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Ein Villenviertel in Laren, gut 30 Kilometer von Amsterdam entfernt, großbürgerliche Klinkerhäuser säumen links und rechts die Straße. In einem davon entstehen international erfolgreiche Fernsehformate mit Proll-Faktor. Hier lebt und arbeitet John de Mol. Wer in den Niederlanden von Trash-TV spricht, meint seine Sendungen. Der Produzent empfängt in seinem Büro, neben dem Tisch steht ein riesiger Flachbildschirm, was sonst. De Mol heißt übersetzt Maulwurf. Seit Jahrzehnten gräbt er sich in die Wohnzimmer der Welt.

DIE ZEIT: Herr de Mol, die Reality-Show Newtopia auf Sat.1 und der niederländische Vorläufer Utopia sind ihr neuestes Werk. 15 Menschen müssen darin auf einem abgezäunten Gelände mit 5.000 Euro Startgeld und zwei Kühen überleben. Hat die Sendung etwas mit dem gleichnamigen Buch des Engländers Thomas Morus aus dem 16. Jahrhundert zu tun?

John de Mol: Eigentlich habe ich nur den Grundgedanken aus Morus’ Werk übernommen, den Wunsch, ganz neu anzufangen und eine andere Gesellschaft aufzubauen.

ZEIT: Thomas Morus stellte sich damals eine Gesellschaft vor, in der alle gleich sind und aller Besitz allen gemeinsam gehört.

De Mol: Morus stellte sich vor, wie die Realität sein könnte, sein Buch ist also Fiktion. Unsere Sendung dagegen ist Wirklichkeit.

ZEIT: Wirklich? Ist nicht alles Inszenierung? Kürzlich haben die Zuschauer mitbekommen, wie eine Mitarbeiterin Ihrer Firma den Newtopia-Kandidaten Regieanweisungen gegeben hat.

De Mol: Ich bedaure das, weil Newtopia wirklich die reinste Form von Reality-Fernsehen ist. Es gibt kein Drehbuch. Manchmal geben wir den Kandidaten Ratschläge, aber wir verabreden uns nicht zu geheimen Treffen.

ZEIT: Wann erteilen Sie denn diese Ratschläge?

De Mol: Alle 15 Kandidaten tragen Mikrofone, die Batterien müssen alle 24 Stunden gewechselt werden. Dann kommt ein Kandidat in den Technikraum, wo einer unserer Produzenten wartet. In diesen wenigen Minuten kann dem Kandidaten geraten werden, dass er die Dinge in einem anderen Winkel zur Kamera halten soll zum Beispiel. Oder er wird gefragt, ob er noch an seiner Idee von einer anderen Gesellschaft arbeitet. Was die Zuschauer in Newtopia sehen, ist real. Und es ist noch immer das größte Experiment im Reality-Genre.

ZEIT: Newtopia soll das "größte" TV-Experiment sein, die Traumhochzeit war das "romantischste" TV-Ereignis. Muss es immer ein Superlativ sein?

De Mol: Nein, das würde den kreativen Prozess behindern. Ich bin bei mehreren Ideen davon ausgegangen, dass sie groß werden könnten, und sie wurden es nicht. Umgekehrt gab es kleine Ideen, die riesengroß wurden.

ZEIT: Die Container-Show Big Brother, die Talent-Show The Voice of Germany ...

De Mol: Wenn ich auf meine Welthits zurückschaue, erinnere ich mich immer an eines, nämlich an die Frage vieler Programmdirektoren: Meinst du das ernst?

ZEIT: Es heißt, dass Sie sich bei der Entwicklung neuer Formate auf Ihr Bauchgefühl verlassen, nicht auf Meinungsumfragen.

De Mol: Natürlich kann ich mir nie sicher sein, was jemand sehen will, auch nach fast 40 Jahren nicht. Einmal im Monat sitze ich hier mit 14 Leuten aus der Entwicklungsabteilung zusammen, jeder bringt mit, was er in letzter Zeit aufgeschnappt hat. Wir fragen: Was passiert in der Welt? Was sind die Trends? Was beschäftigt die Menschen? Die Idee zu Utopia entstand, weil wir gemerkt haben, dass sich die Menschen Sorgen machen. Es gibt so viele Regeln, die Finanzkrise wütet. Daraus entwickelten wir die Idee: Was, wenn wir ein paar Menschen die Möglichkeit geben, neu anzufangen?

ZEIT: Warum spielt Geld auch in Newtopia so eine wichtige Rolle?

De Mol: Das Format ist eigentlich eine Frage: Können wir eine Gesellschaft erschaffen, die besser ist als die, in der wir jetzt leben? Natürlich ist es so, dass 15 Menschen 15 verschiedene Antworten darauf haben – das macht es ja auch so spannend. In Deutschland leben rund 80 Millionen Menschen zusammen und müssen sich arrangieren –, aber vielleicht ist das einfacher als die 15, die auf einem Quadratkilometer zusammenleben und einander immerzu sehen.

ZEIT: Wie sieht Ihr persönliches Utopia aus?

De Mol: (überlegt lange) Das Wichtigste in meinem Utopia wäre, dass es keine Kriege mehr gibt. Aber das ist auch die Bestätigung des Begriffs Utopia, es ist ein utopischer Gedanke. Wäre aber trotzdem schön.

ZEIT: Sie arbeiten 80 Stunden die Woche – wo treffen Sie noch auf die Gesellschaft, deren Bedürfnisse Sie mit Ihren Shows bedienen wollen?

De Mol: Zu allem, was ich erlebe, sehe, lese oder höre, stelle ich mir direkt die Frage: Kann daraus ein Fernsehformat werden? Ein gutes Beispiel ist die Traumhochzeit: Die Idee dazu kam mir, als ich im Auto an der Ampel stand. Ich sah ein Pärchen, das überhaupt nicht zusammenpasste – und fragte mich, wo die sich getroffen haben. Diese simple Frage war der Anfang der Traumhochzeit.

ZEIT: Bei einer Unterhaltungssendung zählt allein die Quote. Wenn man so will, werden Ihre Ideen jeden Tag vermessen. Wie fühlt sich das an?

De Mol: In der Schule bekommt man Zeugnisse. Wir bekommen sie eben jeden Tag. Das ist das Geschäft.

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ZEIT: Haben Sie sich das Zweifeln abgewöhnt?

De Mol: Nein, ich zweifle noch immer, und ich produziere auch viele Flops. Und wenn etwas floppt, denke ich: Ich kann das nicht. Unsicherheit ist aber auch eine gute Eigenschaft in diesem Geschäft. Es gab bislang keinen Moment, in dem ich dachte: Ich bin gut. Vielleicht kommt der, wenn ich aufhöre und zurückschaue ...

ZEIT: Ihr erfolgreichstes Format ist The Voice, in Deutschland startet bald die fünfte Staffel. Wie kamen sie überhaupt darauf, noch eine Castingshow zu machen?

De Mol: Ganz einfach. Vor zehn Jahren waren zwei Talentshows sehr erfolgreich, Pop Idol (britisches Vorbild für Deutschland sucht den Superstar, Anm. d. Red.) und X-Factor. Menschen, die glauben, gut singen zu können, bekommen in diesen Shows gesagt, dass sie nicht so gut singen. Die Idee ist super, und die Sendungen liefen auch super. Aber nach zehn Jahren habe ich mich gefragt, ob man nicht eine Show für Menschen machen könnte, die wirklich gut singen können.

ZEIT: Würden Sie in einer Ihrer Shows auftreten?

De Mol: (überlegt wieder lange) Wahrscheinlich nicht. Ich habe dazu keine Lust, ich würde mich niemals bewerben.

ZEIT: The Voice, Big Brother – immer gibt es Fortsetzungen, weil die eine gute Quote versprechen. Ist dieses Sicherheitsbedürfnis nicht problematisch für die Entwicklung des Fernsehens?

De Mol: Ja und nein. Je größer der Markt, desto größer ist auch das Risiko, dass eine falsche Entscheidung fatale Folgen haben kann. Die Niederlande sind ein kleines Land, wir sind hier risikobereiter. Deutschland dagegen ist das zweitgrößte Fernsehland der Welt, deswegen ist man dort nicht risikobereit ... und das ist jetzt noch freundlich ausgedrückt.

ZEIT: Sie als Niederländer profitieren davon.

De Mol: Ja, das stimmt. Wir machen da gute Geschäfte. Wir können unsere Formate in einem kleinen Markt austesten und den größeren Märkten unsere guten Quoten präsentieren. Eine Erfolgsgarantie gibt es zwar auch dann nicht, aber zumindest ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass so ein Format floppt.

ZEIT: Mitte März haben Sie Ihre Produktionsfirma Talpa an den britischen TV-Konzern ITV verkauft. Warum?

De Mol: In ein paar Tagen werde ich 60. Ich will nicht aufhören zu arbeiten, dafür macht es mir zu großen Spaß. Es kamen aber mehrere Faktoren zusammen, weshalb ich mich zu diesem Schritt entschieden habe. Plötzlich riefen verschiedene Firmen aus aller Welt an und fragten: Ist Talpa zu verkaufen? Also war ich gezwungen, darüber nachzudenken. Jetzt bin ich wertvoll, in zehn Jahren bin ich es vielleicht nicht mehr.

ZEIT: Gerade zweifeln Sie wieder an sich ...

De Mol: Der Verkauf hat nichts damit zu tun, dass ich an mir zweifle. Ich werde in den nächsten Jahren weitere erfolgreiche Formate entwickeln, da bin ich mir sicher. Mein Kopf ist nicht leer.

ZEIT: Bill Gates erklärte das Fernsehen schon vor zehn Jahren für tot. Wie sehen Sie das?

De Mol: Ich bin überzeugt, dass vor allem Privatsender wirtschaftlich interessant sind und bleiben, weil man dort billig Werbung schalten kann. Da sehe ich in den nächsten 10 bis 20 Jahren keine Alternative. Und ich denke, dass Fernsehen noch immer ein soziales Bindemittel ist. Bestimmte Sendungen will man nicht in der Mediathek sehen, sondern wenn sie im TV laufen, sonst kann man am nächsten Tag im Büro nicht mitreden. Und wenn die digital natives von heute 30 sind, verheiratet, zwei Kinder haben und ein Haus mit Hypothek, dann sind die abends auch froh, wenn sie einfach den Fernseher anschalten können.

ZEIT: Das Internet hat vieles beschleunigt. Ist auch das Fernsehen schneller geworden?

De Mol: Ich glaube, dass die Lebensdauer von Formaten länger wird, nicht kürzer. Vor 20 Jahren war das noch anders. Jetzt gibt es viele kleinere Sender, die bespielt werden müssen. Gerade jetzt wollen die Zuschauer ein Programm sehen, das ihnen vertraut ist.

ZEIT: Wie schauen Sie fern?

De Mol: Kaum.

ZEIT: Aber Sie haben neun Fernseher zu Hause?!

De Mol: Das stimmt, aber mein Alltag lässt das nicht zu. Wenn ich abends um 22 Uhr nach Hause komme, sagt meine Frau: Du bist früh dran. Ich zappe dann ein bisschen, um runterzukommen, aber das Wichtigste für das Geschäft habe ich schon im Büro geschaut.

ZEIT: Wie lange sehen Sie sich Ihre eigenen Formate an?

De Mol: Die erste Folge eines Formats sehe ich, bevor sie ausgestrahlt wird, zehn-, zwölfmal, immer in verschiedenen Schnittversionen. Dann wird das natürlich weniger. Weltweit laufen derzeit rund 200 Talpa-Formate, sie alle zu sehen wäre viel zu viel. Ich konzentriere mich auf den deutschen Markt, Newtopia schaue ich einmal pro Woche.

ZEIT: Bei Reality-Formaten spielt das Casting eine wichtige Rolle. Was ist da zu beachten?

De Mol: Ich sage immer: Wer in einer meiner Shows war, soll am Tag nach der Sendung auf die Straße gehen können, ohne sich schämen zu müssen. Inzwischen weiß ich ziemlich schnell, ob sich jemand eignet oder nicht. Wenn man die Falschen erwischt, kann es Probleme geben, dann fühle ich mich verantwortlich. Die letzten 100 Kandidaten von Newtopia habe ich gesehen, mit den letzten 15 habe ich gesprochen.

ZEIT: Die niederländische Version Utopia läuft nach einem Jahr immer noch, weil die Bewohner nicht ausziehen wollen. Kann ein TV-Format irgendwann zu einer Parallelgesellschaft werden?

De Mol: Utopia ist zu einer Soap mit echten Menschen geworden. Es hat sich langsam transformiert. Der Grundgedanke, wir schaffen es zusammen so gut wie möglich, ist immer noch da.

ZEIT: Auch der Wunsch nach einer besseren Welt?

De Mol: Es gibt Zeiten, in denen wir bemerken, dass die Kandidaten das vergessen. Wir halten den Utopia-Gedanken am Leben, indem wir neue Teilnehmer daran erinnern, bevor sie in die Show gehen.