"Ich bin der Feind" – Seite 1

Jan Bredack hält sich niemals nur an einem Ort auf. Der Mann scheint stets zugleich hier und dort zu sein, und wenn er irgendwo auftaucht, ist er auch schon wieder woanders. Jedenfalls drängt sich dieser Eindruck jedem auf, der Bredack beim Rundgang durch seinen Supermarkt in Berlin-Friedrichshain begleitet. Eben noch ins Gespräch vertieft, bricht er ab, verschwindet, um eine Regalreihe weiter zwei unentschlossen wirkenden Jugendlichen seine Produkte anzupreisen: "Habt ihr das schon probiert? Das ist gut für euch."

In Deutschland betreibt der 44-Jährige insgesamt sieben Supermärkte, plus einen in Wien und einen in Prag und demnächst auch einen in London. Schon der Firmenname Veganz verdeutlicht sein Konzept: Hier ist das komplette Sortiment vegan, vom Sojawürstchen bis zum tierversuchsfrei getesteten Kondom. Bredack tut alles für die Anhänger des veganen und umweltverträglichen Lebensstils, doch offenbar sind nicht alle davon begeistert. "Zweimal im Jahr müssen wir die Scheiben neu verglasen, weil Pflastersteine darin landen", sagt er.

"Für einige ist Veganismus ein Protest gegen den Kapitalismus"

Ausgerechnet die Zielgruppe, die Bredack für sein Engagement lieben sollte, betrachtet ihn mit Argwohn. Dass der Mann im Schlabberlook den Verzicht auf tierische Produkte zur Grundlage eines Geschäftsmodells macht, sorgt bei marktkritischen Anhängern der pflanzlichen Kost für Unmut. Das werde nicht nur durch die Pflastersteine im Fenster deutlich, sagt Bredack, der schon wieder auf dem Weg in sein Büro ist, ein paar Stockwerke über der Berliner Filiale. Dort ist eine Mitarbeiterin gerade damit beschäftigt, kritische Postings auf Bredacks Facebook-Profil zu bearbeiten. Manche beschweren sich, dass sein Sortiment nicht ausschließlich aus Bioware bestehe. Andere werfen ihm vor, anderen veganen Läden Konkurrenz zu machen. In einem Internetforum militanter Linker wird Bredack Verrat vorgeworfen. Er würde die "Ideologie auf der Strecke lassen, zugunsten des Profits".

Themenwoche Vegan - Supermarktkette erhebt veganes Leben zum Geschäftsmodell Die Biomarktkette Veganz bietet ausschließlich Produkte auf pflanzlicher Basis an. Mit Erfolg: Über 60 Filialen sollen europaweit entstehen. Der Gründer Jan Bredack 2013 im Video-Porträt

Bredacks Kritiker erwähnen oft seinen Bruder, einen bekennenden Rechtsradikalen. Obwohl sich Bredack öffentlich von ihm distanziert, nimmt die Antifa den Unternehmer in Sippenhaft. Im Netz jedenfalls wüten die Aktivisten gegen Veganz. Einen wie Bredack wollen sie nicht.

Es ist zwei Uhr nachmittags, und in den Büroräumen der Berliner Filiale wickelt der Unternehmer einen Caesar-Wrap mit Tofu und Blattsalat aus der Alufolie. "Sie entschuldigen, das ist mein erstes Essen heute", sagt er und beginnt sofort damit, nach Erklärungen für die Anfeindungen zu suchen. "Für einige ist Veganismus ein Protest gegen den Kapitalismus. Und dann komme ich und verkaufe das Zeug auch an Bankmanager", sagt er kauend. "Klar, dass das einigen nicht in den Kram passt. Das ist ja so, als ob man einem Priester seine Religion wegnimmt."

Früher war Bredack selbst eine Art Priester und seine Glaubensrichtung der Kapitalismus. Als Manager beim Autokonzern Daimler brachte er es bereits mit Mitte dreißig zum Vertriebsleiter in der Nutzfahrzeugsparte. Er liebte teure Sportwagen, leistete sich Wochenendflüge nach New York und benutzt bis heute das Wort "Story", wenn er über sein Leben redet. Nachlesen kann man diese Story in seiner Biografie, die Vegan für alle heißt und die er 2014 von einem Auftragsschreiber anfertigen ließ.

Es wirkt befremdlich, wenn einer mit Anfang 40 schon eine Biografie über sich bestellt. Andererseits hat Bredack viel erlebt. Einen langen und schmerzhaften Weg vom Automanager zum Betreiber veganer Supermärkte zum Beispiel.

Aufgewachsen als Sohn eines prügelnden Stasi-Mitarbeiters und einer Russischlehrerin in der DDR, wusste Kfz-Mechaniker Bredack die Wende für sich zu nutzen. Während er bei Daimler arbeitete, studierte er Betriebswirtschaft in St. Gallen. Geradezu penetrant unterstreicht jedes Kapitel der Biografie sein gutes Händchen fürs Geschäft. Sogar seinen Hund machte Bredack demnach zur Cashcow. Mit seinem American Staffordshire Terrier tourte er durch ganz Europa und heimste dafür auf Hundeausstellungen Auszeichnungen und Preisgeld ein.

Alles änderte sich 2008. Nach dem Fortgang seines Mentors bei Daimler verließ Bredack das Karriereglück. Es ging bergab, er kam damit nicht klar. Während eines Führungskräfte-Treffens habe er irgendwann verwirrt neben seinen Kollegen gestanden und nicht mehr so genau gewusst, warum er dort gewesen sei. Später habe er sich sogar einmal dabei ertappt, wie er während einer Autobahnfahrt über Suizid nachgedacht habe: "Du brauchst nur einen Tick rüberzuziehen – und alles ist vorbei." Psychologen verordneten ihm eine Zwangspause wegen Burn-out.

Vegan contra Bio

Das nächste Kapitel in Bredacks Leben könnte den Titel "Der Geläuterte" tragen. Er kam wieder auf die Beine, verliebte sich nach der Trennung von seiner Frau wieder. Von seiner neuen Freundin inspiriert, wurde Bredack zunächst Vegetarier, wollte dann aber gleich sämtliches Tierleid von seinem Teller verbannen. Seinen Geschäftssinn hatte er trotz des Burn-outs aber nicht verloren. 2011 eröffnete er den ersten Veganz-Supermarkt in Berlin.

In seiner Biografie schlägt Bredack fast klassenkämpferische Töne an. "Es gibt in Konzernen keine Ehrlichkeit, nur Scheinheiligkeit. In unserer Arbeitswelt ist es normal, ein Arschloch zu sein, so funktioniert das Geschäft", heißt es dort – und eigentlich müssten solche Sätze strammen Antikapitalisten gefallen. Dass Bredack sie trotzdem gegen sich hat, liegt vielleicht an seiner typischen Eigenschaft, sich stets an mehreren Plätzen zugleich aufzuhalten. Das kann er nämlich nicht nur physisch, in einem seiner Läden. Auch inhaltlich und politisch lässt sich Bredack kaum eindeutig verorten. Er sagt oft das eine und das andere zugleich. Wie sollte man seine Konzernbeschimpfung anders verstehen als auf seinen langjährigen Arbeitgeber bezogen – bei dem er diese Erkenntnis gewonnen haben muss? Bloß liefert Bredack umgehend die Relativierung: "Ich werde aber nicht sagen, dass Daimler scheiße ist." Schwer zu sagen, wo genau dieser Mann steht.

Er bleibt halt ein Kapitalist, der eine Kundschaft bedienen muss

Das zu beantworten fällt nicht nur militanten Veganern schwer, auch viele Bio-Befürworter haben mit Bredack ein Problem. Das zeigte sich – wieder einmal – auf der Nürnberger Messe Biofach im vergangenen Februar.

An einem der Messetage lehnt Bredack an einer Wasserbar in Halle 6, er trägt rote Turnschuhe und einen roten Kapuzensweater mit dem Aufdruck "Yes, ve gan". Um ihn herum wartet eine Traube von Menschen auf den Beginn einer Podiumsdiskussion. Gemeinsamkeiten und Unterschiede von biologischen und veganen Produkten sind das Thema.

Bredack knabbert noch ein paar Nüsse, als die Moderatorin ihn schließlich auf die Bühne bittet. Dort beginnt Stephan Brandmeier-Fanger vom Bio-Lebensmittelhersteller Provamel die Diskussion gleich mit einer kleinen Gemeinheit in Richtung Bredack. "Der größte Teil der veganen Produkte ist ja naturbelassen", sagt er. "Aber ich wünsche mir von der veganen Bewegung auch einen Blick auf die Herkunft der Waren."

Brandmeier-Fanger spricht zahlreichen Betreibern von Bio-Supermärkten damit aus der Seele. Bereits bei Eröffnung des ersten Veganz-Ladens begannen sie zu murren. Die vegane Konkurrenz, das war schnell klar, drohte ihnen Kundschaft abzugraben. Dabei hatten sich die Bio-Leute doch als gute Alternative zu den klassischen Geschäftemachern verstanden. Und nun wollte jemand an ihre Stelle treten? Dass Bredack seine Veganz-Produkte auch an Handelsriesen wie die Metro liefert, hat es nicht besser gemacht. "Ich bin der Feind, weil ich die Bio-Idee verraten habe", wird Bredack später sagen.

Noch aber steht er auf der Bühne und muss irgendetwas sagen. Mittlerweile hat er aufgehört, Nüsse zu knabbern. Er kratzt sich am Kopf, wippt mit den Beinen. "Jan, was wird da herumgezuckt bei dir?", fragt die Moderatorin.

Bredack sucht seine Chance. "Ich stimme dir zu", entgegnet er schließlich Brandmeier-Fanger und lässt ein paar Sätze von höchster Unverfänglichkeit folgen, gegen die niemand etwas haben kann. "Natürlich importieren wir Produkte aus Übersee, doch die sind nachhaltig. Und wir hinterlassen keinen ökologischen Fußabdruck."

Was soll man da einwenden? Bredack bietet seinen Gegnern wenig Angriffsfläche, auch deshalb machen ihm Diskussionen wie diese keine Angst. Er greift wieder zu den Nüssen.

Kaum runter vom Podium, wird er umringt von Lieferanten, Journalisten und Investoren. Ständig läuft er, schüttelt Hände, führt Telefonate synchron zu direkten Gesprächen. "Vor fünf Jahren haben sie uns auf dieser Messe noch ausgelacht", sagt Bredack. Heute wirkt er wie ein Manager im Rausch.

Trotz des Erfolgs und eines Umsatzes von zwölf Millionen Euro im vergangenen Jahr wirft Veganz aber noch keinen Gewinn ab. Elf Investoren versorgen das Unternehmen bislang mit Geld. Auch auf der Messe schauen zwei der Geldgeber vorbei – es ist ein Pärchen, das selbst ein veganes Restaurant betreibt. Bredack geht mit ihnen zur Veganz-Eisbar. "Die Eismaschine stellen wir auch auf Festivals auf. Die Leute erinnern sich daran und sagen: ›Veganz, das sind doch die mit dem leckeren Eis‹", sagt Bredack. "Und das Beste: Mit den Maschinen verdienen wir sofort Geld. Nach einem Jahr hat sich so eine Anlage amortisiert."

Er bleibt halt ein Kapitalist, der eine Kundschaft bedienen muss, die dem Kapitalismus nicht gerade ihre Liebe erklärt. Das sei gar nicht so einfach, gibt Bredack zu, "aber der Markt ist wie Wasser, er sucht sich immer einen Weg". Eine klare unternehmerische Vision hat er jedenfalls: "Wir wollen weltweit die größte Marke für vegane Ernährung werden."

Auf dem Weg dorthin wird Bredack sich wohl noch viele Feinde machen. Nicht, dass er damit ein Problem hätte. In seiner Biografie beschreibt er bereits, wie er mit diesen umzugehen pflegt. "Auch wenn ich mit einigen Strömungen und Gruppierungen immer wieder in Konflikt gerate, weil ich ihre Ideale nicht teile", heißt es dort, "ein Brokkolisüppchen hätte ich immer für sie."