Gut dosierter Zorn bringt den Kreislauf in Schwung. Für verlässlichen Ärger sorgen zum Beispiel Großbuchhandlungen: diese Stapel auswechselbarer Schmöker! Die Blicke der Angestellten, die gestresst Autorennamen in die Suchmasken ihrer Computer hacken! Hugendubel am Marienplatz in München etwa war lange ein guter Ort für die Wut auf die Massenbuchhaltung.

Weshalb es auch traurig war, als die Schließung des Geschäfts angekündigt wurde. Der Mietvertrag lief aus. Jetzt ist sein Verschwinden aber doch abgewendet worden, unter Bedingungen, die zeigen, wie das Erlebnis des Bücherkaufens künftig aussehen könnte. Der neue Mieter, die Telekom, nimmt Hugendubel als Untermieter auf. Nach neuesten Plänen kann es von 2017 an neben den Verkaufsflächen für Telefone und Handyverträge doch noch eine Bücherabteilung geben, zugänglich durch eine Hintertür. Nachdem man sich neue Geräte zugelegt hat, die einen noch kommunikativer, noch erreichbarer, noch nervöser machen, gönnt man sich also ein schönes Buch. In das man sich zurückzieht, um die erschöpfenden Diskussionen mit den Telekom-Mitarbeitern zu vergessen.

Nie mehr mit Verkäufern bekämen es dagegen die Kunden in den Geschäften zu tun, die sich der Internet-Buchhändler Amazon gerade für die Offline-Welt patentieren lassen will. In der technischen Sprache des Patentantrags scheint eine eigenartige Zukunft auf: "Sobald der Kunde den Ausgang der Einzelhandelsfiliale passiert, können die mitgenommenen Gegenstände automatisch von der Warenabfertigungs-Einrichtung auf den Nutzer übertragen werden, und der Nutzer wird mit einer Gebühr belegt." Sensoren und Chips würden Kunden und Waren erkennen und dafür sorgen, dass der eigentliche Vorgang des Kaufens virtuell abläuft, während der Kunde sich leichter Hand etwas nimmt und geht. Buchhändler würden da kaum noch benötigt. Ob Amazon die Pläne je umsetzt, weiß man nicht. Es reicht aber schon, sich einen so reibungslos langweiligen Laden vorzustellen, um dann plötzlich das Gedränge von Menschen und Büchern in den großen Buchhandlungen mit ganz nostalgischen Augen zu sehen.