"Ich schaue hinaus auf die alten Ziegeldächer, auf die Täler, Olivengärten und Weinberge, schon mit den ersten Nachmittagsschatten ausgestattet, die Kühles versprechen, der Trasimenische See ist gar nicht fern. Wie ich diesen Ort liebe und meine Arbeit hier. Und doch muss ich weiter. Wenn ich nicht mehr hierherkommen werde, wird keiner sagen können, es hätte sich hier irgendwas ritualisiert." Es ist der 18. Juli 1980, Hans Werner Henze, 54, lauscht einer Probe, schreibt Tagebuch und macht Korrekturen in der Partitur der Oper, die er eigens für dieses Festival geschrieben hat, den Pollicino. Sechzig Kinder aus Montepulciano spielen und singen da mit, Regie führt ein 29-jähriger Newcomer, Willy Decker. Ohne Gage, wie alle hier.

"Eine Sensation", schreibt die ZEIT nach der Uraufführung. Doch schon vorher ist der Cantiere Internazionale d’Arte di Montepulciano zum Muss im europäischen Festspielsommer geworden, gerade als Gegenentwurf. Unterstützt von der kommunistischen Stadtregierung, hat der in Italien ansässige Henze seinen Traum von hoher Kunst für alle umgesetzt in einem uralten toskanischen Weinstädtchen mit 14.000 Einwohnern, das bis dahin auf seinem Berg vor sich hin schlief. Musik (auch) mit Leuten von hier für die Leute von hier will er machen, unterstützt von jungen Profis wie dem Dirigenten Riccardo Chailly, auf der Piazza, in Kirchen, im alten Opernhaus, das völlig verrottet ist, saniert werden und mit einem Orchestergraben versehen werden muss.

Der erste Cantiere findet 1976 statt. Und dass es diese "Werkstatt" immer noch gibt, dass ihre vierzigste Ausgabe im Sommer 2015 mit 400 Mitwirkenden in 40 Veranstaltungen glänzen kann, ist ein Wunder nach allerhand Krisen. Oder auch nicht. Denn wer einmal in Montepulciano war, will wiederkommen, will wieder die Toscana leuchten sehen, während immer irgendwo jemand übt, spielt, singt, probt. Der will aus den schweren Mauern des Theaters auf die weite Piazza steigen, geborgen zwischen lichten Renaissancefassaden, die einst um ein Haar von der deutschen Wehrmacht gesprengt worden wären, zur "Vergeltung" von Partisanenattacken.

Auf diese Piazza werden sich am 11. Juli sternförmig fünf bande zubewegen, Spielmannszüge aus der Stadt und den Orten ringsum, um dort aus einem Melodiengewirr à la Charles Ives zu gemeinsamem Klang zu finden, hier werden drei Wochen später zum Finale drei Dirigenten aufs Podium steigen, deren Laufbahn ohne Henze und Montepulciano anders aussähe: der Brite Jan Latham-Koenig, der Deutsche Markus Stenz und Henzes ehemaliger Kompositionsschüler Detlev Glanert.

Glanert, Jahrgang 1960, brachte einst die örtliche Musikschule in Schwung und knüpfte 2003 mit seiner kinderkompatiblen Oper Drei Rätsel mit solchem Erfolg an Henzes Pollicino an, dass er 2009 für drei Jahre künstlerischer Leiter des Cantiere wurde. An seiner Seite steht der Dirigent Roland Böer, 1966 geboren, der bis heute die musikalische Leitung hat und derzeit auch die künstlerische. Diese ist jeweils auf drei Jahre befristet, damit sich hier nicht "irgendwas ritualisiert", wie Henze sagen würde. Für Böer, mittlerweile Gast an großen Häusern von Mailand bis London, ist Montepulciano "die Projektion all unserer Fantasien, unserer Wünsche und unserer Sehnsucht nach einer besseren Welt", aber kein Fluchtort. Sein Motto für diesen Sommer heißt "Terra, Guerra e Pace".

Und er macht es dem Publikum nicht bequem, wenn er dafür das Blasorchester der italienischen Luftwaffe aufmarschieren lässt: "Ist es politisch korrekt? Mir gefällt das Kontroverse. Und ich sehe immer den Hoffnungsschimmer, dass Musik die stärkere Gewalt ist." Auch nicht kuschelig ist die Kammeroper, die Stefano Taglietti für Montepulciano komponiert hat: Idroscalo Pasolini, von RAI 5 mitproduziert, nähert sich dem Filmregisseur und Dichter, der vor 50 Jahren in Ostia ermordet wurde – und ist eher nichts für Minderjährige. Die treten diesmal als Orchester etwa in Haydns Missa in tempore belli auf, und zwar in einem weißen Wunderbau südwestlich des Berges in: San Biagio.