Aus hündischer Perspektive lässt sich über Tierschützer wenig Gutes sagen. Oder wie soll es ein Hund, ein richtiger, ausgewachsener Hund, kein schmächtiges Sofaschnäuzchen, begreifen, dass von einem zufällig gerissenen Reh mehr Aufhebens gemacht wird als von einem um jeden Auslauf und Beißgenuss gebrachten Weimaraner? Ein totes Reh, hm? Ach Gottchen.

Es ist aber offenbar so, dass dem Tierschützer das herzige Bambi seiner verkitschten Jugendlektüre noch immer näher liegt als ein lebendiger Hund, der natürlich nicht zum moralischen Nulltarif zu haben ist. Falls die Wahrheit nicht noch verächtlicher ist und auf bloß verdrängtem Futterneid beruht (wie bei den Jägern), denn natürlich ist ein Reh auch Menschenspeise, und davon will am Ende sogar der Naturschützer nichts abgeben, selbst dann nicht oder erst recht nicht, wenn er Vegetarier ist. Warum sollte dem Hund erlaubt sein, was sich der Mensch verbietet? Das ist die Neidlogik der Pazifisten. Etwas seelisch Unaufgeklärtes, dumpf Sentimentales steckt in der modernen Lust am Verbieten. Kann mit Vernunftgründen plausibel gemacht werden, warum das Kupieren eines Hundeschwanzes, das schmerzlos beim neugeborenen Welpen vollzogen werden kann, neumodisch untersagt ist, während man erwachsene Rüden kastrieren darf, obwohl es Wesen und Selbstbewusstsein zerstört?

Für den Eingriff, der einer biochemischen Gehirnwäsche entspricht, wird nur eine veterinärmedizinische Indikation verlangt, die nach allem, was wir Hunde wissen, noch niemals von einem Tierarzt verweigert wurde. Die Indikation dafür lautet in der Regel: gesteigertes Bequemlichkeitsbedürfnis des Hundehalters. Für den Rüden bedeutet aber die Kastration den Zusammenbruch seines Trieblebens und, fast schmerzlicher noch, den sofortigen Respektsverlust bei allen Kollegen. Ein kastrierter Hund löst weder Achtung noch Furcht aus, regt freilich auch zu keinen Raufereien mehr an. Das ist es, was dem Hundehalter frommt. Er hat jetzt einen braven, weithin verachteten Rüden und hält am Ende die Bravheit für ökologischen Gewinn.

In Paraphrase eines berühmten Satzes von Adorno müsste die philosophische Untersuchung dieser modernen Heuchelei mit dem Satz beginnen: Tierschützer sind keine besseren Menschen. Sie glauben ihren Vorfahren überlegen zu sein, die sich den Hund durch Kupieren ästhetisch passend oder jagdfähig machten, vergessen aber dabei, dass sie sich den Hund heute weit grausamer durch Kastrieren wesensgerecht, also bequem machen. Fast alles am Tierschutz, der mit Artgerechtigkeit argumentiert, ist Ideologie. Ein schauderhaftes Beispiel ist jene "barfen" genannte Fütterung mit minderwertigem rohen Fleisch, Innereien und Knochen, die mit den Ernährungsgewohnheiten des Wolfes begründet wird. Ein Hund ist aber schon lange kein Wolf mehr, er ist ein hochgezüchtetes Zivilisationsprodukt wie der Mensch auch und hat sich an die Versorgung mit Kohlenhydraten und gekochtem Essen gewöhnt. Es war die Voraussetzung seiner Domestizierung.

Das "Barfen" geht auf eine esoterisch durchgeknallte Kanadierin namens Debbie Tripp zurück, die den Begriff aus der Abkürzung "Born-Again Raw Feeders" ableitete – "wiedergeborene Rohfütterer". Da hat man also mit dem hygienisch bedenklichen Futter zugleich den ganzen New-Age-Unfug mitgekauft. Und wir sollen daran krepieren? Mensch! Erkenne im Hund endlich deinen Bruder in der Zivilisation, der genauso wenig zu den Wurzeln zurückkann wie du und sich von dir nur darin unterscheidet, dass er unfähig ist zur – Heuchelei.

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