Eine Szene aus dem Spiel Borussia Mönchengladbach gegen den VfL Wolfsburg vom vorigen Sonntag: Die Gladbacher Abwehr baut das Spiel auf, lässt den Ball quer über alle vier Verteidiger laufen. Die beiden zentralen Mittelfeldspieler, die 6er, nähern sich ihnen, lassen sich anspielen, passen wieder zurück. Halten wir am Tablet das Standbild fest: In diesem Moment sind, inklusive dem Tormann, sieben von elf Gladbachern in der eigenen Hälfte – und nur drei Wolfsburger. Nach ein paar Stationen ohne Raumgewinn lupft der Gladbacher Innenverteidiger Roel Brouwers den Ball hoch, weit, ungenau auf seinen Stürmer. Eine leichte Beute für die Wolfsburger Abwehr.

Szene Nummer zwei: Aus der Ferne schaut die Wolfsburger der Gladbacher Abwehr beim gemächlichen Spielaufbau zu. Erneut deutet sich ein langer Pass an. Doch die Wolfsburger Viererkette steht zu weit vorne, wird überlupft, lässt sich überraschen. Gladbach kommt ganz einfach zu einer der wenigen Chancen des Spiels.

Beide Szenen sind typisch für dieses Duell, das Gladbach durch ein spätes Tor 1:0 gewinnt und Bayern München zum Meister macht. Beide Teams operieren sehr konzentriert und diszipliniert. Beide spielen aber auch verhalten, selten entsteht Spielfluss, in den Strafräumen passiert wenig. Das Spiel hat gutes Bundesliga-, aber kein Champions-League-Format, weder technisch noch taktisch. Das mag Gemecker auf hohem Niveau sein, Gladbach und Wolfsburg sind zwei Gewinner der Saison, beide schlugen die Bayern. Doch hier spielen die beiden besten deutschen Mannschaften nach den Bayern gegeneinander. Warum soll man sie nicht mal am höchsten Standard messen? Gladbach wird nächste Saison wahrscheinlich in der Champions League antreten, Wolfsburg sehr wahrscheinlich.

Nicht so weltmeisterlich

Die Stadien sind voll, die Vereine wirtschaften solide, die Bundesliga gilt als Weltmeisterliga mit dem FC Bayern an der Spitze, über dessen Halbfinallos selbst der große FC Barcelona schluckt. Doch hinter den Bayern ist der deutsche Fußball nicht so weltmeisterlich wie sein Ruf. Das hat drei taktische Gründe: Im Abwehrspiel finden viele Trainer nicht die perfekte Balance zwischen Risiko und Vorsicht. Sie orientieren sich am Konterstil Borussia Dortmunds statt am Ballbesitz Pep Guardiolas. Und im Mittelfeld verschleppt der deutsche Fußball eine wichtige Modernisierung.

Der Schweizer Lucien Favre hat Borussia Mönchengladbach vor vier Jahren auf dem letzten Platz übernommen. Sein Verdienst am Neuaufbau des Traditionsvereins ist unstrittig. Er wies die Spieler konkret an, wie sie passen oder wie sie Zweikämpfe bestreiten sollen. Das war neu in Gladbach, das war und ist erfolgreich. Alleine in dieser Rückrunde schlug die Borussia die Wolfsburger, die Dortmunder und die Bayern. Es fällt schwer, die Sympathieträger aus Gladbach nicht zu mögen. Genauso schwer ist es, gegen sie ein Tor zu schießen. So scheu und schüchtern Favre schaut und spricht, so lässt er seine Mannschaft spielen. Defensive ist sein Gebot. Beim 2:0-Sieg in Bayern im März zum Beispiel kam es schon beim Stand von 0:0 vor, dass acht von zehn Feldspielern im eigenen Strafraum verteidigten. Der Führungstreffer war der erste Gladbacher Torschuss. Favres Strategie ging auf, aber kann sie auf Dauer gutgehen?

Zu einer modernen Taktik gehört das Vorrücken der Abwehr in bestimmten Situationen, um den Mittelfeldspielern zu helfen, das Spiel eng zu machen, den Ball zu holen. Das ist essenziell. Eine gute Abwehr reagiert immer auf das Spiel vor ihr, selbst wenn der Ball weit weg ist. Favres Abwehr steht aber meist nahe am eigenen Tor, rückt nur behutsam auf. Erobert Gladbach den Ball, ist dann der Weg zum anderen Tor sehr weit. Das kann mal klappen wie beim zweiten Tor gegen Dortmund im April, als Patrick Herrmann zwei Drittel des Spielfelds geradeaus rannte und Raffael auflegte. Dass Gladbach ein Tor gelang, lag aber vor allem daran, dass einem die Defensive des BVB zurzeit keine Glanzleistungen abverlangt.

Schießt Favres Elf nicht das 1:0, gewinnt sie selten. Verteidigt der Gegner, gehen der Mannschaft die Mittel aus. So verlor die Borussia im Pokalviertelfinale in Bielefeld im Elfmeterschießen. Noch bedenklicher: Während des Spiels sah man kaum einen Unterschied zwischen dem Erst- und dem Drittligisten. Im Europa-League-Sechzehntelfinale schied Gladbach gegen die (zugegeben starke) Elf des FC Sevilla aus. Es war nicht Favres erstes frühes Aus im Europapokal. Daher sind Zweifel angebracht, ob in Mönchengladbach eine europäische Spitzenmannschaft heranwächst.

Schwächen im Detail

Ein Wechsel nach Wolfsburg. Nachdem der VfL vor gut zwei Jahren unter Felix Magath auf den letzten Platz fiel, ist er wieder in guten Händen. Über welche Qualität Trainer Dieter Hecking verfügt, weiß man am besten in Nürnberg. Seit er den Club vor gut zwei Jahren verlassen hat, geht es bergab. Mit ihm wurde der FCN mal Sechster in der Bundesliga. In diesem Jahr ist der Verein knapp am Abstiegskampf der Zweiten Liga vorbeigeschrammt. Auch Hecking besiegte im Januar die Bayern 4:1. Der VfL spielt eine Saison auf konstantem Niveau, obwohl der Verein den Tod Junior Malandas verarbeiten musste. Unter Hecking reifte der Belgier Kevin De Bruyne zu einem der besten Spieler der Liga, der Coach baute auch die zwei Nachwuchsspieler Maximilian Arnold und Robin Knoche ein.

Aber auch das Wolfsburger Spiel schwächelt im Detail. Die Abwehr rückt zwar raus, aber erkennt neue Gefahren nicht schnell genug, die hinter ihrem Rücken entstehen. Das ermöglicht dem Gegner einfache Chancen. Wolfsburg kassiert auswärts fast so viele Gegentore wie ein Abstiegskandidat. Dem SSC Neapel gelang das sogar in Wolfsburg, 4:1 schlugen die Italiener im Europa-League-Viertelfinale den VfL. Wolfsburg, von einigen Experten als Titelkandidat bezeichnet, flog quasi schon im Hinspiel raus. Anders gesagt: Die zweitbeste deutsche Mannschaft hatte keine Chance gegen den Vierten der italienischen Serie A, die eigentlich als schwächer gilt. In der Champions League muss Wolfsburg nächste Saison mit stärkeren Gegnern rechnen. Und Deutschland wartet seit 1997 auf einen Sieg in der Europa League, der früher Uefa-Cup hieß.