Für einen Moment gerät Anshu Jain geradezu ins Schwärmen. "Das ist ein erstklassiges Unternehmen", sagt er. "Es hat ein hervorragendes Management und eine starke Marke", ergänzt der Brite mit den indischen Wurzeln. Bloß dass der Co-Chef der Deutschen Bank nicht über sein eigenes Haus redet, sondern über dessen Tochter, die Postbank. Die will er nun bis Ende des kommenden Jahres loswerden. Jain lächelt unbeholfen, er weiß, dass er die Postbank anpreisen muss, wenn er dafür Käufer finden will, doch jedes weitere Argument wirft die Frage auf: Wenn die Tochter so hübsch ist, warum gibt die Mutter sie dann her?

Am Montag hat Jain mit seinem Kollegen Jürgen Fitschen die neue Strategie für Deutschlands wichtigste Bank präsentiert. Endlich, nach Monaten der Gerüchte. Angesichts enttäuschender Renditen und eines katastrophalen Aktienkurses tritt das Duo die Flucht nach vorn an. Es will beim Kapitalmarktgeschäft Einschnitte vornehmen, die jährlichen Kosten um 3,5 Milliarden Euro reduzieren, sich ganz oder teilweise aus knapp zehn Ländern zurückziehen und in die Vermögensverwaltung investieren.

Kern der Pläne ist aber die Entscheidung, sich von der Postbank, die man doch erst im Jahr 2010 übernommen hat, schon wieder zu trennen – bevorzugt über einen Börsengang. Übrig bleibt nur das alte Privatkundengeschäft der Deutschen Bank, doch auch das soll schrumpfen. Noch nennt das Management keine Zahlen, aber Tausende Arbeitsplätze könnten dort bedroht sein. Die Deutsche Bank will sich für die Anforderungen der schärferen Regulierung rüsten und Ballast abwerfen, der ihre Bilanz aufbläht, und für sie ist die Postbank mit ihrem Geschäftsvolumen von 155 Milliarden Euro solcher Ballast. Die Zeiten haben sich geändert – sorry!

Die Deutsche Bank gesteht damit ein, was Kritiker schon länger argwöhnten: Das Geschäft mit Privatkunden, zumal mit der Masse der kleinen, "armen" Kunden – sie liebt es nicht. "Das ist eine Zweckbeziehung, das weiß man nun endgültig", sagt ein Kenner des Hauses. Die Entscheidung des Vorstands ist die letzte in einer langen Reihe von Volten. Da wurde gekauft und abgestoßen, ganz wie es die Lage erforderte. Für ein paar Jahre schien es, als sei das Geschäft mit Kleinkrediten und Altersvorsorge zum Kernbestandteil der Bank geworden. Nun ist klar, dass es nur eine Sparte unter vielen ist, deren Zweck darin besteht, die deutschen Wurzeln zu pflegen und ansonsten den Rest der Bank zu stützen, und zwar durch die Kundeneinlagen und die stabilen Einnahmen. Die Oma, die ihr Erspartes anlegen will, der kleine Angestellte, der sich ein Haus baut – solche Kunden will die Deutsche Bank im Grunde nicht mehr. Für sie ist das kein Geschäft aus eigenem Recht.

Das Fremdeln mit den Privatkunden hat eine lange Tradition

Wer verstehen will, warum die Deutsche Bank so handelt, muss sich ihre Geschichte näher anschauen. Als das Institut am 9. April 1870 in der Französischen Straße 21 in Berlin die Geschäfte aufnahm, war klar, dass bei ihm die Firmenkunden im Fokus standen, vor allem solche, die sich hinaus in die Welt wagten. Im Gründungsstatut wurde als Zweck insbesondere die "Förderung und Erleichterung von Handelsbeziehungen zwischen Deutschland, den übrigen europäischen Ländern und überseeischen Märkten" genannt. Und so baute das neue Haus schnell Dependancen in London, Shanghai, Yokohama oder Buenos Aires auf. Weltweit finanzierte es Unternehmen, organisierte Kapitalerhöhungen, gab Staatsanleihen heraus. Bald war es die größte deutsche Bank.

Die Gründer, unter ihnen mehrere namhafte Privatbankiers, verstanden das Institut von Beginn an als nationale Anstrengung mit dem Ziel, der internationalen Konkurrenz auf den Weltmärkten etwas entgegenzusetzen. Daher auch der Name. Er war eher ein Ausdruck des patriotischen Charakters, weniger ein Bekenntnis zum Geschäft in der Heimat selbst. Natürlich bot man Unternehmern, Kaufleuten und Vermögenden auch seine Dienste an, doch zum Kern gehörte das nie. So gab es 1884 gerade 4.812 sogenannte Depositenkonten. Noch 1913 verfügte die Bank in ganz Deutschland über nur acht Niederlassungen.

Erst nachdem zwei Weltkriege das internationale Netz zerrissen hatten, erst nachdem die Deutsche Bank sich aus ihren Trümmern neu formiert hatte, begann sie mit dem Ausbau des Privatkundengeschäfts. Historiker datieren dies auf den 2. Mai 1959, als die Bank den "Persönlichen Klein-Kredit" einführte. Zu diesem Zeitpunkt verfügte das Institut über 364 Geschäftsstellen. Dennoch fremdelte die "Bank der Unternehmer" mit den kleinen, einfachen Kunden, die auf einmal in ihre Filialen spaziert kamen. Auch die Werbekampagne in Form breit gestreuter Zeitungsanzeigen stieß intern auf große Kritik.

Das Geschäft wuchs. Im Jahr 1993 erreichte das Filialnetz mit 1734 Niederlassungen die größte Dichte, die Bank zählte inzwischen rund 6,5 Millionen deutsche Privatkunden. Das Hadern aber blieb, und mit der neuerlichen internationalen Expansion nahm es zu. Wer in der Bank etwas werden wollte, der arbeitete nicht im Privatkundengeschäft. Wie sehr man fremdelte, zeigte sich 1999, als das Geldhaus die weniger vermögenden Privatkunden in die Deutsche Bank 24 ausgliederte. Groß war der Protest gegen diese Bank zweiter Klasse, so groß, dass man von der Idee bald wieder abließ. Doch das Hin und Her ging weiter. Als Deutsche Bank und Dresdner Bank im Jahr 2000 ihre Fusion planten, wollten sie ihr Privatkundengeschäft komplett an die Börse bringen. Der Plan platzte, doch es blieb die Befürchtung, dass die Deutsche Bank mit den Kleinkunden nichts zu tun haben wollte.

Zu ändern schien sich das ein paar Jahre später, als die Frankfurter zunächst die Berliner Bank und dann die Norisbank kauften. Kurz darauf, 2008, begann schließlich die Übernahme der Postbank mit ihrem Massengeschäft. Für Josef Ackermann war dies ein Gegengewicht zum lukrativeren, aber riskanteren Investmentbanking, vor allem aber ein Bekenntnis zum Heimatmarkt. Die Deutsche Bank schien in Deutschland angekommen und dem Privatkundengeschäft dauerhaft verpflichtet.

Nun also der Salto rückwärts. Mit der Postbank verliert sie 14 Millionen Kunden. Als Abschied von Deutschland will Co-Chef Jürgen Fitschen das nicht verstanden wissen, "nichts wäre dümmer", sagte er am Montag. An der Heimat halte man fest, das folge aus der "Verantwortung, die in unserem Namen angelegt ist", und werde auch von Investoren goutiert. Mit dem Restgeschäft sei die Deutsche Bank weiter die Nummer eins im Lande. Da allerdings redet er sich die Welt schöner, als sie ist, denn das gilt nur nach Erträgen. Geht es nach der Zahl der Kunden, dem üblichen Maßstab, ist künftig sowohl die Postbank wie auch die Commerzbank mit ihren elf Millionen Kunden in Deutschland größer.