Das Bekenntnis des amerikanischen Schauspielers und ehemaligen Zehnkämpfers Bruce Jenner, er sei eine Frau, wirft die Frage auf, was es mit der sogenannten Identität auf sich habe. Natürlich hätte man gern eine, am liebsten eine möglichst sichere, aber woher nehmen? Schon der Blick in den Spiegel lässt schwere Zweifel aufkommen. Ist diese Person, die mir an diesem Morgen entgegenblickt, wirklich die, die gestern Abend so fröhlich (der Wein schmeckte zu gut) hineingeblickt hat? Das kann nicht wahr sein. "Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen", hat der große Adorno behauptet. Lieber Herr Adorno: So weit sind wir längst nicht! Wir halten es mit Ihrem Kollegen Precht und fragen: Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Verglichen mit der beängstigenden Menge fluider Identitäten, mit denen wir uns täglich herumschlagen, ist der Unterschied zwischen Mann und Frau peripher. Wie oft sind wir als Siegfried zu Bett gegangen und als Xanthippe aufgewacht! Das ist wirklich keine Kunst. Die Kunst besteht darin, Beherrscher der Identitäten zu sein. Auch hier ist die Politik ein lehrreiches Feld. Wer könnte über die Identität Angela Merkels etwas Bestimmtes sagen? Heute Mutti, morgen Domina. Den Fall Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg lassen wir jetzt unerwähnt.

Panta rhei, sagte Heraklit. Das ist lateinisch und heißt so viel wie anything goes. Man darf die Dinge nicht zu eng sehen. In Milan Kunderas Roman Das Fest der Bedeutungslosigkeit marschiert Stalin mit einer Jagdflinte durch den Jardin du Luxembourg von heute, und die Spaziergänger klatschen über die gelungene Wiederkehr. Dass Tote auferstehen, ist Teil des christlichen Glaubensbekenntnisses. Auch wer vom Christentum nichts hält, wird sich darüber im Klaren sein müssen, dass die Identitätsfrage mit dem Tod nicht endet. Die Redewendung "Als Tiger gesprungen und als Bettvorleger gelandet" gilt ja auch für die letzten Dinge. Man kann als Osterlamm die Äuglein schließen und als Werwolf durch das Jenseits streifen, das ist alles nur eine Frage des Willens. Aber auch als Werwolf hat man es nicht leicht, wie Christian Morgenstern erkannt hat: Sein Werwolf lässt sich von einem Dorfschulmeister deklinieren: des Weswolfs, dem Wemwolf, den Wenwolf. "Dem Werwolf schmeichelten die Fälle, / er rollte seine Augenbälle. Indessen, bat er, füge doch / zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!" Die gibt es nicht, muss er sich sagen lassen. Identitäten sind eben doch nicht beliebig vermehrbar.