An einem warmen Morgen im Frühsommer erlebt Chalid H. die letzten unbeschwerten Stunden seines Lebens. In seinem schwarzen Golf fährt er an der französischen Mittelmeerküste entlang. Neben ihm sitzt ein Freund, die beiden reden, lachen, rollen durch Dörfer und Städte, ohne Ziel. Chalid H. hat lange auf diesen Wagen gespart, jedes Wochenende poliert er den Lack mit weichen Vliestüchern.

Sie sind schon auf dem Rückweg, fast wieder zu Hause in der Hafenstadt Toulon, da schwenkt plötzlich ein Polizist eine Stoppkelle.

Chalid H. ist nicht überrascht. Er hat die Rapmusik so laut aufgedreht, dass die Boxen dröhnen. Er stammt aus Nordafrika, man sieht es an seiner olivfarbenen Haut und den schwarzen Haaren. Männer wie er werden von der französischen Gendarmerie oft kontrolliert, er kennt das. Was soll ihm schon passieren? Chalid H. hat gegen kein Gesetz verstoßen.

Er fährt rechts ran, reicht seinen Führerschein aus dem Fenster, gleich wird es weitergehen. Der Polizist gibt die Ausweisnummer per Funk an die Zentrale durch. Kurz darauf öffnet er die Fahrertür. "Ihr Führerschein ist Ihnen entzogen worden, bitte steigen Sie aus."

"Das kann nicht sein", antwortet Chalid H.

Tausend Dinge gehen ihm durch den Kopf. Vor Kurzem wurde er geblitzt, aber er war nur ein klein wenig zu schnell, das kann es nicht gewesen sein. Er fragt den Polizisten: "Warum habe ich meinen Führerschein verloren?" Da müsse er die Präfektur anschreiben, lautet dessen Antwort.

Chalid H. steigt auf den Beifahrersitz, sein Freund setzt sich ans Steuer, schweigend fahren sie nach Hause. Chalid H. wird seinen Eltern etwas beichten müssen, von dem er nicht weiß, was es ist.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 18 vom 29.4.2015.

Die Geschichte eines Arbeitskollegen fällt ihm ein. Der fand eine Rechnung nach der anderen in seinem Briefkasten. Flachbildschirme, Bohrmaschinen. Dabei hatte er die gar nicht bestellt. Ein anderer hatte unter seinem Namen im Internet eingekauft. Millionen Menschen werden jedes Jahr Opfer eines Identitätsdiebstahls im Netz. Sie haben dort biografische Spuren hinterlassen. Geburtsdaten, Ausweisnummern, Adressen.

Aber eine Offline-Verschwörung? In der realen Welt, in einem beschaulichen Leben, wie es Chalid H. führt? Vielleicht hat ein Krimineller oder Betrunkener bei einer Polizeikontrolle seinen, H.s, Führerschein vorgezeigt? Aber H. hat seinen Führerschein ja noch, er ist ihm nicht gestohlen worden. Irgendwer, irgendwas muss sich gegen ihn verschworen haben.

Nur: Was könnte das sein? Und könnte es noch schlimmer kommen? Es ist Mitte Mai 2013. Chalid H. ist zu diesem Zeitpunkt 23 Jahre alt. Noch ahnt er nicht, was über ihn hereinbrechen wird.

Als Chalid H. an jenem Tag zu Hause in Toulon in den dritten Stock hochsteigt, wo er mit seinen Eltern in einer Wohnung voller goldgerahmter Familienfotos lebt, verkrampft sich sein Magen. Noch heute presst Chalid H. seine Hände an seinen Bauch, wenn er davon erzählt. "Ich wollte meine Eltern nicht enttäuschen. Sie hatten mir den Führerschein bezahlt", sagt er. Chalid H. sitzt gebeugt über einem Bistrotisch, ein groß gewachsener Mann mit Dreitagebart und einem im Fitnessstudio geformten Oberkörper. Die Scham wirkt wie eine Last, die ihn klein und krumm macht.

Als Chalid H. den Eltern berichtet, ein Polizist habe ihm den Führerschein abgenommen, einfach so, glauben sie ihm nicht. Die Mutter schüttelt den Kopf. Der Vater sagt: "Wie kannst du nur alles aufs Spiel setzen für ein paar Getränke?" Chalid H. beteuert seine Unschuld, aber der Vater steht auf und lässt den ratlosen Sohn auf dem Sofa sitzen.

In diesem Moment weiß Chalid H. nicht, dass sich sein Leben auf verhängnisvolle Weise mit dem Leben eines anderen jungen Mannes verwoben hat – dem seines alten Kumpels Adrién Bourgiba*.

Während Chalid H. von der Polizei gestoppt wird, sitzt Bourgiba vielleicht gerade zu Hause, versunken in ein Motorradrennen am Computer. Adrién Bourgiba ist süchtig nach Bildschirmspielen. Erst seit er mal wieder eine Frau kennengelernt hat, eine Abiturientin mit blonder Mähne und "etwas arrogantem Blick", verbringt er weniger Zeit vor dem Monitor, so werden es Bekannte später erzählen. Der 27-Jährige führt seine neue Freundin in Restaurants mit Meerblick aus und fährt sie stundenlang in seinem Wagen spazieren.

Adrién Bourgiba und Chalid H. sind im selben Viertel aufgewachsen, im Norden von Toulon. Hier stehen viele Betonblocks, zwar sozialer Wohnungsbau, aber mit makellos getünchten Fluren und gepflegten Palmenanlagen. Die Jugend hier ist nicht verloren, vielen gelingt der Aufstieg.

Chalid H. bestand das Abitur mit guten Noten und fing direkt danach im Hafen eine Ausbildung zum Elektriker an. Bourgiba dagegen wollte lieber schnelles Geld verdienen. "Irgendwie ist er abgerutscht, er brauchte Bares, um seine Freundinnen zu beeindrucken." So sprechen seine Bekannten heute über Adrién Bourgiba, als hätten sie geahnt, dass er es nicht schaffen würde. Er habe Drogen genommen, heißt es, Haschisch und Ecstasy. Er soll gedealt, Autos und Handys geklaut haben.

Nach dem Führerscheinentzug gehört auf einmal auch Chalid H. zu den Gescheiterten seines Viertels. Morgens um acht steigen die anderen in ihre Mittelklassewagen und fahren zur Arbeit. Das Auto ist hier das Symbol des Erfolgs. Der schwarze Golf aber muss jetzt stehen bleiben. Chalid H. stellt sich an der Bushaltestelle neben die Schulkinder und wartet.

Chalid H. ist von den Behörden gebrandmarkt

H. richtet eine Anfrage an die Präfektur, wie es ihm der Polizist bei jener rätselhaften Verkehrskontrolle beschieden hat. Drei Wochen später die Antwort: "Nach Paragraf L 234-1 der französischen Straßenverkehrsordnung wurde Ihnen in der Nacht zum 19. Oktober 2012 wegen Trunkenheit am Steuer der Führerschein entzogen", steht in dem Brief.

H. ist fassungslos. Zwar liegt diese Nacht schon zu lange zurück, als dass er noch wüsste, ob er damals mit dem Auto unterwegs war. Aber er trinkt nie, wenn er fährt, dafür bedeutet ihm sein Golf zu viel. "Es kann hier nicht um mich gehen", sagt er sich. "Die müssen einen anderen meinen."

Doch niemand glaubt ihm, als er erklärt, dass "fremde Mächte" in sein Leben pfuschen. "Du warst wohl zu besoffen, um dich zu erinnern", witzeln seine Freunde.

Ein leiser Verdacht, ein dunkler Schatten bleibt an H. hängen. Eines Abends setzt sich seine Mutter Alize neben ihn auf die Couch, eine kleine, rundliche Frau mit vollen Lippen, einem freundlichen Lächeln und schwarz umrandeten Augen. Leise sagt sie zu ihrem Sohn, er solle ihr anvertrauen, was er in jener Nacht angestellt habe. Sie werde ihm verzeihen.

Das ist der Moment, in dem sich Chalid H. selbst fragt, ob er es nicht doch gewesen sein könnte. Hatte er in jener Oktobernacht womöglich einen Blackout – und verdrängt nun seine Schuld?

H. ergeht es wie dem Bankangestellten Josef K. in Franz Kafkas Roman Der Prozess. Einer willkürlichen und undurchschaubaren Macht ausgesetzt zu sein, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren, gehört zu den menschlichen Urängsten. Josef K. wird angeklagt, ohne den Grund zu kennen. Zu Beginn geht er hoch erhobenen Hauptes in die Gerichtsverhandlungen. Alles werde sich aufklären, glaubt er.

"Vor allem dürfen Sie es nicht zu schwer nehmen", sagt die Zimmervermieterin anfangs zu Josef K., "was geschieht nicht alles in der Welt!"

"Das wird schon werden", sagen die Freunde anfangs zu Chalid H. und klopfen ihm aufmunternd auf die Schulter.

Schleichend verändert sich Josef K.s Umwelt. Angestellte und Nachbarn grüßen ihn nicht mehr. Nach und nach beschleicht ihn ein diffuses Schuldgefühl.

"Hast du deinen Lappen immer noch nicht wieder?", fragen Chalid H.s Freunde verwundert, als die Wochen vergehen. Zunächst waren sie hilfsbereit, nun wird es ihnen lästig, Chalid durch die Gegend zu fahren. Manche halten ihn für einen Lügner. Auch H. beginnt seine Freunde prüfend anzuschauen. Hat sich einer von ihnen einen üblen Scherz erlaubt? Hat er sich Feinde gemacht? Warum trifft es gerade ihn?

Chalid H. zieht sich zurück. Er ist jetzt viel allein.

Adrién Bourgiba, der andere, ist attraktiv, charmant, unberechenbar, ein Herumtreiber, der ständig die Freundin wechselt, die Wohnung, das Handy. So beschreiben ihn Bekannte – Freunde wollen sie sich heute nicht mehr nennen. Bourgiba trainiert Thaiboxen, stundenlang schlägt er mit Füßen und Händen auf einen Sack ein, manchmal gewinnt er lokale Wettkämpfe. Sein Körper ist sehnig, von feinen Muskeln durchzogen. Das Boxen, die Mädchen, das Geldausgeben: Darum dreht sich Adrién Bourgibas Leben. Und natürlich um schnelle Autos.

Chalid H.s Golf steht nur noch nutzlos in der Garage herum. Und dann, am 20. Juni 2013, bringt der Postbote plötzlich diesen Brief.

Es ist das Einschreiben eines Gerichtsvollziehers aus dem Nachbarort La Seyne-sur-Mer. Chalids Mutter öffnet das Kuvert. Ihr Sohn wird aufgefordert, ein Schmerzensgeld von insgesamt 3.100 Euro an sechs Polizisten wegen schwerer Körperverletzung zu bezahlen. Die Beamten waren zwischen zwölf Stunden und zehn Tagen arbeitsunfähig, einem hat Chalid H. den Daumen gebrochen, andere trugen Hämatome davon, gequetschte Hände, geprellte Ellenbogen.

Alize H. liest weiter: Die Polizisten haben einen Zivilprozess angestrengt, sie ließen sich vor Gericht von einem Anwalt vertreten. Der Richter sprach ein "kontradiktorisches Urteil", also ein Urteil in Abwesenheit des Beschuldigten. Der Beklagte Chalid H. ist "weder erschienen, noch hat er sich vertreten lassen". Und das, obwohl H. nach seiner zweimonatigen Haft schon vorbestraft sei!

Lange steht Alize H. mit dem Brief in der Hand da. Ihr Sohn hat Polizisten verprügelt? Ihr Sohn saß im Gefängnis? Sie ruft ihn bei der Arbeit an, im Hafen von Toulon, wo er als Elektriker Fregatten der französischen Armee wartet.

"Was hast du gemacht?", ruft sie in den Hörer. Chalid H. steht in einer Maschinenhalle, Motorengeräusche übertönen seine Mutter. Doch er spürt die Panik, die in ihrer Stimme liegt.

Wenn Alize H. heute von dem Schock erzählt, der sie überfiel, als sie den Brief des Gerichtsvollziehers öffnete, sagt sie: "Ich war wie paralysiert." Vor ihr auf dem Bügelbrett stapeln sich weiße Hemden, mit geübten Griffen plättet sie die Kleidung ihres Mannes und ihrer zwei Söhne. Alize H. arbeitet in den feinen Häusern Toulons als Reinigungskraft, sie hat schon viele Hemden von Anwälten und Richtern gebügelt. Von Männern wie jenen, die damals ihren Sohn zum Kriminellen erklärten.

"Natürlich habe ich gedacht, mein Chalid kann keiner Fliege etwas zuleide tun. Und er wohnte ja auch die ganze Zeit bei uns. Aber dieses Dokument war so ... so: staatlich." Die schüchterne Frau sucht nach Worten.

Damals, nach dem Telefonat mit ihrem Sohn, zweifelt Alize H. Am Abend wirft sie ihm wieder vor, ihr etwas zu verheimlichen. "Ich habe nichts getan", erwidert er. Immer wieder: "Ich habe nichts getan." Aber offizielle Dokumente können die Aura unumstößlicher Wahrheiten verströmen. Dagegen sind Chalids Beteuerungen nicht viel wert.

Chalid H. nimmt den Brief des Gerichtsvollziehers und geht zur Polizeiwache in La Seyne-sur-Mer. Jetzt muss sich endlich alles aufklären, er saß doch nicht zwei Monate im Gefängnis!

"Hier ist ein bedauerlicher Irrtum passiert", sagt er selbstbewusst, "bitte überprüfen Sie meine Identität."

"Pour moi, c’est vous" – "Für mich sind Sie der Schuldige", sagt der Polizist nur, so wird sich Chalid H. später erinnern.

"Bitte, schauen Sie doch noch einmal in die Unterlagen, ich war es nicht", insistiert H., aber die beiden Beamten hinter dem Tisch wenden sich ab. "Allez, c’est bon", sagen sie, "kommen Sie, lassen Sie es gut sein".

Vielleicht lässt sich ihre Reaktion auch damit erklären, dass vor ihnen ein Einwandererkind steht; einer jener jungen Männer, wie sie im Fernsehen als Verlierer, Kriminelle, Islamisten auftauchen. Welcher Beamte glaubt so einem schon, dass sich die Staatsmacht geirrt haben könnte?

Chalid H. ist von den Behörden gebrandmarkt. Es scheint keine Rolle mehr zu spielen, was er behauptet.

Er könnte jetzt die Polizisten anschreien. Mit der Faust auf den Tisch hauen, mit einem Verfahren drohen. Aber er dreht sich einfach um und geht die paar Kilometer von der Wache nach Hause. Zu Fuß. Er fühlt sich hilflos und irgendwie beschmutzt. Lange steht er unter der Dusche.

Die Polizei ist sich keiner Schuld bewusst

An einem dieser Tage trifft Alize H. beim Bäcker auf Adrién Bourgiba. Die beiden grüßen sich mit einem kurzen "Ça va?", sie nicken sich zu. Alize kennt Adrién, seit er als kleiner Junge auf dem Rasen vor ihrem Haus mit ihren Söhnen spielte. Ein Nachbarsjunge, einer von vielen in der Hochhaussiedlung. Adrién Bourgiba kauft eine Tüte mit Sandgebäck und wünscht einen schönen Abend. Alize H. fällt auf, dass er ihr nicht ins Gesicht schaut. Die Begegnung kommt ihr später seltsam kühl vor.

Und dann, im Januar 2014, acht Monate nach jener Fahrzeugkontrolle an der Küstenstraße, schenkt das Glück Chalid H. eine zweite Chance. Alize hat all ihren Mut zusammengenommen und einem Anwalt, bei dem sie seit ein paar Jahren die Fenster putzt, den unerklärlichen Brief gezeigt. Christophe Vinolo, der Jurist, hat daraufhin einen Brief nach dem anderen geschrieben. Seine Anzeige bei der Generalstaatsanwaltschaft hat die Beamten schließlich gezwungen, noch einmal in die Akten zu schauen. An diesem Wintertag soll Chalid H. zum "Identitätsvergleich" bei der Polizei antreten, diesmal auf der Hauptwache in Toulon.

Später wird sich H. an alle Einzelheiten erinnern: wie er sorgfältig seine Daumen und jeden einzelnen Finger auf einen Bildschirm legt, danach noch die Handflächen. Wie seine Papillarlinien auf dem Monitor eines sogenannten Daktyloskops erscheinen. Wie der Spezialist für Fingerabdrücke die Papillarlinien jenes rätselhaften Täters aufruft, der Chalid H.s Namen trägt.

H. erkennt sofort, dass die Hautmuster sich nicht einmal im Entferntesten ähneln. Seine sind eher spiralförmig, die des anderen häufig unterbrochen. "Es handelt sich hier um zwei verschiedene Personen", stellt der Kriminologe fest.

Dann zeigt er Chalid H. das Fahndungsfoto. Dort steht sein Name, aber H. blickt in das Gesicht eines Fremden. Moment – ist das wirklich ein Fremder? Ist das nicht ...? "Mon dieu", "Mein Gott", entfährt es ihm, "das darf doch nicht wahr sein!"

"Kennen Sie diesen Mann?"

Natürlich kennt er Adrién Bourgiba! Erinnerungen blitzen in Chalid H. auf. Gemeinsames Ausgehen am Wochenende. Herumhängen in Bars, vor Computerspielen. Ja, er kennt Adrién – aber er kennt ihn nicht als Verbrecher, der klaut, prügelt und fremdes Eigentum stiehlt, Autos, Handys, Identitäten.

"Ein wenig kenne ich ihn", antwortet H. "Das ist Adrién Bourgiba, ein Nachbar von mir. Können Sie jetzt bitte meinen Namen löschen?"

Chalid H. hat seinen Doppelgänger entlarvt.

Mehr als ein Jahr zuvor, in der Nacht auf den 18. Oktober 2012, hat Adrién Bourgiba im Nachbarort La Seyne-sur-Mer einen Renault Clio gestohlen. Mit 0,8 Promille im Blut rast er davon. Ein Wagen der Gendarmerie verfolgt ihn. Adrién Bourgiba springt aus dem Auto, rennt in eine Seitengasse, klettert auf ein geparktes Motorrad und von dort auf ein Häuserdach, unter sich die Polizisten. Bourgiba beschimpft sie als "Arschlöcher", "Missgeburten" und "Hurensöhne", so wird es später in den Protokollen des Gerichts stehen. Er wirft mit Dachziegeln.

Bourgiba wehrt sich gewaltsam gegen seine Festnahme. Noch als er um 3.55 Uhr endlich mit Handschellen im Polizeiwagen sitzt, prahlt er von seinen Künsten als Thaiboxer, der die Beamten "zerreißen" könne. Den Rest der Nacht verbringt er in der Ausnüchterungszelle.

Nach seiner Verhaftung und auch im anschließenden Schnellverfahren vor Gericht gibt Adrién Bourgiba den Namen, das Geburtsdatum und die Adresse von Chalid H. an. Er muss zwar seine Fingerabdrücke hinterlassen und wird für das Strafregister fotografiert. Aber niemand bezweifelt, dass er die Wahrheit gesagt hat. Nicht die Polizisten, die ihn festnahmen, nicht der Staatsanwalt und nicht die Richterin, die ihn zu zwei Monaten Haft verurteilt.

Adrién Bourgiba sitzt als Chalid H. in Toulon im Gefängnis. Er bekommt als Chalid H. dreimal am Tag seine Mahlzeit, er verbringt als Chalid H. eine Stunde täglich im Gefängnishof, er spricht als Chalid H. mit Sozialarbeitern und nimmt die an Chalid H. adressierte Post eines Pflichtanwalts entgegen. Wahrscheinlich lernen ihn auch seine Zellengenossen als Chalid H. kennen. Er stellt als Chalid H. sogar einen Antrag auf vorzeitige Haftentlassung – ohne Erfolg.

Am 19. Dezember 2012, zwei Monate nach seiner Flucht samt Körperverletzung, kommt er auf Bewährung frei. Als Chalid H.

Danach lebt der falsche neben dem echten Chalid H. im selben Viertel, und der echte Chalid H. ist jetzt vorbestraft. Aus der Sicht des Staates und seiner Behörden ist er ein Krimineller.

Wie kann so ein unfassbarer Fehler passieren? Warum hat niemand die Angaben eines Gewalttäters überprüft? Die Polizei ist sich keiner Schuld bewusst. "Die Gendarmen haben nach bestem Gewissen gehandelt", sagt deren Anwalt Régis Durand. "Die Angaben des Betrügers stimmten alle überein, es gab keinen Grund für einen Zweifel." Die sechs Polizisten, die Chalid H. auf Körperverletzung verklagt haben, wollen sich nicht äußern. Nur so viel lassen sie mitteilen: "Es ist ein bedauerlicher Irrtum."

Adrién Bourgiba hat offenbar gewusst, wann die Staatsmacht welche Fragen stellt. Laut seinen Nachbarn saß er zuvor schon mehrmals im Gefängnis. Bourgiba wusste, dass man seinen Ausweis nicht unbedingt vorzeigen muss, wenn man verhaftet wird. Und dass man mit dem Geburtsdatum und der Adresse einer bei den Behörden gemeldeten Person deren Identität annehmen kann.

Chalid H. hat einen Extremfall erlebt. Aber der kann sich jederzeit wiederholen, auch in Deutschland. Bei Kontrollen im deutschen Straßenverkehr geben Menschen laut Kriminalpolizei immer mal wieder einen falschen Namen an. Meist fliegt der Betrug nach kurzer Nachfrage beim Einwohnermeldeamt auf, weil irgendetwas nicht stimmt, etwa weil der Name nicht zur Adresse passt. Meist, aber nicht immer, so bestätigt es die Kriminalpolizei. Die Straßenverkehrsordnung, das Polizeigesetz, das Personalausweisgesetz, das Datenschutzgesetz – sie alle geben der Polizei das Recht, die Identität eines Menschen zu bestimmen. Wie sie jedoch dabei vorgehen und, vor allem, wie sie einen Fehler revidieren soll, ist nicht festgelegt.

Behörden sammeln heute nicht nur viel mehr Daten ihrer Bürger als früher. Sie sind auch enger miteinander vernetzt. Als Vorstrafen noch auf Karteikarten notiert wurden, hätten sich Chalid H.s vermeintliche Straftaten mit dem Aktenfresser in zwei Minuten aus der Welt schaffen lassen.

Heute werden Personalausweise und Reisepässe mit ausgefeilter Technologie digital aufgerüstet. Das diene dem Schutz der Identität, heißt es. Aber all das digitale Sammeln und Verwalten kann sich auch gegen den Bürger richten, dies zeigt der Fall Chalid H. Auch falsche Informationen werden gespeichert, denn ein Irrtum ist nicht eingeplant.

Und so setzt sich die Verstrickung fort. Den falschen Chalid H. hat die Justiz schon am Tag nach der Festnahme verurteilt. Der echte Chalid H. aber kann nicht einfach freigesprochen werden. Laut Gesetz ist dafür ein zweiter Prozess notwendig, in dem H. formell entlastet und Adrién Bourgiba verurteilt wird. Der Anwalt Christophe Vinolo hat nicht einmal erreichen können, einen Vermerk in Chalids elektronische Akte aufzunehmen, dass es offenbar eine Verwechslung gab. Dies sei nicht vorgesehen und daher unmöglich, hieß es.

Die Verurteilung ist weiterhin in seinem Vorstrafenregister vermerkt

Obwohl der Fall aufgeklärt scheint, führt Chalid H. weiter ein Leben als Verurteilter. Eines Morgens geht er wie jeden Morgen durch die Sicherheitsschleuse am Hafen zur Arbeit. Die Kriegsschiffe, die H. wartet, sind mit Raketen und Torpedos bestückt, manche sogar mit atomaren Waffen. Jede Schraube, die H. in die Hand nimmt, unterliegt dem Staatsgeheimnis. Der Zutritt führt an drei Wachtürmen vorbei, das Gelände ist mit hohen Mauern und Stacheldraht abgeriegelt. Feuerrote Schilder an den zwei Meter hohen Zäunen warnen davor, Fotos zu machen.

An diesem Herbsttag muss Chalid H. turnusmäßig seinen Firmenausweis erneuern, der Sicherheitsbeamte an der Eingangspforte steckt die Plastikkarte in ein Lesegerät. "Tut mir leid, ich kann Ihnen keinen Zugang gewähren." H. wird sich später genau an seine Worte erinnern. "Gefährlich", "vorbestraft".

Der Beamte will es noch einmal versuchen, aber H. winkt müde ab. "Das ist ein Irrtum, ich kenne das schon", sagt er nur und geht nach Hause.

So verliert Chalid H. vorübergehend auch noch seinen Job. Zwei Wochen dauert es, bis sein Anwalt die Hafenaufsicht von ihrem Irrtum überzeugt hat.

Bei H.s Führerschein hat der Anwalt weniger Erfolg. Die Präfektur gibt ihn nicht zurück, alle Briefe bleiben wirkungslos. Schließlich beschließt H., die Fahrprüfung einfach noch einmal abzulegen. Abends setzt er sich an den Computer und übt ein zweites Mal für die theoretische Prüfung, er will endlich wieder in seinem Golf über die Küstenstraßen fahren. Wegen "Trunkenheit am Steuer" muss er sogar einen Verkehrspsychologen aufsuchen. Auch der behandelt ihn wie einen Kriminellen. Als Chalid H. dem Psychologen erklärt, dass er gar nicht betrunken am Steuer saß, schaut ihn der Mann mitleidig an.

"Sie sollten Alkohol nur in kleinen Mengen und unterwegs mit dem Auto gar nicht trinken", erklärt der Psychologe langsam und deutlich. Chalid H. nickt resigniert. Der Psychologe prüft mit einer Taschenlampe H.s Reflexe auf Licht, dann macht er einen Haken unter sein Dokument, reine Routine, H. ist nur einer von vielen jungen Autofahrern, die bei ihm vorsprechen.

Christophe Vinolo, der Anwalt, musste schriftliche Beweise dafür einreichen, dass Chalid H. wirklich Chalid H. ist. Er legte zwölf Briefe von Freunden, Kollegen und Verwandten vor, die bezeugen, dass sein Mandant zwischen Oktober und Dezember 2012 nicht im Gefängnis war. Sondern mal bei der Arbeit, mal im Café, mal bei Freunden und mal zu Hause. "Wir haben nicht nur ein Alibi für die vermeintliche Tatnacht. Sondern ein Alibi, das sich über zwei Monate erstreckt", sagt Vinolo.

Im Büro des Juristen stehen abstrakte Figuren moderner Künstler, auch für diesen surrealen Fall scheint er ein Faible zu haben. "Wir müssen die ausführende Gewalt zähmen!", ruft Vinolo und klopft mit einem schweren Brieföffner auf die schwarz glänzende Platte seines Schreibtischs.

Ganz in der Nähe des Hafens haben Polizisten in einer Wohnung Adrién Bourgiba aufgegriffen. Er sitzt nun wieder in Haft, in dem berüchtigten Großgefängnis "Les Baumettes" in Marseille – diesmal unter seinem richtigen Namen. Adrién Bourgiba hat gestanden, Chalid H.s Identität angenommen zu haben. Er wirkte dabei selbstsicher wie immer.

Der echte Chalid H. aber erlangt seine Zuversicht auch nach Aufklärung des Falls nicht wieder. Er war das Vorzeigekind einer Einwandererfamilie. Er, der Vorstadtjunge mit einer Putzfrau als Mutter und einem Vater mit kleiner Handwerker-Rente, hat das Abitur bestanden, er hat es in ein renommiertes staatliches Unternehmen geschafft, das jedes Jahr nur etwa vier von fünfzig Bewerbern annimmt. Jetzt hat er sein Vertrauen in die Gesellschaft verloren. Seinen vollen Namen will Chalid H. in letzter Sekunde doch nicht mehr gedruckt sehen. Ist er zunächst bereit, sich fotografieren zu lassen, verschiebt er den Termin mehrfach und sagt ihn schließlich ab. Hat er die ersten Verabredungen immer eingehalten, wird es mit der Zeit schwierig, überhaupt mit ihm zu sprechen. "Rufen Sie mich in einer Woche wieder an", sagt er und dann, acht Tage später: "Ich bin zu sehr im Stress, ich melde mich bald."

Einmal ruft er entnervt ins Telefon: "Was wollen Sie denn noch!? Für mich gibt es keine Sicherheit mehr."

Auch mit seinem Anwalt spricht Chalid H. nicht mehr, das erledigt jetzt seine Mutter. "Mein Sohn ist traumatisiert", glaubt Alize H.

Chalid H. hat viele Einträge und private Fotos von seiner Facebook-Seite gelöscht. Mit Kreditkarte zahlt er nur noch ungern, lieber mit Bargeld, das keine Spur hinterlässt. Ständig fasst er sich in die Gesäßtasche seiner Hose, um zu prüfen, ob sein Portemonnaie noch da ist. Die Zeit, in der er mit Freunden die Küste entlangrollte und der Rap aus seinem Autofenster dröhnte, ist für ihn Vergangenheit. Wenn H. einen Polizisten sieht, wechselt er die Straßenseite. Fährt er mit dem Bus, prüft er wieder und wieder, ob er seinen Fahrschein korrekt gelöst hat. Für ihn sehen plötzlich alle Menschen aus wie Kontrolleure. Imaginäre Richter bevölkern seinen Alltag.

Angesprochen auf Adrién Bourgiba, beteuert Chalid H. auf einmal, den habe er kaum gekannt. "Er war irgendwie seit meiner Kindheit präsent, ich habe ihn mir aber nicht als Freund ausgesucht." Nach und nach gibt H. dann doch gemeinsame Erlebnisse preis. Adrién Bourgiba gehörte zu seinem früheren Leben, ihre Wege kreuzten sich mal in der Schule, mal bei Konzerten und zuletzt bei zwei oder drei abendlichen Ausflügen am Wochenende. Chalid H. braucht nur aus dem Küchenfenster zu schauen, dann sieht er das Haus, in dem der andere aufgewachsen ist. Er hat seine Identität an einen Freund verloren.

Nun ist er also "scheinbar frei" wie Josef K. im Prozess von Kafka. Chalid H. gilt nicht mehr als vorbestraft. Die Verurteilung aber ist weiterhin in seinem Vorstrafenregister vermerkt, sie ist nur um die nachfolgende Revidierung ergänzt. Wird das genügen, um Chalid H. für immer von jeglichem Verdacht zu befreien? Manche Freunde und Bekannte hat er schon verloren. Chalid sei wohl auf die schiefe Bahn geraten, haben sie sich erzählt. Dass ihm Unrecht geschah, ist dann nicht mehr zu ihnen vorgedrungen.

Die Vermerke pendeln "mit größeren und kleineren Schwingungen in den Archiven auf und ab", heißt es bei Kafka. Und: "Es gibt bei Gericht kein Vergessen."

Vor wenigen Wochen hat Chalid H. einen neuen Führerschein bekommen, nachdem er die Prüfung zum zweiten Mal abgelegt hatte. Er, der jahrelang unfallfrei gefahren war, saß mit 18-Jährigen in einem Klassenraum und beantwortete Fragen nach Stoppschildern, Vorfahrtsregeln und Ampeln.

Nein, Chalid H.s Geschichte endet nicht mit einem Todesurteil wie die von Josef K. Und doch fühlt sich H. noch immer seltsam schuldig. Er grübelt viel darüber nach, welche Fehler er gemacht hat im Leben. Er schaut Gesprächspartnern nicht ins Gesicht, er schaut auf den Boden. Es ist fast, als habe er das falsche Urteil verinnerlicht. Als glaube er inzwischen irgendwie selbst daran, ein Krimineller zu sein.

* Name geändert