In der Innenstadt Sevillas flaniert unter den Palmen das spanische Bürgertum in gesteppten Jacken und Reiterstiefeln, die den Anschein erwecken, als wären ihre Träger gerade aus ihren Latifundien in die Stadt gekommen. In jeder Kirche werden Hochzeiten gefeiert, die Bräute sind fast so barock ausstaffiert wie die Gotteshäuser selbst. In den Fußgängerzonen gibt es vor Einkaufstüten kein Durchkommen. So sehen 3,5 Prozent Wirtschaftswachstum aus. Wo, bitte, soll die Krise sein? Am Straßenrand sitzt sie, la crisis. Männer, noch immer im Anzug, als würden sie ins Büro gehen, hocken vor Pappschildern: "No hay trabajo". Sie betteln. Im Industrievorort Dos Hermanas flattert die Krise im Wind, als blaue Bänder, die über Türen und Fenster gespannt sind: linea policía. Es sind Häuser, die geräumt wurden, weil ihre Besitzer sich die Hypotheken nicht mehr leisten konnten, die sie aufgenommen hatten, als die Zinsen negativ waren. Seit 2007 gab es über 500.000 Hausräumungen. Das hohe Wachstum ist ein Wachstum der Leerstände.

In den Ländern des europäischen Südens entstehen gerade neue linke Parteien. Nachdem in Griechenland Syriza in die Regierung eingezogen ist, macht sich ihr Verbündeter Podemos auf, in Spanien an die Macht zu kommen. Podemos (frei nach Obama: "Wir können") gibt es erst seit Januar 2014, und doch ist diese Partei bereits nach Umfragen die beliebteste Spaniens und hat mehr Mitglieder als die sozialistische PSOE. Was hinter der Partei steckt, aus welchen Ideologien sie sich speist und welche Methoden sie verwendet, konnte im Regionalwahlkampf in Andalusien beobachtet werden. Zwar siegte die PSOE am 22. März mit 35 Prozent und ließ Podemos mit 15 Prozent hinter sich. Doch es war das schlechteste Ergebnis, das die PSOE in ihrer Hochburg Andalusien je hinnehmen musste.

In Dos Hermanas veranstaltet Podemos den letzten Wahlkampf-Event vor der Regionalwahl in Andalusien. Am Freitag drängen sich die Anhänger der Partei in einer langen Schlange zum Velodromo. Sie tragen praktische Sportkleidung, es ist die spanische Mittelschicht. In den Seitengassen verkaufen Straßenhändler lila Podemos-T-Shirts, die Leute klammern sich an ihre Tickets, sie strahlen um die Wette, als stünden sie für ein Popkonzert an. Das Stadion fasst 15.000 Leute, es ist komplett ausgebucht. Das Graffito an einer Wand verspricht cojones – "Eier" im Sinne des deutschen Vulgärausdrucks für Hoden .

Die hat Pablo Iglesias. Der 37-jährige Parteivorsitzende mit Pferdeschwanz beschimpft die Vertreter der politischen Klasse, die Spanien seit der transición, dem friedlichen Übergang zur Demokratie 1978, regieren. La casta nennt er sie, die Kaste. Das Zweiparteiensystem aus PSOE und konservativem Partido Popular (PP) bezeichnet er verächtlich als das "Regime von 1978", als Neuauflage des tornismo des 19. Jahrhunderts, in dem abwechselnd Liberale und Konservative den Premierminister stellten, aber die Monarchie die Macht behielt. In ihrer Nachfolge sieht er heute die Wirtschaftseliten. Aber PSOE und PP sind auch einfache Ziele. Selbst die Financial Times sagt, die zwei Parteien unterschieden sich in ihrer Wirtschaftspolitik kaum. Heute stecken beide Parteien zudem im Korruptionssumpf. 2000 Verfahren laufen gegen Minister, Parlamentarier und Beamte, selbst die Königsfamilie ist involviert. Der volkswirtschaftliche Schaden wird auf bis zu 40 Milliarden Euro geschätzt.

"Ihr Ziel ist, von einfachen Leuten verstanden zu werden"

Der spanische Sozialstaat erfüllt seine Aufgabe nicht. Studien zeigen sogar, dass er die Einkommensungleichheit verstärkt – erst recht in der Krise, wie Michael Ehrke vom Madrider Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung sagt. Die Hälfte der Arbeitssuchenden hat ihre Ansprüche auf Unterstützung verloren. "Aber im noblen Madrider Stadtteil Salamanca ist im Winter die Pelzdichte noch immer unanständig hoch."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 17 vom 23.4.2015.

Die Wut darüber entlud sich 2011, als die "Indignados", die Empörten, in der Bewegung des 15. Mai, auch 15M genannt, zu Hunderttausenden auf die Straße gingen. Doch die Wahlen gewann in dem Jahr haushoch die PP. Es war ein Schock, die Bewegung löste sich auf. Da nutzten Iglesias und seine vier engsten Freunde ihre Chance. "Die Geschichte ist voller versiegelter Züge", hat Iglesias einmal gesagt. In einem versiegelten Zug schickte der deutsche Geheimdienst im Ersten Weltkrieg Lenin aus seinem Zürcher Exil nach Russland, in der Hoffnung, das zaristische Regime zu schwächen.

Iglesias und seine vier Mitstreiter griffen auf die Online-Infrastruktur der Indignados zurück, um die Strategien umzusetzen, die sie von Antonio Negri, Antonio Gramsci und Ernesto Laclau gelernt hatten. Den Argentinier Laclau, der vor einem Jahr in Sevilla starb, muss man sich merken; auf seine Forderung nach einem neuen linken Populismus beruft sich die griechische Syriza ebenso wie Podemos. Populismus ist für Laclau kein Schimpfwort, sondern schlicht Politik. Alles andere sei undemokratische Technokratie. Man müsse sich selbst ein Volk konstruieren, indem man an bestehende Identitäten anknüpfe. Schnell hat Podemos rausgefunden, welches die kleinsten gemeinsamen Nenner der spanischen Wähler sind: Wut über Korruption, der Glaube, dass nur eine neue Führungsriege die wirtschaftlichen Probleme lösen könne, und die Überzeugung, dass man die Souveränität des Landes wiederherstellen müsse.