Es gibt viele Fragen, die man nicht beantworten kann. Die meisten davon sind Fragen der Art: Was kommt nach dem Tod? Oder: Warum tut Gott nichts gegen Erdbeben? Es gibt aber auch solche, die nicht besonders tiefgründig zu sein scheinen und dennoch Rätsel aufgeben. Zum Beispiel: Warum reden die Finnen so wenig? Warum kann die Mafia in Oslo nicht Fuß fassen? Oder: Warum hat das Slow-TV in Rom keine Zukunft? Solche Fragen reichen tief hinab ins Halbdunkel der Völkerpsychologie, die ihre besten Tage hinter sich hat.

Wer sich dennoch Einblicke in die Psyche des Landes erhofft, dem ist gelegentlich mit einem Blick auf die Spiegel- Bestsellerliste geholfen. Diese Liste der in Deutschland meistverkauften Bücher der Woche ist auf ihre Art ein kollektiver Seelenspiegel: Sag mir, was du liest, und ich sag dir, wer du bist. In dieser Woche interessiert sich Deutschland zum Beispiel besonders für die Erinnerungen des Altkanzlers und die Gelassenheit beim Älterwerden.

Wer noch tiefer bohren möchte, dem sei die Lektüre der gerade von der GfK Entertainment veröffentlichten Liste der zehn bestverkauften Sachbücher der letzten zehn Jahre empfohlen. Sie bietet einige Überraschungen. Die größte: Sie enthält (sieht man über Sarrazins Deutschland schafft sich ab auf Platz neun hinweg) kein richtiges Ekelbuch. In der deutschen Kollektivseele konkurriert das Nützliche mit dem gepflegt Unterhaltsamen. Die zweite Überraschung: Das meistgekaufte deutschsprachige Buch ist noch immer – das Bürgerliche Gesetzbuch. Die Deutschen lieben und brauchen offenbar dieses für die Urlaubs- und Bettlektüre gänzlich untaugliche Werk, in dem von der Geburt übers Heiraten, Sichwiederscheidenlassen und Sterben alles geregelt und bevorschriftet wird, was sich in einem deutschen Lebenslauf nur regeln und bevorschriften lässt – und bestätigen damit die völkerpsychologischen Plattitüden, die beispielsweise in Athen gerade über sie in Umlauf sind.

Platz zwei der Liste, Ich bin dann mal weg von Hape Kerkeling, ist das Gegenteil des deutschen Zentralwunsches, nach lückenlos geregelter Häuslichkeit: nämlich die nicht minder deutsche "Sehnsucht nach einer wahren Heimat in irgendeiner Ferne", die Oswald Spengler schon 1927 als einen Hauptzug des "deutschen Volkscharakters" ausgemacht haben will. Auf Platz drei betet die deutsche Volksseele schließlich mit Eckart von Hirschhausen zu ihrem letzten Gott: dem eigenen Wohlergehen.

Alles in allem keine verheerende Bilanz: Man hat ein Lüstchen für die Sicherheit und ein Lüstchen für die Unsicherheit, aber man ehrt die Gesundheit.