Rebellion schmerzhaft sein.