Die Volksbühne, hat Ivan Nagel mal geschrieben, sei "das hässlichste große Theater Berlins". Und im Grund ist Nagel an allem schuld. Dieser Mann, als Theatertheoretiker wie als Praktiker singulär, hatte nach dem Fall der Mauer im Auftrag des Berliner Kultursenats darüber nachgedacht, wie er sich die Zukunft des Berliner Theaterlebens vorstellte. Im Fall der Volksbühne schlug er vor, sie einem Ostberliner Regisseur namens Frank Castorf zu überlassen. Man solle ihm Geld geben und in drei Jahren wieder nachschauen, wie es der Volksbühne gehe. "Bis zum Beginn des dritten Jahres", so Nagel, "könnte sie entweder berühmt oder tot sein; in beiden Fällen wäre die weitere Subventionierung unproblematisch."

So ist es dann gekommen: Die Volksbühne wurde unter Frank Castorf weltberühmt, und sie war zwischendurch (künstlerisch) mal ziemlich tot. Inzwischen floriert sie wieder, und zudem ist sie heiß umkämpft – als Symbol. Berlin führt sich in diesen Tagen so auf, als entscheide sich seine Zukunft als Kulturstadt am Schicksal dieser Bühne. Aber der Reihe nach.

Pressekonferenz im Roten Rathaus, Saal 319 ist überfüllt. Seit Wowereits Abgang hatte keine politische Szene so viel Glamour versprüht. Denn nun ist Dercon da. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller macht zur Eröffnung etwas, was Berliner gern tun: Er lobt seine Stadt, indem er zitiert, was ein anderer über sie gesagt hat. Gerade eben habe Michael Blumenthal (der Gründungsdirektor des Jüdischen Museums) ihm gesagt: "Berlin ist der Leuchtturm, die europäische Metropole, hier entsteht jeden Tag etwas Neues, hier hat man Mut – darum geht es!" Erst dann wagt Müller seinen eigenen Vorstoß: "Wir wollen doch nicht irgendwie dabei sein – von Berlin, von der europäischen Metropole müssen Impulse ausgehen!"

An seiner Seite: der Inbegriff des Vornedranseins, Chris Dercon, Leiter eines der größten Museen, der Tate Modern in London, künftig aber Chef der Volksbühne und Nachfolger von Castorf. Für Berlin ist Dercon, kurz nach Neil MacGregor, der nächste "Zugang" aus England, welcher Glamour und Öffnung verspricht: Typus Gentleman-Seefahrer, weltläufig, mit besten Manieren und unpreußischer Gelassenheit. Neben dem angespannten, schmallippigen Regierenden Bürgermeister Müller, der in jedem Moment um die Weltgeltung seiner Stadt zu bangen scheint, wirkt Dercon zuversichtlich und großmütig – als sei die einzige Gier, die man ihm vorwerfen könne, die Neugier.

Dercon, der Belgier, sagt nun in sehr gutem Deutsch, er komme gerade aus einer Stadt, London, die jedem mit ihrer Politik klarmache, dass nicht mehr das Theater das Leben nachahme, sondern dass das Leben das Theater imitiere. Er wirkt wie einer, der sich in London im Modus des Stillhaltens befunden hat und sich nun sehr auf das Leben freut – also auf Berlin, auf das Theater.

Das kommt gut an. Da ist einer, der sich im Glutofen beziehungsweise Eisbad der wichtigsten europäischen Geldstadt bewährt hat – und zwar so sehr, dass sie ihm dort nun jetzt schon nachweinen, weil er demnächst nach Berlin übersiedelt. London, das ist die Stadt, in welcher die Milliardäre dieser Welt ihr Geld in Beton anlegen und deren Zentrum quasi unbewohnbar geworden ist. Dercon flieht von dort, der will zu uns – ins windschiefe, zur Partizipation einladende und zum Wandel fähige Berlin.

Aber um diesen Mann ist ein Kulturkampf entbrannt, den Berlin lange nicht erlebt hat. Claus Peymann, Chef des Berliner Ensembles, nannte Dercon im Interview mit der ZEIT (Nr. 15/15) unqualifiziert für die Leitung der Volksbühne, Dercons Berufung sei Ausdruck größter kulturpolitischer Ahnungslosigkeit. Ungeahnte Allianzen zwischen Theaterleuten entstanden. So waren Martin Kušej, Intendant des Münchner Residenztheaters, und Jürgen Flimm, Intendant der Berliner Staatsoper Unter den Linden, einander seit gemeinsamen Salzburger Zeiten zwar spinnefeind – nun aber fanden sie sich geeint in der Ablehnung des Neuankömmlings. Flimm schrieb über Dercon: "Einer, der das bunte Allerlei der Eventkultur auf seine Fahnen geschrieben habe, hört man, soll einsteigen." Und Kušej unterzeichnete mit Joachim Lux (Intendant des Thalia Theaters Hamburg) und Ulrich Khuon (Intendant des Deutschen Theaters Berlin) einen Offenen Brief an den Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner, in dem davor gewarnt wird, "handstreichartig in den Hinterzimmern der Politik" die Volksbühne "als Ensemble-, Literatur- und Repertoiretheater abzuwickeln". Renners Politik bewirke "Zerstörung", Castorf solle dauerhaft in Berlin bleiben.

Aber zurück ins Rote Rathaus. Tim Renner, in der Logik dieses Briefes der heimtückische Drahtzieher der Zerstörung, tritt auf der Pressekonferenz kaum in Erscheinung. Dercon hingegen, der ausführende Zerstörer, sozusagen the executive destroyer des Berliner Theaterlebens, ist sehr präsent. In Erinnerung bleibt vor allem, was er unterlässt.

Er spricht kein böses Wort, auch nicht gegen Peymann. Im Gegenteil, er nimmt Peymann als Steigbügel, um auf ein eigenes Projekt zu sprechen zu kommen. Nämlich: In Lateinamerika und in der ganzen Welt kennten "alle" Leute Claus Peymann, weil auf YouTube dessen Inszenierung der Publikumsbeschimpfung zu sehen sei. Und schon ist Dercon bei seinem "Globe Theatre des 21. Jahrhunderts" – kurzum seiner digitalen Bühne, die er an der Volksbühne einrichten will. An dieser kleinen Szene erkennt man schon wesentliche Züge des Großcharmeurs Dercon: Er ist ein Naturnetzwerker, mühelos imstande, den Gegner, indem er ihm seine Reverenz erweist, zu neutralisieren.