Für viele junge Türken wie mich ist es schwer, den Völkermord an den Armeniern beim Namen zu nennen. Selbst im Familien- und Freundeskreis können wir die "Geschehnisse von 1915" nicht offen diskutieren. Der Gedenktag ist vorbei, doch das Problem bleibt: Kleinste, von der offiziellen Geschichtsschreibung abweichende Bemerkungen führen zu Ausgrenzung. Wagt man es, seine abweichende Meinung über die Armenier öffentlich zu äußern, muss man gleich seine persönliche Integrität verteidigen. Man wird gezwungen, glaubhaft zu machen, dass man auf niemandes Gehaltsliste steht, sich nirgends anzubiedern versucht, sondern einfach nur das vertritt, was man nach eigener Recherche und kritischer Abwägung aufrichtig für wahr hält.

Dabei ist die Beweislage erdrückend. Allein die Dokumente aus dem Archiv des deutschen Auswärtigen Amts belegen eindeutig den Völkermord – und die Vernichtungsabsicht der jungtürkischen Regierung, für die eben nicht nur militärische Ziele eine Rolle spielten. Eine Auswahl dieser Dokumente wurde 2005 von Wolfgang Gust herausgegeben. Die Papiere belegen auch die Mitschuld des verbündeten Deutschen Kaiserreichs. Für Deutschtürken wie mich handelt es sich also um eine doppelte historische Verantwortung.

Dass so viele Türken den Genozid heute noch leugnen, ist nur eines der vielen Symptome einer gestörten Selbstwahrnehmung, die sich aus festen Feindbildern, einer heroischen Ahnenverehrung und Verschwörungstheorien zusammensetzt. Demnach hat die von ewigen Feinden umzingelte Türkei samt ihren Vorgängerstaaten die weißeste Weste, die ein Volk auf Gottes Erde nur haben kann.

Zwar kritisiert die Mehrheit der Türken zu Recht die Kreuzzüge, doch die vorangegangenen Attacken auf Byzanz und die Verhinderung der christlichen Pilgerfahrten durch die Seldschuk-Türken werden nicht erwähnt. Die osmanischen Expansionskriege gelten als heldenhafte Eroberungen, aber nationale Befreiungskriege gegen das Osmanische Reich als Verrat und Verbrechen. Geleugnet oder gerechtfertigt werden auch die brutalen Niederschlagungen vieler Aufstände während der osmanisch-türkischen Geschichte, die teilweise ethnischen Säuberungen gleichkamen.

Der Eintritt in den Ersten Weltkrieg an der Seite Deutschlands wird nicht hinterfragt, die anschließende Besetzung durch die Siegermächte aber als grundlose Aggression imperialistischer Mächte aufgefasst. Immer sind "wir" die unschuldigen Opfer. Stets sind die "anderen" die blutrünstigen Täter, die es auf uns abgesehen haben.

Dieses Selbstverständnis ist vielleicht der größte gemeinsame Nenner der türkischen Politik. Nicht nur die islamisch-konservative AKP, sondern auch die beiden großen Oppositionsparteien, die laizistisch-kemalistische CHP und die nationalistische MHP, dazu zahllose außerparlamentarische Gruppierungen (von der linksnationalen Arbeiterpartei Doğu Perinçeks bis hin zur sektenähnlichen islamischen Bewegung Fethullah Gülens) pflegen diese selbstgerechte Geschichtsschreibung.

Ein dermaßen realitätsfernes Geschichtsbewusstsein hat Auswirkungen auf unsere Gegenwart. Die Nachfahren der wenigen armenischen Überlebenden müssen heute in einer Türkei leben, die historisch-kulturell auch ihr Land ist, wo aber das Wort Armenier als Schimpfwort gilt. Viele armenische Unternehmer und Kaufleute stellen sich deshalb ihren Kunden unter türkischem Decknamen vor. Obwohl sie die türkische Staatsbürgerschaft haben, wird ihnen jeglicher Aufstieg im Staatsdienst verwehrt. Noch am 19. Mai 2011 warnte der damalige Generalstabschef Işık Koşaner davor, Armenier in den Staatsdienst aufzunehmen.

Immer noch eignen sich Armenier als Sündenböcke. Seit Jahren behauptet etwa der Geschichtsprofessor Yusuf Halaçoğlu, langjähriger Vorsitzender der offiziellen Türkischen Historischen Gesellschaft und heutiger MHP-Abgeordneter, die kurdische PKK bestehe größtenteils nicht aus Kurden, sondern aus "getarnten Armeniern". Es gebe daher keine kurdische Frage, sondern eine feindliche Verschwörung, die man mit allen Mitteln bekämpfen müsse.

Der einfachste Weg, in der Türkei einen politischen Konkurrenten zu diskreditieren, ist es, einen Armenier in dessen Stammbaum nachzuweisen oder zu erfinden. Die ehemalige CHP-Abgeordnete Canan Arıtman behauptete Ende 2008, die Mutter des damaligen Staatspräsidenten Abdullah Gül sei eine Armenierin, weshalb er sich für dieses Amt nicht eigne. Gül reagierte mit einer Schadensersatzklage wegen Verleumdung (!), die er auch noch gewann.

Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan sagte am 5. August 2014 in einem Liveinterview im türkischen Fernsehen auf die Frage, warum er in seinen Wahlkampfreden die alevitische Herkunft des Oppositionsführers Kılıçdaroğlu thematisiert habe: "Was hat man über mich schon alles gesagt! Man hat mich Georgier genannt. Viel schlimmer noch, man hat mich, verzeihen Sie mir den Ausdruck, Armenier genannt."