Wann endete der Zweite Weltkrieg? In der Nacht zum 8. Mai 1945 unterzeichneten die letzten Vertreter des Deutschen Reiches in Reims die bedingungslose Kapitulation. Für Stalin konnte der europäische Krieg aber nur im zerstörten Berlin zu Ende gehen; also wurde die Zeremonie in der Nacht zum 9. Mai dort noch einmal wiederholt. Bis heute feiern die Sieger um einen Tag getrennt dasselbe Ereignis. In Asien gibt es ebenfalls zwei Daten für das Kriegsende. Am 15. August erklärte sich Kaiser Hirohito im Radio nach den Atombombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki prinzipiell zur Aufgabe bereit; erst am 2. September wurde die bedingungslose Kapitulation an Bord des Schlachtschiffs USS Missouri unterzeichnet.

Der Krieg ging aber, was heute oft vergessen wird, vielerorts weiter. Deutschland und Japan sahen sich durch die alliierte Besatzung gewaltsam pazifiziert. Doch im Osten und Südosten Europas und besonders in Asien änderte der Krieg oft nur seinen Aggregatzustand. Der Weltkrieg endete, die lokalen Bürgerkriege gingen weiter: italienische Landarbeiter (ehemalige Partisanen) gegen aristokratische Landbesitzer (ehemalige Faschisten), jugoslawische Partisanen gegen kroatische Nationalisten, litauische Freiwilligenverbände gegen die Rote Armee, die polnische Armee gegen ukrainische Nationalisten, griechische Partisanen gegen griechische Nationalisten (zuvor von der Wehrmacht, nun von den Briten gestützt).

Oder in Asien: chinesische Kommunisten gegen die Armee Chiang Kai-sheks, philippinische Guerilla-Kämpfer gegen philippinische Landbesitzer (zuvor von den Japanern, nun von den USA gestützt), Kommunisten und Nationalisten in Vietnam und Indonesien gegen die zurückkehrenden französischen und niederländischen Kolonialherren, Auftakt der Dekolonisierung. Es dauerte einige Jahre, bis aus der Anarchie nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue, halbwegs stabile Weltordnung entstand. Viele dieser Konfliktlinien ziehen sich bis in unsere Gegenwart.

Das ist die wichtigste Einsicht, die uns die Neuerscheinungen zum Gedenkjahr vermitteln: Wir müssen unser Verständnis des Schwellenjahres "1945" zeitlich und räumlich erweitern. Zeitlich beginnt das Kriegsende in Europa schon 1943, mit der Landung der Alliierten in Sizilien, Anfang vom Ende des italienischen Faschismus. Erst zum Ausklang der vierziger Jahre senkt sich in Europa die geteilte Weltordnung des Kalten Krieges über die wilden, chaotischen Zustände der Jahre zwischen 1943 und 1949, die eine eigene Zwischenzeit darstellen. Das ist die These von Keith Lowes Der wilde Kontinent. Die schier uferlose Geschichtsschreibung über diese Zeit fügt der britische Historiker Lowe mit viel literarischem Gespür zu einer Gesamtschau der Nachgeschichte des Zweiten Weltkriegs in Europa zusammen.

Und dennoch lohnt sich der Blick über die deutschen und europäischen Grenzen hinaus. In seiner grandiosen Globalgeschichte des Jahres 1945 verknüpft der britisch-niederländische Publizist Ian Buruma (Autor auch der Titelgeschichte dieser Ausgabe auf S.18) erstmals das Kriegsende in Europa mit dem in Asien. Beide Bücher zusammen zeichnen ein schonungsloses Bild der Lebensrealität in der unmittelbaren Nachkriegszeit: der Gleichzeitigkeit von Euphorie, Hunger, Rache, "ethnischer Säuberung" und Bürgerkrieg. So entsteht das Panorama einer Welt ohne Sicherheiten, ins Freie fallend – eine eigene intensive, atemlose Übergangszeit an den schartigen Rändern des Zweiten Weltkrieges. Nicht der Weltkrieg, sondern diese Übergangszeit – nicht mehr Krieg, noch nicht Frieden – ist der Ursprung unserer Gegenwart.

Eines der ikonischen Bilder der Euphorie des Kriegsendes zeigt einen amerikanischen Matrosen, der auf dem Times Square in New York eine Krankenschwester in seinen Armen tief nach unten beugt, ihr einen Kuss aufzwingt und dabei die Faust ballt. Das Foto von Alfred Eisenstaedt erschien in der darauffolgenden Woche als Titelbild des Life Magazine. Auch Victor Jorgensen hielt mit seiner Kamera am 14. August 1945 den betrunkenen Matrosen fest wie er sich wahllos jede Frau griff, derer er habhaft werden konnte, um auf seine Art die Niederlage Japans und das Ende des Zweiten Weltkriegs zu feiern.

Bedingungslose Kapitulation hieß denn auch eine überlebensgroße Skulptur von John Seward Johnson, die diesen Moment 50 Jahre später noch einmal festhielt – als ein Exemplar auch letztes Jahr in Caen aufgestellt werden sollte, regte sich dagegen Protest von französischen Feministinnen, die an die sexuellen Übergriffe amerikanischer Soldaten während der Befreiung Frankreichs und in der unmittelbaren Nachkriegszeit erinnerten. Die Skulptur zeige – so die Kritik – nicht euphorischen Überschwang, sondern sexualisierte Gewalt.

"Keine Frauen, bitte nicht klopfen"

Die Eroberung von Frauen war das alles beherrschende Thema der mehr als zwei Millionen Männer in amerikanischer Uniform in Europa 1945, wenn sie nicht gerade an der Front im Einsatz waren. So beschreibt es jedenfalls der amerikanische Journalist Melvin Lasky in seinem Tagebuch des Jahres 1945. Lasky selbst, der ein ihn langweilendes Leben als Militärhistoriker in der Etappe verbringt, ist da keine Ausnahme. Mit den amerikanischen Truppen zunächst in Frankreich stationiert (an einem Haus in Nancy ein Schild: "NO WOMEN, PLEASE DO NOT KNOCK"), rückt er im April ins besetzte Deutschland ein.

Der Anblick der Zerstörung in Darmstadt, Frankfurt und anderen Städten macht ihn fassungslos wie auch das Fraternisierungsverbot, das nicht lange halten wird. Schon bald sind, wie bereits zuvor in Frankreich, die Begegnungen mit Frauen das beherrschende Thema des Tagebuchs (eine davon wurde seine Ehefrau). Lasky, mit Mitte zwanzig nur unwesentlich älter als die meisten Soldaten, ist angewidert von dem Dilemma, vor das sich die Besatzer gestellt sehen: sich angesichts der moralischen und physischen Verwüstungen im Nachkriegsdeutschland kein Mitleid gegenüber Hitlers Deutschen erlauben zu dürfen. Vereinzelt gelingen ihm eindrucksvolle Beschreibungen, etwa der Ruinen Berlins: "Das Gesicht der Stadt ist schwarz, die Augen ausgestochen und ausgebrannt." Oder die lakonische Bemerkung beim Blick auf die einst prachtvolle Leipziger Straße, vor dem Krieg seien Banken und Versicherungen zusammengebrochen, nun auch ihre Gebäude.