Über den Nachfolger von Ferdinand Piëch an der Spitze des Aufsichtsrats von Volkswagen bestimmt formell auch – Ferdinand Piëch. So ist das mit Großaktionären, die zwar hier ihre Ämter niederlegen, aber woanders noch welche haben. Ihr Leben ist manchmal kompliziert.

Das Vorschlagsrecht für einen neuen Aufsichtsratsvorsitzenden im Volkswagen-Konzern haben nach Piëchs Rücktritt am vergangenen Wochenende die Anteilseigner – und der mit Abstand größte ist die Porsche SE. In dieser Gesellschaft halten die Familien Piëch und Porsche gemeinsam ihre VW-Anteile und kontrollieren gut 50 Prozent der Stimmen bei der Volkswagen AG. Die Porsche SE hat ihrerseits einen Aufsichtsrat, und auch in dem sitzt – Ferdinand Piëch. Ob der Patriarch dieses Mandat auch niederlegt, "ist bislang unbekannt", hieß es am Montag bei der Porsche SE. Die Konzernjuristen diskutieren noch, was Piëch wohl gemeint hat, als er sagte, er lege alle Ämter nieder.

Die jüngsten Tage, die zu dieser Situation führten, müssen ausnehmend bittere Tage für Ferdinand Piëch gewesen sein. War er es doch, der 22 Jahre lang den Kurs des Volkswagen-Konzerns vorgegeben hatte. Er, der große Stratege, hatte aus einem angeschlagenen Autobauer einen Weltkonzern gemacht mit 12 Marken und 600.000 Beschäftigten, mit jährlich 10 Millionen verkauften Fahrzeugen, 205 Milliarden Euro Umsatz und 18 Milliarden Gewinn. Dutzende Spitzenmanager hat er in dieser Zeit gefeuert, als sie ihm nicht mehr passten. Und ausgerechnet er wurde am vergangenen Samstag vor die Wahl gestellt: "Entweder gehen Sie freiwillig, oder der Aufsichtsrat wird Sie als Vorsitzenden abwählen."

Piëch ließ sich nicht feuern. Er trat zurück. Sofort. Der 78-Jährige legte alle Ämter im VW-Konzern nieder. Seine 19 Jahre jüngere Ehefrau Ursula zog mit und gab ihr Mandat ebenfalls auf. Damit bricht auch Ferdinand Piëchs Brücke in die Zukunft zusammen, schließlich ist Ursula seine designierte Nachlassverwalterin. Vor drei Jahren hatte er sie in den Aufsichtsrat gehievt. Die Botschaft: Ich, Ferdinand K. Piëch, bin raus und übernehme keine Verantwortung mehr für das, was bei Volkswagen geschieht. Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt, wenn ihr nicht mehr auf mich hört.

Auf "den Alten" (VW-Jargon) hören – die übrigen fünf Mitglieder des sechsköpfigen Aufsichtsratspräsidiums wollten das ohnehin nicht mehr. Am Samstag hatten sie sich am Rande des Braunschweiger Flugplatzes mit Piëch getroffen: der ehemalige IG-Metall-Chef Berthold Huber, der Betriebsratsvorsitzende Bernd Osterloh und dessen Vize als Vertreter der Arbeitnehmer und als Vertreter der Unternehmenseigner der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil und Piëchs Cousin Wolfgang Porsche. Einvernehmlich habe man festgestellt, dass "das für eine erfolgreiche Zusammenarbeit notwendige wechselseitige Vertrauen nicht mehr gegeben ist", teilt das Präsidium mit. Trotz aller Verdienste, man habe nicht mehr zusehen können, wie Piëch dem Ganzen schade, sagt ein Präsidiumsmitglied. "Das Unternehmen geht vor", zitiert der Mann das Motto, das Piëch selbst bei Personalentscheidungen geprägt hatte. So endete ein Machtkampf, der sich in vier Akten abspielte.

Erster Akt, vor drei Wochen: Ferdinand Piëch entzieht seinem Ziehsohn mit dem Satz "Ich bin auf Distanz zu Winterkorn" mittels Spiegel das Vertrauen. Das Echo ist gewaltig, im Unternehmen herrscht auf allen Ebenen Ratlosigkeit. Anstatt die gerade vorgelegten Rekordzahlen des Konzerns zu würdigen, wird öffentlich nur noch über "Baustellen" diskutiert: die miserablen Verkäufe im wichtigen US-Markt, die schwache Rendite bei der Kernmarke VW, den Stillstand bei der Entwicklung eines Billigautos. Nachfolgekandidaten für Winterkorn werden diskutiert. Schließlich hatte Piëch bis dato alle wichtigen Machtkämpfe gewonnen.

Zweiter Akt: Das aufgeschreckte Aufsichtsratspräsidium trifft sich in Piëchs Salzburger Privatvilla. Winterkorn ist dabei. Es wird hastig gestritten. Heraus kommt ein schwerer Dämpfer für den Hausherrn. Winterkorn sei "der bestmögliche Vorsitzende des Vorstands für Volkswagen", teilt das Präsidium anschließend mit.

"Wir haben gehofft, dass die Aussprache zwischen Piëch und Winterkorn erst mal Ruhe ins Unternehmen bringt", sagt ein Aufsichtsrat. Danach wollte man den Generationswechsel im Unternehmen vorbereiten. Schließlich feierte Ferdinand Piëch am darauffolgenden Tag seinen 78. Geburtstag – und der Vorstandsvertrag des lange für die Piëch-Nachfolge gehandelten Winterkorn würde 2016 auslaufen. Dieser wäre dann 69 Jahre alt. Die Hoffnung trog.

Dritter Akt: Piëch gibt keine Ruhe. In Stuttgart treffen sich die Vertreter der Familien Piëch und Porsche ein paar Tage später zur Aussprache. Piëch wirbt bei der Verwandtschaft weiter darum, Martin Winterkorn abzulösen.

Die Familien tagen abgeschirmt. Die von ihnen mit 100 Prozent der Stimmrechte beherrschte Porsche SE ist am Montag an der Börse 26,7 Milliarden Euro wert. Ferdinand Piëchs Anteil daran liegt bei rund 1,8 Milliarden. Es geht auch um ihrer aller Vermögen. Sie schweigen öffentlich. Allerdings dringt durch, dass Piëch den Chef der Automarke Porsche, Matthias Müller, 61, gebeten hat, sich als Nachfolger für Winterkorn bereitzuhalten. Der Sportwagenbauer Porsche AG gehört seit 2009 zum VW-Konzern – nach einem Machtkampf, den Piëch gewann. Der Familienzweig der Porsches stand damals aufseiten des Porsche-Managements, das erbittert gegen Piëch kämpfte. Die Schmach sitzt tief.

Aber dieses Mal lassen sich die Porsches nicht von Piëch umdrehen. Man sei "Ärger mit dem Cousin gewöhnt", soll Wolfgang Porsche seinem Umfeld zufolge gesagt haben. Beim Treffen des Aufsichtsratspräsidiums in Salzburg hatte er noch zu jenen gehört, die vermitteln wollten, um die Situation zu beruhigen.

Vierter Akt: das Finale. In Braunschweig bekommt Ferdinand Piëch die Quittung für seine Sturheit. Alle Präsidiumsmitglieder stellen ihm gemeinsam das Ultimatum: Rücktritt oder Abwahl. Piëch wählt den Rücktritt.

Ferdinand Piëch habe bislang jeden Machtkampf für sich entschieden, schrieb Wolfgang Fürweger, einer seiner vielen Biografen, noch im Jahr 2011. Die Karriere des Vorstandschefs Martin Winterkorn, der viele Jahre sein enger Vertrauter war, konnte er aber nicht so abrupt beenden wie all die anderen. Diesmal zog er den Kürzeren.