Lohnt es sich, Dürrenmatts Physiker zu spielen? Als die Komödie 1962 in Zürich uraufgeführt wurde, redete alle Welt davon, und noch heute gehört sie zu den am häufigsten gespielten Theaterstücken. Doch während Friedrich Dürrenmatt ehedem ein bekannter und streitbarer Schriftsteller war, scheint er heute ein abgehangener Klassiker zu sein. Seine Romane und Dramen werden im Deutschunterricht behandelt, und die Physiker sind zum Lieblingsstück des Schülertheaters und der Provinzbühne geworden. Es sieht so aus, als hätte sich Staub darauf abgelagert. Das ist ein Irrtum.

Dass Dürrenmatt ein Könner war (er starb 1990), merkt man beim Wiederlesen. Das Stück ist schnell und pointenreich, es scheut Kalauer nicht, doch hinter der Groteske steckt ein gewaltiges Thema: die ethische Verantwortung der Wissenschaft. Damals ging es um die Atombombe, die in der Bestenliste unserer Ängste nach unten gerutscht ist. Vor der Biotechnik fürchten wir uns mehr, vermutlich zu Recht.

"Seit Wochen diskutieren Genforscher darüber, ob sie sich selbst Grenzen auferlegen sollten. Jetzt haben chinesische Wissenschaftler Fakten geschaffen: Sie erzeugten menschliche Embryonen mit gentechnisch manipuliertem Erbgut." So beginnt ein Bericht im jüngsten Spiegel. Und die Überschrift lautet: "Lenkwaffe im Zellkern". Verglichen damit, ist die Atombombe ein plumpes Instrument.

Am Ende der Inszenierung von Sebastian Kreyer gibt sich die Irrenärztin Fräulein Dr. Mathilde von Zahnd als die wahrhaft Wahnsinnige zu erkennen. Sie hat die drei Physiker ausgetrickst, sie hat sich in den Besitz der Weltformel gebracht, die ihr Entdecker Möbius für sich behalten wollte, um Unheil zu verhindern. Deshalb versteckt er sich in der Heilanstalt.

Einmal fragt Möbius den Inspektor, der wegen des Mordfalls gerufen wurde: "Verstehen Sie etwas von Elektrizität?" Der antwortet: "Ich bin kein Physiker." Darauf Möbius: "Ich verstehe auch wenig davon. Ich stelle nur aufgrund von Naturbeobachtungen eine Theorie darüber auf. Dann kommen die Techniker. Sie gehen mit der Elektrizität um wie der Zuhälter mit der Dirne. Sie nützen sie aus. Sie stellen Maschinen her, und brauchbar ist eine Maschine erst dann, wenn sie von der Erkenntnis unabhängig geworden ist, die zu ihrer Erfindung führte. So vermag heute jeder Esel eine Glühbirne zum Leuchten zu bringen – oder eine Atombombe zur Explosion."

Man merkt an solchen Gesprächen, wie alt das Stück ist. Denn längst haben wir uns an eine Technik gewöhnt, die wir nicht verstehen – von der Erkenntnis, die zu ihr führte, ganz zu schweigen. Die Empörungsfähigkeit eines Dürrenmatts, sie fehlt an allen Ecken und Enden.

In ihrem Schlussmonolog sagt die Ärztin (grandios gespielt von Anja Laïs): "Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden." Und der Zuschauer ergänzt: Was gemacht werden kann, wird gemacht. Auf dem Höhepunkt ihres Triumphes brüllt sie: "Mein Trust wird herrschen, die Länder, die Kontinente erobern, das Sonnensystem ausbeuten, nach dem Andromedanebel fahren!" Dann, ganz sachlich, zu ihrem Adlatus: "Gehen wir. Der Verwaltungsrat wartet. Das Weltunternehmen startet, die Produktion rollt an." Der Tatsache, dass manche Konzerne, Banken und Fonds von Leuten geleitet werden, die nicht als normal gelten können, ist ja geläufig, und dieser Abgang hat etwas wahrhaft Gespenstisches.

Sebastian Kreyer verzichtet darauf, das Stück in Richtung Gentechnik zu aktualisieren. Man denkt sowieso daran. Den für Dürrenmatt typischen Kontrast aus Menschheitspathos und Kabarett mildert Kreyer nicht ab, er treibt ihn auf die Spitze. Statt der alten Villa am See, die nun als Sanatorium dient, wo die Physiker die Irren spielen, sehen wir ein weißes Gehäuse mit offenen Treppen und Räumen. Es dreht sich im Kreis und zeigt uns die Schauplätze der Intrigen und Morde. Drei Krankenschwestern werden nacheinander zum Opfer des Versteckspiels. Keiner auf der Bühne ist der, der er zu sein vorgibt, alle belauern sie einander. Beim dritten Mord gibt der Inspektor auf und macht es sich mit Zigarre und Kognak auf dem Sofa bequem.

Als offenbar wird, dass zwei der scheinbar verrückten Physiker Geheimagenten sind, bedrohen sie einander mit Pistolen, die wunderbarerweise hinter Wandklappen bereitliegen. Immer wieder gerät die Inszenierung zu einer Tatort- Parodie. Man lacht, denkt aber dann doch: Etwas ernster hätte man das Stück schon nehmen dürfen. Es ist ja ein bebilderter philosophischer Traktat, ein Thesendrama, das seine Botschaft mit den Mitteln der Boulevardklamotte verkündet.

Kreyer versucht, das Klamottenhafte durch Übertreibung attraktiv zu machen. Zuweilen versammeln sich sich die Darsteller zu Songeinlagen. Weil Möbius von sich behauptet, ihm erscheine der König Salomon, singen sie das Lied aus Brechts Dreigroschenoper: "Ihr saht den weisen Salomon, / Ihr wisst, was aus ihm wurd. / Dem Mann war alles sonnenklar. / Er verfluchte die Stunde seiner Geburt, / Und sah, dass alles eitel war."

Kreyer wirft etwas zu oft mit der Wurst nach der Speckseite. Und doch schafft er es immer wieder, den kurzweiligen (und 85 Minuten kurzen) Abend in eine andere Dimension zu drehen, wo der Wahnsinn Methode kriegt und das alte Stück als Parabel gegenwärtiger Gefahren wirkt. Die großartigen Schauspieler helfen dabei nach Kräften mit: Paul Herwig als Newton, Yorck Dippe als Einstein, Markus John als Möbius sowie Ute Hannig und Karoline Bär als Krankenschwestern.

Die "Physiker", Schauspielhaus, weitere Aufführungen am 23. 5.; 21. 6.; 25. 6.; 5. 7.