Es ist Frühling auf dem Spaziergänger-Berg in Berlin-Friedrichshain, den sie im Zweiten Weltkrieg aus Schutt zusammengeschoben haben, und die Vöglein, wie es auf dem neuen Album von Tocotronic, dem Roten Album, ganz unbedingt heißen müsste, zwitschern und sausen durch die noch frühlingshaft kühle Luft. Die gute Nachricht ist, dass Tocotronic ein derart helles, leichtes, dem Frühling und allen hellen, leichten und unbekümmerten Gefühlen zugewandtes Popalbum gemacht haben: Statt ein kluges Interview zu führen, würde man jetzt lieber eine der fünf, sechs Melodien singen, die einem schon nach dem ersten Hören im Kopf geblieben sind. Gemeinsam mit dem Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow Tocotronic-Lieder singen – gut, das wäre vielleicht ein bisschen zu bescheuert und zu schön.

Man stellt sich die Jungs von Tocotronic, besonders ihren Sänger – obwohl die "klügste deutsche Band" (stern) ja nun auch schon 22 Jahre alt ist –, irgendwie immer noch als junge Menschen vor: Das sind sie aber gar nicht. Dirk von Lowtzow, 44, ist ein im allerattraktivsten Sinne nicht mehr junger Mann: kurze graue Haare. Er trägt die Garderobe des aus der linken Subkultur stammenden, jenseits der vierzig angekommenen, in der bildenden Kunst und der Kunsttheorie bewanderten Pop-Intellektuellen: Trenchcoat, Blümchenhemd, weiße Jeans, Doc-Martens-Stiefel. Die dunkle, raue, rasselnde Dirk-von-Lowtzow-Stimme. Er läuft mit am Rücken verschränkten Händen. Eine tolle Ungelenkheit und Anspannung stecken im langen, schmalen Körper des Dirk von Lowtzow. In seinem Gesicht steht ein strenger, ja fast grimmiger Ausdruck, der – du lieber Himmel – vom Denken und Die-besten-deutschsprachigen-Liedtexte-Dichten kommt.

Er spricht nun, spazieren gehend, über das Rote Album, das elfte Tocotronic-Album, ein Konzeptwerk über die Liebe, das am 1. Mai erscheint: "Wir hatten bei diesem Album – nach vier Longplays, die von einem verwaschenen, rohen, ausgefransten Sound geprägt waren – einen kristallenen, transparenten, luftigen Klang in unserer Vorstellung. Vielleicht alles Attribute, die man eher mit Pop als mit Rock assoziieren würde. Als Band war es uns immer wichtig, zwischen diesen beiden Polen – Rock und Pop – zu oszillieren." Es ist das alte Elend, dass man im Gespräch mit dem Sänger einer toll geglückten Pop-Platte ja eigentlich nichts anderes sagen kann als "Toll, toll, ist das wieder eine tolle Platte", und der Sänger antwortet dann: "Danke, freut uns sehr." Es steckt in den Ausführungen des freundlichen Spaziergängers Dirk von Lowtzow eine enorme Skepsis und Abgeturntheit angesichts des ganz normalen Unsinns, der in Interviews über Rock und Pop üblicherweise zusammengeredet wird.


Im April war der Popstar noch als Komponist eines als Oper ausgewiesenen Singspiels in Erscheinung getreten: Unter dem Namen Von einem, der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte feierte das Gemeinschaftswerk mit dem Dramatiker René Pollesch an der Berliner Volksbühne den zu erwartenden Erfolg. Mit dem elften Album erscheint im Mai im Blumenbar-Verlag nun auch noch ein Coffeetable-Buch über Tocotronic, ein umfassender Katalog, in dem das Wirken und die ganze Geschichte der Band ausgebreitet sind (Liedtexte, Interviews mit allen vier Bandmitgliedern, ein Essay zu jedem der elf Alben, opulenter Fototeil). Das ist ja auch das Schöne an 22 Jahren Tocotronic, dass sich ein Katalog von beinahe schon klassischen Tocotronic-Themen gebildet hat, die in den Feuilletons der letzten zwanzig Jahre wirklich erschöpfend behandelt worden sind – keine zweite deutsche Band wurde mit so viel Zustimmung, ja Liebe, gerne auch mit emphatischen und leicht übergeschnappten Theorie-Schwurbeleien bedacht wie Tocotronic.

Der Begriff Diskursband hat immer schon alle genervt

Die wichtigsten Allgemeinplätze kurz zur Erinnerung: Tocotronic, 1993 im Umfeld der Hamburger Schule neben Bands wie Blumfeld und Die Sterne gegründet, sind eine Diskursband – ein Wort, das immer schon alle, die Band und das Publikum, genervt hat, weil guter Pop natürlich eine künstliche Sache ist, aber doch viel mehr als ein grandios scharf und genau gedachtes, womöglich auch politisches Konzept. Tocotronic haben Mitte der neunziger Jahre einen Kleiderstil (Cordhosen, Trainingsjacken, ironisch gemeinte T-Shirts mit der Aufschrift "Vita-Malz") durchgesetzt, der Vorbild für ein junges studentisches Publikum in von jungem studentischem Publikum bevölkerten Stadtteilen wurde. Tocotronic sind eine Band, die den deutschen Liedtext auf ein neues Niveau gehoben haben: Keine andere Band schreibt so kunstvoll gebaute, so spannungsvolle, so konkrete, dabei ganz wunderbar rätselhafte Texte. Zur beliebten Frage, warum Tocotronic-Texte so schwer zu verstehen seien, wird Dirk von Lowtzow nicht müde zu erklären, dass Poptexte ja keine Waschmaschinen-Gebrauchsanweisungen seien. Nach der frühen Phase der Songtitel als Slogans (Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein), der Manifeste (Pure Vernunft darf niemals siegen) und vertonten Gedichte (Im Zweifel für den Zweifel) sind Tocotronic, vielleicht circa seit ihrem Hitalbum Schall & Wahn (2010), in einer Phase der Weisheit angekommen, in der vor ihnen vielleicht wirklich noch keine deutsche Band war: Das sind Liedtexte, die gesungen toll klingen, und dann, wie schön, bedeuten sie auch noch etwas. Fazit nach 22 Jahren: Es gibt von dieser Band, das ist schon bedeutend, nicht einen einzigen peinlichen Text. Tocotronic ist immer vorgeworfen worden, eine Streberband zu sein: anstrengende Sache. Das liegt schlicht daran, dass diese Band ihre eigene Metaebene in ihren Songs immer gleich mitgeliefert hat. In Tocotronic-Liedern steckt die ironische Distanzierung zu einer Aussage meistens mit drin, die Kritik, der innere Widerspruch und eine Beschreibung der Produktionsbedingungen des Pop. In einem Interview mit der Zeitschrift Spex hat Dirk von Lowtzow Tocotronic als Fake-Band bezeichnet: "Anstatt einfach Musik zu machen, haben wir immer zusammengesessen und darüber diskutiert, wie wir als Band sein wollen." Von Lowtzow ist vielleicht der erste Popstar, der den Wechsel vom Sänger einer Band zum Kritiker einer Kunstzeitschrift wirklich ernsthaft erwogen hat (heute verfasst er zwar kaum noch Kunstkritiken, sitzt aber im Herausgeber-Board der Zeitschrift Texte zur Kunst).

Zum letzten Tocotronic-Allgemeinplatz: Die Lieblingsband der deutschen Feuilletons ist, natürlich, eine politische Band. Von Tocotronic gibt es keinen Liedtext mit konkretem politischem Inhalt. Gleichzeitig begibt sich die Band, etwa mit Auftritten in der Hamburger Roten Flora und ihrem Engagement für die Organisation Pro Asyl, immer wieder in ein linksaktivistisches Umfeld. Diese Band muss gar nicht politisch sein wollen, um konstant in konkreten politischen Zusammenhängen aufzutauchen. So wurden in einem Kreuzberger Refugee-Camp kürzlich Transparente mit einer Tocotronic-Liedzeile aus dem Song Neue Zonen hochgehalten: "Europas Mauern werden fallen / An die Anemonen und Korallen".

"Ich möchte niemanden mit meinem Privatleben belästigen. Ich halte das für unappetitlich."


Spaziergang im Berliner Volkspark Friedrichshain. Und der Versuch, mit dem Popstar abseits der gängigen Tocotronic-Themen ins Plaudern zu geraten. Der Refrain der zweiten Nummer auf dem Roten Album, des grandios schwärmerischen, fast hysterischen Songs Ich öffne mich, lautet: "Ich öffne mich / Öffne mich gänzlich für dich / Wir fliehen zu zweit / Aus den Kerkern der Zeit".

Was für ein Gefühl ist das für ihn, den Textvirtuosen von Lowtzow, in einem Popsong das Wort "gänzlich" zu singen? Kommt ihm das nicht ein bisschen zu gesucht, zu speziell, zu geschraubt vor? Kleine Irritation beim Spaziergänger Lowtzow: "Ist das Wort zu auffällig? Zu unrockig?" Er hat natürlich Freude daran, sich über so ein minimales Textdetail zu verständigen: "Ich habe ja oft so eine ein bisschen schrullige Diktion, eine altmodische Wortwahl. Die Wahrheit ist: Ich mache das gar nicht so bewusst."

Ein Album über die Liebe: Nach 22 Jahren Bandgeschichte ist das doch mal eine schöne Aufgabe – für eine Band, die stets peinlich darauf bedacht war, die Lügen, Klischees und den Sprachschrott des Pop aus ihren Songs herauszuhalten, muss es die finale Herausforderung gewesen sein. Schon auf dem ersten Tocotronic-Album von 1995 hieß es: "Über Sehnsucht kann man nur schlechte Lieder schreiben / Man neigt doch sehr dazu zu übertreiben". Auf dem neuen Album deklinieren zwölf Songs und ein Hidden Track, deren Titel diesmal meistens nur aus einem Wort bestehen (Prolog, Chaos, Solidarität, Zucker), die großen Themen der Liebe durch (Sex, Knutschen, Panik, Eifersucht, totale Verwirrung, Einsamkeit, Treue, das ruinöse, umstürzlerische, katastrophale Potenzial der Liebe, die einen wie ein Blitz aus heiterem Himmel treffen kann).

Das rote Cover ist natürlich nicht irgendeine rote Fläche, sondern Kasimir Malewitschs Rotes Quadrat, genau vor hundert Jahren, im Jahr 1915, entstanden. Von Lowtzow erklärt, dass es eben nicht möglich ist, ein Album über die Liebe zu machen, ohne eine gewisse Uncoolness zu riskieren: "Man muss irgendwie mutig sein, man muss sich öffnen. Daher auch der Song Ich öffne mich." Auf dem Roten Album gibt es romantische Naturdichtungen, die an Wilhelms Müllers Liedtexte der Liederzyklen von Franz Schubert erinnern, aber natürlich sind es postmoderne Neufassungen ironischer Spiegelungen von Fakes von Schubert-Liedern: "Wir streunen durch die Wälder und sehen unsere Spiegelungen in tiefen Brunnen / Und im feuchten, modrigen, vom Tau liebkosten Wiesengrund". Im komischen Song Haft, der in der Lowtzow-Pollesch-Oper von Martin Wuttke und Lilith Stangenberg im Duett gesungen wird, gelingt Tocotronic die Unmöglichkeit der Neudichtung der ältesten Zeile des Pop "Ich liebe dich", wie folgt: "Ich hafte an dir / Wie Tinte auf Papier".

Von Lowtzow, der das neue Album als schwere Geburt bezeichnet, kann sehr schön darüber berichten, wie er nachts auf der Suche nach machbaren Texten ketterauchend durch den Friedrichshain geirrt ist; und wie sie innerhalb der Band wirklich stundenlang an einem regelrechten Lektorat der Texte gesessen haben. Tocotronic wollen natürlich keine Authentizitäts-Idioten sein, anders als Björk oder Phil Collins möchten sie die Leute nicht mit einer Trennungsschmerz- oder einer Scheidungsplatte behelligen: "Unser Schluss war: Man muss immer weiter subtrahieren, um die Essenz herauszuschälen und das Gefühlsduselige, das Schwurbelige und Schwofelige zu vermeiden."

Kitsch durfte es auf dem Roten Album auch geben, aber wenn, dann nur in seiner extrem künstlichen, überspannten, seiner campy Version. Interessanter Punkt: Nicht nur den Schlagerkitsch, sondern auch den Diskurskitsch wollten Tocotronic vermeiden. Erklärung Lowtzow: "Fragmente einer Sprache der Liebe von Roland Barthes ist sicherlich ein großartiges Buch. Beim Übertragen des Buches in einen Pop-Kontext wäre aber ein unangenehmer Kitsch dabei herausgekommen." Sagenhaftes Statement. Die Probleme von Tocotronic, eben auch der neunmalklügsten Band der Popgeschichte, muss man erst mal haben.

Ein Konzeptalbum über die Liebe, auf dem nicht ein peinlicher Song ist

Oben auf dem Schuttberg, mit Blick auf die Bürger-Altbauten vom Friedrichshain: Lowtzow erzählt noch einmal, was für ein rundherum erfreuliches Erlebnis das Musiktheater-Abenteuer für ihn war. Eine Oper von René Pollesch und Dirk von Lowtzow mit Martin Wuttke an der Berliner Volksbühne – hier stimmt einfach alles: Man konnte den Kulturjournalisten des Landes ja keine größere Freude bereiten. Und nun ein neues Tocotronic-Konzeptalbum über die Liebe, auf dem, wie schön, nicht ein peinlicher Song ist. Dirk von Lowtzow, der ewige Einserschüler, der Richtigmacher des deutschen Pop.

Von Lowtzow schlägt nun das hochinteressante Gesprächsthema vor, ob nach dem Jahrzehnt des Pop (neunziger Jahre) und dem Jahrzehnt der Kunst (Berlin in den nuller Jahren) die gerade laufenden zehner Jahre im Rückblick das Jahrzehnt sein werden, in dem das Theater die bestimmende kulturelle Kraft war: In Berlin-Neukölln macht gerade eine kleine, aus New York stammende Künstlergruppe, die das Off-Theater als Blaupause für Aktionskunst benutzt, unter dem Namen New Theatre von sich reden. Weil es manchmal richtig ist, die falschen Fragen zu stellen, und weil es auch ein wenig langweilt, mit dem so geschmackssicheren, umsichtigen und sympathischen Popstar Dirk von Lowtzow in allen Punkten einer Meinung zu sein, stellt der Reporter nun eine Frage, die eine Grenze übertritt: Ist er, der Popstar Dirk von Lowtzow, gerade verliebt? Wie fällt nach vierzig Jahren sein ganz persönliches Fazit von Liebe und Treue aus?

Schon auch ein Coup und ein persönlicher Sieg für den deutschen Popstar: Es gibt in den vielen Feuilletons und Zeitungstexten über Tocotronic nicht einen Absatz, der das Privatleben Dirk von Lowtzows thematisiert, seine Herkunft, seine Familie. Kein Mensch weiß, was Lowtzows Eltern arbeiten, auch der Name seiner langjährigen Lebensgefährtin wird nie genannt. Der Popstar Dirk von Lowtzow erklärt mit einem grandios angewiderten Gesichtsausdruck: "Die Versessenheit darauf, woher man kommt, finde ich schrecklich. Darum geht es nicht. Es geht immer darum, wohin man geht. Ich möchte niemanden mit meinem Privatleben belästigen. Ich halte das für unappetitlich."

Guter Mann, gute Worte, gute neue Platte. Wir sind, einmal mehr, vollkommen einverstanden.