Wissenschaftler, die sich bei ihrer Arbeit vor Gewalt fürchten müssen, vermutet man in vielen Teilen der Welt. Aber nicht in Nordrhein-Westfalen. Kader Konuk leitet seit April das Institut für Turkistik an der Universität Duisburg-Essen. Dort unterrichtet sie vor allem angehende Türkischlehrer in Literaturwissenschaften. In diesem Sommersemester, ihrem ersten an der Uni, sollten ihre Studenten auch Romane und Gedichte über den Genozid an den Armeniern lesen. Noch vor Beginn des Semesters kamen die Reaktionen. "Auf einer Facebook-Seite wurde meine Lehrveranstaltung thematisiert. Es kam zu heftigen Beleidigungen und Bedrohungen", sagt Kader Konuk. Außerdem wurde dazu aufgerufen, die Veranstaltung zu boykottieren. Am 24. April wird sich der Beginn des Völkermords zum 100. Mal jähren. Bis heute leugnet die türkische Regierung das Ausmaß der Verbrechen. In den Schulbüchern steht: Die Armenier waren die Täter, die Türken die Opfer. In Deutschland leben heute mindestens 40.000 Menschen mit armenischen und über drei Millionen mit türkischen Wurzeln. Doch der Genozid ist hierzulande fast nie ein Thema in Schulen oder Universitäten.

Grund dafür könnte auch der Druck sein, den türkische Politiker und Nationalisten immer wieder auf deutsche Lehrer, Professoren und Bildungsminister ausüben. Vor ein paar Jahren nahm Brandenburg den Armenier-Genozid in den Lehrplan auf. Doch dann sprach der türkische Botschafter mit dem damaligen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck und seinem Bildungsminister. Das Thema wurde gestrichen. Erst als Zeitungen berichteten und öffentlich protestiert wurde, kam der Genozid wieder in den Lehrplan – diesmal allerdings mit einer Stellungnahme der türkischen Regierung im Lehrmaterial. Auch in NRW hat sich vor einiger Zeit die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft über die Einmischung türkischer Diplomaten in den Schulunterricht beschwert. Sie sollen kostenlos Lehrbücher für den Türkischunterricht verteilt haben, in denen unter anderem der Genozid an den Armeniern geleugnet wurde. Und die Universität Hamburg bekam im Januar dieses Jahres Besuch von einem türkischen Diplomaten, der versuchte, eine Podiumsdiskussion zu verhindern, in der auch der Genozid Thema sein sollte.

Zum Seminar von Kader Konuk kamen am Ende etwa 35 Studenten, halb so viele, wie angemeldet waren. Und zwei Störer, die nicht zum Seminar gehörten.