Man steht plötzlich mitten im Regenwald, und der eigene Körper löst sich auf. Von den Bäumen hängen Lianen, überall wuchern große und kleine Pflanzen, und wenn man an seinem Körper hinunterschauen will, dann ist da nur ein weiterer Baum, ein Busch, Blätter. Keine Spur mehr von Beinen und Füßen. Man kann sich die Blätter und Bäume genau anschauen, kann um sie herumlaufen und sogar die dünnen Fäden der Spinnweben zwischen den Ästen zählen, nur anfassen kann man sie nicht, die Finger greifen ins Leere. Der Regenwald ist jetzt mitten in Berlin emporgewachsen, der 1977 in Barcelona geborene, seit mehreren Jahren in Brasilien lebende Künstler Daniel Steegmann Mangrané hat ihn als begehbares Hologramm in der Berliner Galerie Esther Schipper entstehen lassen.

Eine überdimensionale Brille mit Bildschirmen und Bewegungssensoren, ein sogenanntes Oculus Rift, hilft dem Besucher, in die virtuelle Realität abzutauchen. Steegmann Mangrané, der ursprünglich einmal Biologe werden wollte, hat für diese Immersions-Erfahrung ein Stück Regenwald nahe Rio de Janeiro mithilfe mehrerer 3-D-Scanner virtuell am Computer nachgezeichnet – einen Raum aus feinen weißen Punkten vor schwarzem Hintergrund. Ihn interessiert, wie sich unser Verständnis von Natur und Kultur durch Techniken wie das Oculus Rift verändert, welche ästhetischen Erfahrungen und mentalen Verschiebungen durch den scheinbar körperlosen Besuch eines virtuellen Waldes möglich werden.

Steegmann Mangranés spektakuläre Ausstellung Spiral Forest wird in den kommenden Tagen im Rahmen des Gallery Weekends Berlin eröffnet (vom 1. bis 3. Mai, gallery-weekend-berlin.de). Das Gallery Weekend wurde vor elf Jahren ins Leben gerufen, um wenigstens einmal im Jahr die Sammler aus aller Welt nach Berlin zu locken. Dabei sei das Gallery Weekend, sagt dessen Direktorin Maike Cruse, bewusst "kein Supermarkt". Selbstverständlich werden einige Galeristen auf dem Markt stark nachgefragte Kunst zeigen: Daniel Buchholz etwa stellt Isa Genzken aus, Barbara Weiss den in Düsseldorf lebenden Thomas Bayerle und Michael Haas Gemälde von Francis Picabia und Franz Gertsch. Anders als auf den meist ungemein teuren internationalen Kunstmessen können die Galerien in ihren eigenen Räumen allerdings Experimente wagen und auch solche Künstler großzügig vorstellen, deren Werke ein kompliziertes Format haben, intellektuell nicht ganz einfach zu vermitteln sind oder – wie etwa im Falle Steegmann Mangrané bei Esther Schipper – überhaupt zum ersten Mal in der Galerie vorgestellt werden.

Eine Kirche und eine Tiefgarage werden neu für die Kunst erobert

Und so reisen zum Gallery Weekend auch eher nicht die nach sicheren Investments suchenden Kunstanleger an, sondern begeisterte Sammler aus Deutschland und dem Ausland. In der Galerie Sprüth Magers dürfen sie ebenfalls zu einer sogenannten aktiven 3-D-Brille greifen, dort wird ein neuer, knapp viertelstündiger Film des 1980 in Paris geborenen Cyprien Gaillard gezeigt. Der Film Nightlife (eine Edition von fünf Exemplaren, Preis auf Anfrage), der durch die 3-D-Technik selbst zur Plastik wird, zeigt einige Exemplare einer vor langer Zeit in Nordamerika importierten Baumsorte, deren Äste wie beseelt im Rhythmus des Rock-Steady-Songs Black Man’s Pride von Alton Ellis schwingen und heftig gegen einen hohen Zaun schlagen. Zudem zeigt Gaillard eine lange, nächtliche Kamerafahrt um die dunkel patinierte Rodin-Bronze des Denkers vor dem Cleveland Museum of Art. Dieser Guss des tausendfach gesehenen Denkers wirkt berückend fremd, wurde er doch im Jahr 1970 durch den Bombenanschlag eines Unbekannten versehrt.

Der Zauber des Gallery Weekends besteht immer auch darin, die neuesten von der Kunst eroberten Orte in der Stadt aufzusuchen. Zum 1. Mai eröffnet Johann König nach einer langwierigen Umbau- und Sanierungsphase seine neuen Galerieräume in der St. Agnes Kirche in Kreuzberg, einem brutalistischen Bauwerk aus den sechziger Jahren, von Werner Düttmann entworfen und 2005 entweiht. In den hohen Räumen des ehemaligen Kirchenschiffs werden jetzt die gigantischen, sehr farbintensiven Acrylgemälde von Katharina Grosse hängen (Preise: im niedrigen sechsstelligen Bereich).

In einer ehemaligen Tiefgarage der Post in der Schöneberger Hauptstraße wird zeitgleich der erst 2014 gegründete – und offiziell nicht am Gallery Weekend beteiligte – Realismus Club seine Ausstellung mit Werken von 17 Künstlern eröffnen und sie zum Kauf anbieten. Viele der hier gezeigten Künstler stammen ursprünglich aus der Graffiti-Szene und arbeiten auch heute noch künstlerisch mit dem Stadtraum. Mischa Leinkauf und Matthias Wermke etwa, die für ihre Filminstallation Eclipse in den nie gesehenen Untergrund von Berlin Mitte gestiegen sind, in ein Regenwasserauffangbecken nämlich, das von den Ausmaßen her an den Gotthardtunnel erinnert. Berühmt geworden ist das Künstlerduo Wermke/Leinkauf durch eine Aktion im vergangenen Sommer auf der Brooklyn Bridge in New York, wo es eines Nachts heimlich die weiß-blau-roten amerikanischen Flaggen durch komplett in Weiß gehaltene "Stars and Stripes" ersetzten – zum Entsetzen der New Yorker Polizei und Staatsanwaltschaft, die nun gegen die beiden Künstler ermittelt.