Hören wir, was sie zu sagen haben, die vier Männer von Deutschlands ungewöhnlichster Jazzband, denn nach Erklärung verlangt dieses Berliner Dreigenerationsquartett schon. Christian Lillinger, der Schlagzeuger, ist 30. Ronny Graupe, der Gitarrist, ist 36. Johannes Fink, der Bassist, ist 51. Rolf Kühn, der Klarinettist, ist 85. Diese Woche kommt ihre dritte Platte heraus, und bald stehen sie wieder auf der Bühne.

"Ich sage gar nichts", sagt Rolf Kühn, was die anderen zum Lachen bringt. Er und nichts erzählen, das wollen sie erleben! Wird er nicht schaffen, und man hört ihm ja auch gerne zu. Sonor klingt seine Stimme; man hängt an seinen Lippen, wenn er von damals erzählt, 1956, als er, der Mittzwanziger aus Leipzig/DDR, nach New York ging, Publikum und Kritik begeisterte, bei Benny Goodman spielte, bei dem auch zu Hause war, im Penthouse über Manhattan, der Teppich übersät mit Blättchen, die der Meister nur so ausspuckte, wenn ihm der Klang der Klarinette nicht schmeckte. Nie habe er Benny zu ihm gesagt, immer nur Mr. Goodman. Eine Frage des Respekts!

Wie verhält es sich mit Alt und Jung im Jazz? Christian Lillinger weiß es: "Bis 40 ist man ein Newcomer und danach erst mal weg. Dann kommt man mit 60 wieder und ist eine Legende."


Ronny Graupe kann am Beispiel Kühn sogar fünf Stufen der Evolution eines erfolgreichen Jazzmusikers aufzählen: "1. Rolf wer? 2. Ah, Rolf Kühn! 3. Ich will jemanden, der wie Rolf Kühn spielt. 4. Ich will jemanden, der wie der junge Rolf Kühn spielt. 5. Rolf wer?" Die jungen Musiker scherzen auf eigene Kosten. Sie erklimmen gerade Stufe 2.

Johannes Fink, der Lillingers Vater sein könnte, erinnert daran, dass sie alle nicht mehr blutjung sind; schließlich spielen sie seit acht Jahren zusammen. "Als wir anfingen, habe ich jünger ausgesehen als jetzt", sagt er, "und du, Christian, hast ausgesehen wie ein Baby."

Christian Lillinger wuchs auf mit Techno und hörte dann Free Jazz, um sich von seinen Altersgenossen abzusetzen. Johannes Fink begann mit den Beatles und landete beim Blues, wiewohl der damals gar nicht in Mode war. Rolf Kühn, der aus einer Artistenfamilie stammt, sah Clowns Klarinette spielen und wollte auch eine. Den ersten Swing hörte er als Halbwüchsiger auf dem englischen Feindsender, was in Nazi-Leipzig bei Strafe verboten war. Dann kamen die amerikanischen Besatzungstruppen für zweieinhalb prägende Monate. Später spielte er Bebop, Jazzrock, leitete Orchester und dirigierte Musicals von Hello Dolly bis Jesus Christ Superstar.

Das wäre jetzt schon ein reich gedeckter Tisch: Blues, Swing, Bebop, Free Jazz, Beat, Jazzrock, Pop und Techno, aber das ist längst noch nicht alles, denn die jungen Wilden in dieser Band scheren sich nicht um Genregrenzen.

"Lebenserfahrung habe ich ein bisschen mehr", ergreift nun Kühn das Wort, "aber wir haben unseren musikalischen Rahmen sehr demokratisch aufgebaut. Jeder soll seine Fantasie laufen lassen."

Spielt man im Alter anders? "Rolf, du lässt dir mehr Zeit. Du genießt die Musik noch mehr", sagt Johannes Fink. "Im Alter ist mehr Luft zwischen den Tönen. Die Jungen spielen die Löcher zu."

"Ob man viel oder wenig spielt, ist völlig egal", widerspricht Lillinger. "In einem Klang kann viel Information drin sein, selbst wenn es nur ein einziger Ton ist."

"Spiele ich wenig? Spiele ich viel?", sinniert Kühn. "Ich denke überhaupt nicht darüber nach." – "Ich denke viel darüber nach!", sagt Lillinger. So können sie in vielem aufs Schönste verschiedener Meinung sein.

"Nach dem Krieg ging es los mit Swing", sagt Kühn und erzählt die Wir-hatten-ja-nichts-Geschichte. "Es gab keine Noten. Man musste sich mühsamst alles abhören, um überhaupt in die Nähe dieser Musik zu kommen. Platten gab es auch kaum, nur Radio."

"Da ist das Generationending!", ruft Lillinger. "Wir haben supergeile Musiker heute, technisch, die haben aber keine eigene Farbe. Die kopieren sich gegenseitig. Das ist angewandte Popkultur. Rolf damals hat mit Leidenschaft übers Gehör gelernt. Man muss wieder neugierig werden, das ist gerade total schwer."

"Heute gibt es so viele Kanäle", sagt Ronny Graupe. YouTube, iTunes, Webradio, Reizüberflutung. "Viele junge Musiker sind orientierungslos. Früher hat man keine Information gehabt, aber wenn man eine hatte, hat man die genommen."

"Das Wichtigste bei jeder Gruppe ist die Originalität", sagt Kühn. "Das ist der wichtigste Schritt eines Jazzmusikers. Weg von der Kopie. Hin zum Eigenen. Vielen ist das nicht bewusst."

Ein Quartett mit Klarinette ist eine Rarität

Was macht denn das Eigene dieser Band aus? Zum einen die Besetzung. Ein Quartett mit Klarinette ist eine Rarität. Die Klarinette hatte ihre große Zeit in den dreißiger und vierziger Jahren. Benny Goodman, Artie Shaw, die Bandleader trugen sie wie ein Zepter des Swing vor sich her. Der warme Ton. Dabei ist sie auch hölzern, unbeweglich, steif, näher an der Oboe als am Saxofon.

In der schnellen Musik nach dem Krieg ging vielen Klarinettisten die Puste aus, nicht Kühn. Er wollte sein Instrument in die Zukunft retten, dafür übte er wie besessen, übt er heute noch, jeden Nachmittag zwei bis drei Stunden, im Studio 7 des alten Rias-Gebäudes, in dem inzwischen das Deutschlandradio sitzt. 1950 spielte er da schon jeden Tag. Wo sind all die Jahre hin?

Aber die Jahre sind ja alle noch da. Und die Fans auch. "Zu unseren Konzerten kommen schon viele Leute, die Rolf von früher kennen", sagt Ronny Graupe. "Und dann stehen sie vor der Bühne und wollen Unterschriften auf alte Schallplatten haben."

"So vergilbte Platten", erläutert Lillinger.

"50 Jahre alte Platten!", präzisiert Kühn. "Die Leute haben eine andere Musik erwartet, aber das ist gar kein Problem. Sie bleiben sitzen und sind zum Schluss total gebannt und reagieren dementsprechend. Einem ist neulich das Gebiss rausgefallen beim Klatschen. Er hat es dann wiedergefunden."

"Durch die vergilbten Platten glaubt man jedenfalls, dass du 85 bist", sagt Lillinger. "Sonst glaubt man’s ja immer nicht. Da sieht man so ein Foto aus den Fünfzigern, wo du im Orchester stehst, ›da hinten isser!‹, und da siehst du auch schon irgendwie alt aus, mit Jackett und so. Wahnsinn, diese Schwarz-Weiß-Fotos! Die jungen Leute damals mussten viel reifer aussehen."

Reifer allemal als der mit einer blonden Rock-’n’-Roll-Tolle geschmückte Lillinger, der nicht stillsitzen und nicht die Klappe halten kann und eine seiner Bands nach sich benannt hat, Hyperactive Kid. Auf der Bühne hat er Energie für vier; sein Drive ist atemberaubend. Kann man ihn den aufregendsten deutschen Schlagzeuger nennen? Blöde Schublade, aber er guckt raus und winkt.

"Dann spielen wir los", sagt Ronny Graupe, "und bei den ersten zwei Stücken sehen wir die Fragezeichen in den Gesichtern. Dann nimmt Rolf seine Fans an die Hand: ›Ja, das war damals, und nun ist jetzt.‹ "

"Rolf ist es, der durch den Abend führt", bestätigt Lillinger. "Durch ihn versuchen seine Fans was zu finden und finden dann auch was."

"Hinterher sind sie ganz begeistert und sagen: ›So etwas haben wir noch nie gehört‹ ", sagt Fink.

Kühn organisiert 90 Prozent der Musik. Er definiert für jedes Stück den Rahmen, in dem sie sich austoben können, und innerhalb des Rahmens Inseln, auf denen sie sich zwischendurch kurz versammeln und verschnaufen, bevor es weitergeht. "Ich bin kein Mann des Zufalls", sagt Kühn. Er möchte, dass ein Stück ein Stück ist und nicht unter der Improvisation zerfällt.

"Es gibt natürlich auch Leute, die gehen nach dem ersten Stück", sagt Ronny Graupe. "Das ist vollkommen okay und richtig so." – "Erstaunlich wenige", sagt Fink. – "Oder sie gehen nach dem ersten Set. Ist ja auch ’ne Dosis, die reicht", sagt Lillinger, so als ob ihr Jazz eine durchaus riskante Verjüngungsspritze wäre.

Und junge Leute?

"Kommen wenig", sagt Graupe. – "Das ist noch so", sagt Kühn. Da arbeiten sie ja dran.

Jetzt holt er die neue CD hervor, die gerade aus dem Werk gekommen ist. Die Musiker haben sie noch gar nicht gesehen. Warum haben sie eigentlich den Namen der Band geändert?

"Den Namen geändert?", fragen sie. "Das wussten wir gar nicht. Na, wir wurden ja auch beim ersten Namen nicht gefragt. Das hat der Rolf gemacht."

So gibt es jetzt also zwei Alben von Rolf Kühn & Tri-O und ein Album von der Rolf Kühn Unit. Der neue Name deutet eine stärkere Prägung und einen größeren Zusammenhalt an, passt schon.

Die drei Jüngeren beugen sich übers Cover: Da steht ihr Klarinettist in einem Lastenfahrstuhl, in Turnschuhen, ganz in Schwarz, violettes Halstuch, und reckt sein Instrument dem Betrachter quer entgegen. "Wow", sagt Lillinger, "gleich geht er an, der Propeller."

Die Platte erscheint bei MPS, einem Label, das lange geschlummert hat, ohne in Vergessenheit geraten zu sein. Vor der Gründung von ECM war es die weltbekannteste deutsche Jazzplattenfirma. Die Abkürzung steht für Musik Produktion Schwarzwald. Für MPS hat Rolf Kühn zwischen 1965 und 1980 etliche Alben aufgenommen, mit Musikern wie Friedrich Gulda, Albert Mangelsdorff, Tony Oxley, Philip Catherine, Herb Geller, Charlie Mariano, Randy Brecker, Naná Vasconcelos, Niels-Henning Ørsted Pedersen und immer wieder mit dem Pianisten Joachim Kühn, seinem 14 Jahre jüngeren Bruder.

The Day After zum Beispiel, eine herrlich vergilbte Langspielplatte der Rolf Kühn Group aus dem Jahr 1972, die man in einem gut sortierten Plattenladen antiquarisch finden kann. (Mich hat sie vorletzte Woche bei Zardoz in Hamburg 25 Euro gekostet.) Hintendrauf sieht man die Kühn-Brüder und ihre strubbeligen Freunde an einem Auto lehnen. Rolf Kühn in Bluejeans mit riesiger Gürtelschnalle, weit geöffnetem Hemd, mit wallendem Brusthaar und zwei Finger breiten Koteletten. Wie Rocker sehen sie aus. Der amerikanische Saxofonist Phil Woods hat ein Glas in der Hand und hält sich stramm aufrecht. "Er war so betrunken, dass wir die Aufnahmen im Studio erst am Tag danach machen konnten", erinnert sich Rolf Kühn, deshalb The Day After.

Nun kommt MPS mit neuen Veröffentlichungen. Stereo hat Kühn das Album der Unit genannt. Dessen Art ist schwer zu fassen. Jazz, ja. Die Klarinette als Spezifikum, klar. Aber Gitarre, Bass und Schlagzeug tun das Ihre, um Üblichkeiten zu vermeiden. Im weiteren Sinne gibt es eine Nähe zum Bop. Die Tempi und Stimmungen wechseln, und der Klang-Ästhet Kühn hat die Instrumente weit über das räumliche Spektrum verteilt. Stereo bedeutet ihm bestimmt noch etwas anderes als seiner Band. Er ist ja mit Mono aufgewachsen.

Die zehn Stücke stehen für die Suche nach neuen Möglichkeiten auf herkömmlichen Instrumenten. Es erklingen melancholische Themen, aber es wird auch gerast durch Unterholz und Gestrüpp. Es ist definitiv kein Party-Swing und bedient auch nicht die Modern-Jazz-Klischees. Lillingers Schlagzeug und Graupes Gitarre bilden die Avantgarde, Finks Bass hält wacker die Stellung, und Kühns Klarinettenpropeller verströmt pulsierende Kürzel. Man muss sich darauf einlassen, um es genießen zu können. Dann ist es sehr schön.

So jetztzeitig die Platte klingt, so sehr verweisen ihre Titel auf Schlüsselmomente im Leben von Rolf Kühn. District 7, das Eröffnungsstück, heißt nach dem Polizeirevier in Manhattan, auf dem er 1957 eine lange Nacht verbrachte, nachdem während eines Auftritts im Birdland der Bruder des Clubbesitzers vor der Bühne erschossen wurde. Oder A Little Circus, das an musizierende Clowns erinnert, die nicht jede Note ernst meinen. Oder Goodbye, das er seinem zu Weihnachten im Alter von 91 Jahren verstorbenen Freund und Klarinetten-Mentor Buddy DeFranco gewidmet hat – das aber auch das Stück ist, mit dem Benny Goodman seine Abende beendete.

Und, Mr. Kühn, sind Sie zufrieden? "Die Einheit kommt gut rüber", sagt er, "der Spaß an der Freude. Ein gewisser Stempel ist da. Wir haben Riesenschritte nach vorn gemacht." Weitere sollen folgen. "In meinem jugendlichen Alter habe ich noch große Pläne."