DIE ZEIT: Professor Seeley, wenn wir über Bienen reden, benutzen wir die Begriffe eines untergegangenen Herrschaftssystems, wir sprechen von Königinnen und Arbeiterinnen. Herrscht im Bienenstock der Adel über das Volk?

Thomas D. Seeley: Nein, überhaupt nicht. Diese Metapher ist ein Relikt aus der Zeit, in der die Menschen noch nicht verstanden haben, wie ein Bienenvolk organisiert ist. Sie impliziert, dass die Königin eine Herrscherin ist, eine Entscheiderin.

ZEIT: Das ist sie nicht?

Seeley: Nein. Sie ist eine Eierlegerin. Sie ist die Mutter jeder einzelnen Biene im Volk, was schon erstaunlich ist. Aber sie ist nicht in Entscheidungen einbezogen, etwa darüber, wohin die Sammlerinnen fliegen, ob der Schwarm seine Wärmeproduktion hoch- oder runterfährt, ob das Volk ausschwärmt. Die Arbeiterinnen tauschen untereinander Informationen aus und treffen die Entscheidungen. Die Königin bleibt passiv.

ZEIT: Aber lehrt uns die Evolution nicht, dass jedes Tier mit seinen Artgenossen um Futter, Lebensraum und Fortpflanzung konkurrieren muss, um sein Erbgut weiterzugeben?

Seeley: Nicht, wenn die genetischen Interessen einheitlich sind, wie bei den Arbeiterinnen. Keine von ihnen pflanzt sich fort. Vergleichen Sie das mit den Zellen in Ihrem Körper: Die Zellen in Ihrer Handfläche kommen sich nicht mit den Zellen in Ihren Beinen in die Quere. Alle arbeiten zusammen, sodass Sie als Mann letztendlich Sperma produzieren und Kinder haben können.

ZEIT: Die Königin ist also wie ein paar Hoden. Sie hängt rum und wird nur aktiv, wenn sie gebraucht wird. Muss man ein Bienenvolk als einen einzigen Organismus betrachten?

Seeley: Ja, und der bringt als Nachwuchs ein neues Bienenvolk hervor. Beim Geburtsakt, dem Schwärmen im Frühling oder Sommer, suchen sich 10.000 oder 15.000 Bienen ein neues Zuhause, sie senden Kundschafterinnen aus, die nach einem neuen Unterschlupf suchen.

ZEIT: Wie sieht so ein Bienentraumhaus aus?

Seeley: Die Bienen brauchen eine dunkle Asthöhle, idealerweise mit einem Volumen von rund 40 Litern, einem kleinen Eingang von sechs bis zehn Quadratzentimetern und mindestens fünf Meter über dem Boden. Die Höhle muss Schutz und genug Platz bieten für die rund 20 Kilogramm Honig, von denen sich das Volk im Winter ernährt. Die Wahl des neuen Zuhauses ist eine Entscheidung auf Leben und Tod.

ZEIT: Haben Bienen denn so ein gutes Gedächtnis, dass sie sich all diese Eigenschaften und die Lage der Höhle exakt merken können?

Seeley: Das ist tatsächlich ein kritischer Punkt: Die Kundschafterinnen ziehen unabhängig voneinander los. Zu Beginn weiß lediglich eine einzelne Biene von einer Asthöhle, die Information ist also ziemlich fragil. Robust wird sie erst, wenn die Biene dem Schwarm davon berichtet. Die anderen Kundschafter sehen ihren Schwänzeltanz, die bienentypische Tanzsprache, und fliegen selbst zur angegebenen Stelle und begutachten sie, wieder unabhängig voneinander.

ZEIT: Sind Bienen denn unbestechlich?

Seeley: Nun, sie können beeinflusst werden, indem sie zu einer bestimmten Stelle gelockt werden, aber nicht in ihrer Bewertung des potenziellen Zuhauses. Es geht bei dem Prozess ja darum, den richtigen Ort für das Volk zu finden, es geht dabei wirklich um Qualität. Die Kundschafterinnen finden vielleicht zehn oder zwanzig verschiedenen Möglichkeiten und müssen unter ihnen auswählen. Deswegen ist es so wichtig, dass sie die Einschätzung unabhängig voneinander vornehmen.