Der Ausgang der britischen Parlamentswahlen in der nächsten Woche ist ungewiss, in den jüngsten Meinungsumfragen kommen die Konservativen und Labour jeweils auf 33 Prozent der Stimmen. Da gehen den Parteistrategen die Ideen aus, und Wahlforscher bekennen ihre Ratlosigkeit.

Wer wird Premierminister? Bleibt David Cameron, oder kommt Ed Miliband? Es ist eine Zitterpartie, auch für Europa. Denn die Wahlversprechen der beiden sind eindeutig. Unter David Cameron wird es einen Volksentscheid geben. Möglicherweise wäre der Brexit dann schon nächstes Jahr beschlossene Sache. Ed Miliband dagegen bekennt sich zur europäischen Idee und verspricht eine "kritische und konstruktive Mitgliedschaft". Ob die Briten bleiben oder gehen, hängt also entscheidend davon ab, wer nach dem 7. Mai in der Downing Street regiert.

Die Logik besticht. Wenn man bedenkt, wie konsequent die Briten in den vergangenen dreißig Jahren in Brüssel als Quengler aufgetreten sind, ist es nur folgerichtig, dass sie schließlich die Grundsatzfrage stellen. Gleichwohl, der Weg führt in die Irre.

Großbritannien und Europa – da steckt mehr drin, als zwei Wahlkampfslogans ausdrücken können. Wichtiger noch: Zuverlässige Hinweise auf die europäische Marschrichtung der Briten finden sich nicht bei den Spitzenkandidaten, sondern näher am Rand der Parteienlandschaft, wo die Grünen und die schottische SNP aufgeblüht sind. Parteien, die für eine emphatisch proeuropäische Politik stehen. Sie haben den Ton der Debatte verändert. Volksentscheid oder kein Volksentscheid, der Brexit wird immer unwahrscheinlicher.

Nach Ansicht von Nigel Farage, Vorsitzender der Partei für die Unabhängigkeit des Vereinigten Königreichs (Ukip), sprechen folgende Gründe dafür, Europa schnellstmöglich zu verlassen: Durch die Euro-Krise ist Europa nicht länger Garant von Wachstum. Statt Wohlstand produziert Brüssel in einigen Mitgliedsländern soziales Elend. Mittelfristig wird sich der Anteil der EU am Welthandel auf rund 15 Prozent halbieren.

Da wäre der britische Mittelstand doch besser beraten, neue Absatzmärkte in Brasilien, der Türkei oder Indien zu erschließen, anstatt kostspielige EU-Richtlinien umzusetzen. Die Regierung spart Beitragszahlungen in Höhe von 55 Millionen Pfund (77 Millionen Euro) pro Tag, und für die Neuregelung der Handelsbeziehungen zwischen Großbritannien und dem Binnenmarkt sollen die Verträge mit Norwegen und der Schweiz als Vorbild dienen. Spätestens hier wird der charismatische Politiker zum Märchenonkel. Das Norwegen-Modell würde bedeuten, dass die Briten weiterhin sämtliche Richtlinien der Arbeits- und Sozialgesetzgebung umsetzen müssten, ohne über sie verhandeln zu können. Und die Schweiz taugt auch nicht als Vorbild, denn ihr Zugang zum Binnenmarkt für Dienstleistungen ist erheblich eingeschränkt.

Für die City of London wäre das fatal.

Wenn Farage dann behauptet, die EU würde den Briten nach einem Austritt weiterhin uneingeschränkten Zugang zum Binnenmarkt gewähren, ist das keine politische Vision, sondern reine Utopie. Und das erklärt sowohl den Erfolg von Ukip als auch die Vorhersage, dass Farage sich als politische Eintagsfliege entpuppen wird.

Der Meinungsforscher Peter Kellner beschreibt Ukip-Anhänger als "klassische Protestwähler", deren politische Entscheidungen eher emotional als rational gesteuert sind. Wie erfolgreich hoch emotionale Politik sein kann, haben die schottischen Separatisten im letzten Jahr bewiesen. "In Zeiten schwerer wirtschaftlicher Not wollten viele Schotten einfach an die bessere Welt glauben, von der die SNP sprach", sagt Kellner. Da machte es auch nichts, dass die SNP die existenzielle Frage nach der Währungsbindung des unabhängigen Schottlands mit demselben Versprechen beantwortete, es werde eine Währungsunion mit England geben, obgleich das von der Regierung in London längst kategorisch abgelehnt worden war. Am Ende siegte doch der Verstand. Die Schotten stimmten gegen die Unabhängigkeit.

Die Brexit-Debatte dürfte ähnlich verlaufen. Bis vor wenigen Monaten gab es nur die Ukip-Version. Nun mischen sich Wissenschaftler, Unternehmerverbände und Lobbygruppen in die Diskussion ein. Der Londoner Think Tank Open Europe veröffentlichte jüngst eine Studie zu den Kosten, die durch den Brexit entstehen würden. 35 Prozent aller britischen Exporte in die EU müssten mit einer Einfuhrsteuer von bis zu zehn Prozent kalkulieren. Die Chancen auf einen freien Zugang zum Binnenmarkt schätzen die Autoren je nach Branche unterschiedlich ein. Für britische Autobauer seien sie hoch, für Finanzdienstleister dagegen nur gering.

Angesichts der Tatsache, dass 78 Prozent des gesamten europäischen Währungshandels in der City of London abgewickelt werden und außerdem 74 Prozent des Derivatenhandels, wäre ein Austritt katastrophal. Kein Wunder, dass sich nahezu zwei Drittel der Finanzwelt hinter Europa stellen – so das Ergebnis einer Umfrage des New Yorker Centre for the Study of Financial Innovation (CSFI).

So hoch im Kurs steht die Europäische Union wahrscheinlich sonst nirgends in Großbritannien. Doch auch in der "Square Mile" gilt, dass contra Brexit nicht automatisch pro EU bedeutet. Das Brexit-Barometer von Open Europe steht auf Schönwetter für Europa. Nur 17 Prozent halten einen Austritt in den nächsten fünf Jahren für wahrscheinlich. Ein Punktsieg für den Verstand.

Klammert man ihn aber aus, dann würden 41 Prozent der Briten die EU – so wie sie ist – lieber heute als morgen verlassen.

Höchste Zeit, dass Europa erkennt, was es an den Briten hat.