DIE ZEIT: Am 3. Mai 1945 wurde Hamburg von den örtlichen NS-Machthabern kampflos den Briten übergeben. Wo waren Sie an diesem Tag?

Helmut Schmidt: In englischer Kriegsgefangenschaft auf belgischem Boden, ich lag auf einer Wiese bei Brüssel.

ZEIT: Wann hat Sie die Nachricht von der Besetzung Hamburgs erreicht?

Schmidt: Jedenfalls nicht am gleichen oder am nächsten Tag. Hamburg war für mich damals nicht so wichtig. Das Ende des Krieges war wichtig.

ZEIT: Wann ist der Krieg für Sie persönlich zu Ende gegangen? Als Sie in Kriegsgefangenschaft gerieten?

Schmidt: Innerlich hatte ich das unweigerlich kommende Ende sehr viel früher begriffen. Als Hitler im Juni 1941 den Ost-Feldzug begann, habe ich gewusst, wir würden den Krieg verlieren. Darüber bin ich in einen Streit geraten mit einem Nennonkel, Hermann Ötjen. Er war ein Kollege meines Vaters, war wie dieser nach dem Ersten Weltkrieg Diplom-Handelslehrer geworden. Inzwischen war er ein Nazi, Hauptmann der Reserve. Und ich war ein kleiner Leutnant. Mit dem gab es Streit.

ZEIT: Was war der Anlass?

Schmidt: Ich habe ihm damals vorgehalten: Wir werden diesen Krieg verlieren, und wenn der Krieg zu Ende ist, werden wir – wenn wir Glück haben – in Baracken leben. Der deutsche Baustil wird "Barack" heißen.

ZEIT: Warum war Ihnen damals klar, dass der Krieg verloren war?

Schmidt: Weil ich einige Geschichtskenntnisse hatte, weil ich das Schicksal Napoleons 1812 vor Moskau deutlich vor Augen hatte.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 29.4.2015.

ZEIT: Hielten damals viele Deutsche den Angriff auf die Sowjetunion für einen strategischen Fehler?

Schmidt: Das waren wahrscheinlich relativ wenige. Ich war allerdings, das muss ich dazusagen, ein geschichtsbewusster Deutscher mit einem halbjüdischen Vater. Das heißt, ich war sicherlich kritischer eingestellt als die Masse. Sie müssen bitte bedenken, mein Leben stand unter diesem Schatten, dass ich einen halbjüdischen Vater hatte. Und dass ich mit niemandem darüber reden durfte, auch nicht mit meinem Vater selber. Nach den Nürnberger Gesetzen war ich ein sogenannter Vierteljude. Ich wusste nicht, dass die Nazis die Juden umbringen würden. Aber dass die Nazis die Juden als Gegner sahen, das war mir ganz bewusst. Ich konnte deshalb kein Nazi werden.

ZEIT: Sie waren im Frühjahr und Sommer 1945 in britischer Kriegsgefangenschaft. Wann und wo sind Sie gefangen genommen worden?

Schmidt: Wann, weiß ich nicht mehr, wahrscheinlich im März oder im April. Aber wo, das weiß ich genau: in einem Dorf vielleicht acht Kilometer nördlich von Soltau, in der Lüneburger Heide. Bis dahin hatte ich mich zu Fuß, immer nachts wandernd, vorgearbeitet. Das letzte Mal an der Front war ich beim Rückzug von der Ardennenoffensive im Januar und Februar 1945.

ZEIT: Da haben Sie sich von der Truppe abgesetzt?

Schmidt: Nein, die Truppe hat sich in alle Winde zerstreut.

ZEIT: Die Ardennenoffensive war verloren, und die Truppe löste sich auf?

Schmidt: Ja, sie löste sich auf, jeder versuchte, nach Hause zu marschieren. Und wenn jemand aus Oberbayern war, dann ist er nach Süden gelaufen; und wenn jemand aus Hamburg war oder aus Bremen, dann ist er nach Norden gelaufen. Zum Schluss waren wir noch drei Leute. Und in Neustadt am Rübenberge haben wir uns voneinander verabschiedet; der eine wollte nach Hannover, der andere wollte nach Bremen, und der Schmidt wollte nach Hamburg.

ZEIT: Wie sind Sie von den Briten behandelt worden?

Schmidt: Anständig. Aber die hatten nichts zu essen für uns.

1945 – ein Jahr zwischen Krieg und Frieden. Hier gelangen Sie zu unserem Schwerpunkt. © Allan Jackson/Hulton Archive/Getty Images

ZEIT: Als Sie im Spätsommer 1945 aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause gekommen sind, welches Bild bot sich Ihnen, zurück in Hamburg?

Schmidt: Das Bild kannte ich schon. Denn ich war 1943 nach der Bombenkatastrophe in Hamburg gewesen, drei Tage lang wurde Hamburg bombardiert ...

ZEIT: ... im August 1943, die "Operation Gomorrha".

Schmidt: Richtig. Ich war im August 1943 von der Truppe unerlaubt für einen Tag nach Hamburg gefahren. Ich war damals in Kühlungsborn, an der mecklenburgischen Ostseeküste. An dem Tag verdunkelte sich der Himmel. Und dann kam das Gerücht, das ist Hamburg, Hamburg brennt, das sind keine Wolken, das ist Rauch. Daraufhin haben meine Frau und ich beschlossen – meine Frau war auch da –, ich sollte unerlaubterweise nach Hamburg gehen und gucken, ob unsere Eltern noch da sind.