Große Erwartungen richten sich auf diese Veranstaltung. Die gesamte Hamburger Opposition hat dafür gekämpft, sie möglich zu machen. Der "Beteiligungsworkshop" für die Busbeschleunigung im Hamburger Stadtteil Uhlenhorst soll ein Modell für ganz Hamburg werden, ein "ergebnisoffenes Pilotprojekt für gute Beteiligungskultur", so hat es die Bürgerschaft beschlossen. Schluss mit den Mobbingparolen im Internet, nie wieder Bezirksversammlungen unter Polizeischutz, wie bei einer Sitzung im Oktober 2014 im Bezirk Nord, als der Zorn der Uhlenhorster Busgegner am größten war.

Stattdessen sollen nun, beim "Beteiligungsworkshop", erwachsene Menschen gesittet über die Zukunft ihrer Stadt sprechen. Der Rahmen ist passend gewählt. Der Speisesaal der Seniorenresidenz in der Finkenau gemahnt an eine Säulenhalle. Höfliche Begrüßungen, verbindliches Lächeln, die zur Beteiligung geladenen Bürger nehmen auf gepolsterten Stilmöbeln Platz. Ein Imbiss steht bereit, ebenso eine Vielzahl an Experten, um den Damen und Herren allfällige Fragen zu beantworten. Ans Rednerpult tritt Harald Rösler, Leiter des Bezirksamts Nord. Erwartungsvolles Schweigen legt sich über den Saal – was wird sie bringen, die neue Beteiligungskultur?

Es gebe da, sagt Rösler, noch eine Frage: Wie solle man mit der "Journaille" verfahren?

Die Journaille, die hinten im Saal einen Stehplatz gefunden hat, glaubt erst, sich verhört zu haben. Rösler meint das aber wirklich so: Bürgerbeteiligung funktioniert aus seiner Sicht am besten unter Ausschluss der Öffentlichkeit – schließlich müsse man hier "unterschiedliche Meinungen in Ruhe miteinander bearbeiten", sagt Rösler. Initiativen wie der Fahrgastbeirat des HVV oder eine Bürgerinitiative von HVV-Nutzern wurden zu diesem Verfahren gar nicht erst eingeladen.

Willkommen in der Zukunft der Hamburger Demokratie. Wählen darf jeder, besonders "beteiligt" wird aber nur eine Elite, und wie das geschieht, muss das Volk nicht unbedingt erfahren. In diesem Fall geht es um die Initiatoren einer Protestinitiative namens "Unsere Uhlenhorst". Ihnen missfällt, wie das Land die Papenhuder Straße neu gestalten möchte, um dort den Bussen der Linie M6 das Durchkommen zu erleichtern. Gemessen an den aufwendigen Bauarbeiten in anderen Stadtteilen, geht es hier nur um kosmetische Eingriffe entlang eines Straßenzugs von wenigen hundert Metern. Doch hat die Initiative gedroht, das gesamte Busprogramm zu stoppen – Verbesserungen auf etwa 250 Kilometern Strecke, von denen täglich mehr als 200.000 Fahrgäste profitieren sollen. "Die Klientel ist sehr streitbar und auch finanziell in der Lage, dagegen anzugehen", sagt ein Teilnehmer des Workshops.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 18 vom 29.4.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Mithilfe sämtlicher Oppositionsparteien haben die Busgegner die erforderlichen Unterschriften gesammelt. Nun wollen sie sich ihr Einverständnis zur Busbeschleunigung abhandeln lassen.

Ist es abwegig, zu vermuten, dass an der Art dieser Verständigung ein gewisses öffentliches Interesse besteht? Immerhin fahren täglich mehr als 24.000 Passagiere mit den Bussen der Linie M6, im Zuckeltempo von durchschnittlich 14 Stundenkilometern.

Bezirksamtschef Rösler kann mit solchen Einwänden wenig anfangen. Aus seiner Sicht verhalte es sich mit der Bürgerbeteiligung wie mit "einem Kindergeburtstag": Einige würden eben eingeladen, andere nicht. Zur Sicherheit lässt er die Versammlung abstimmen. Zwei Versuche braucht es, bis das gewünschte Ergebnis vorliegt: Die Kritiker der Busbeschleunigung und ihre Unterstützer, eingeladen oder nicht, kommen in den Genuss einer Bürgerbeteiligung unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

An dieser Stelle endet die Berichterstattung aus eigener Anschauung. Allerdings lässt sich aus den Schilderungen unterschiedlicher Teilnehmer insgesamt doch ein einigermaßen stimmiges Bild dieses "Pilotprojekts für gute Beteiligungskultur" gewinnen.

Hat das Protestlager wirklich verlangt, dass ihm nach erfolgter Busbeschleunigung nicht weniger, sondern mehr Parkplätze als bisher zur Verfügung stehen? So berichten es mehrere Teilnehmer. Im Zusammenhang mit dem Parkraum könne das Wort "Maximierung" gefallen sein, heißt es im Lager der Busentschleuniger.

Was ist mit den Straßenbäumen? Über die zahllosen Bäume, die nach Angaben der Initiative für den Busverkehr geopfert werden sollten, kann man nicht ernsthaft verhandeln – in Wirklichkeit wollte niemand sie je fällen. Allerdings, sagen die Anwohner der Papenhuder Straße nun, gebe es in ihren insgesamt sehr schönen Baumreihen noch Lücken. Auch da bietet sich eine Gelegenheit zur Maximierung.

Eine gewisse Irritation scheint der Auftritt eines Verkehrsexperten vom ADAC hinterlassen zu haben. Einige Buskritiker hatten in ihm wohl einen Verbündeten gesehen und auf kritische Worte zu Fahrradstreifen und öffentlichen Verkehrsmitteln gehofft. Das konnte nichts werden, der ADAC ist mit den Plänen des Landes zufrieden.

Nun wird es speziell. Einer der Initiatoren wünscht sich anstelle des Parkplatzes vor der eigenen Haustür ein Fahrradhäuschen. Aber wie passt das zur Parkraummaximierung? Nun, da müssten eben an anderer Stelle Parkplätze neu geschaffen werden, in Nebenstraßen etwa oder durch die Beseitigung von Fahrradbügeln.

Ob es dazu kommt? "Alle Teilnehmenden lobten übereinstimmend die konstruktive, zielorientierte Zusammenarbeit", hieß es hinterher – bei der Bezirks-SPD, aber wortgleich auch auf der Internetseite der Protestinitiative. So viel, immerhin, darf die Öffentlichkeit erfahren.