DIE ZEIT: Herr Dercon, wie würden Sie einem Londoner die Stadt Berlin erklären?

Chris Dercon: Es gibt sehr viele junge Künstler hier, sie sind die besten Botschafter dieser Stadt. Aber man versteht in London, dass Berlin eine ähnlich kosmopolitische Stadt ist. Und man spürt, dass diese Stadt in die Zukunft blickt. Berlin ist in Transformation. Man versteht in London ganz gut die Faszination, die eine Stadt wie Berlin auf die Kunstwelt ausübt.

ZEIT: Sie sagten mal, London sei in seinem Kern eine unbewohnbare Zombie-Stadt ...

Dercon: Wissen Sie, Kensington steht jetzt zu 30 Prozent leer ...

ZEIT: Weil arabische Investoren ihr Geld dort anlegen?

Dercon: Nicht nur die, die Stadt zieht Reiche aus aller Welt an. London ist eine schwierige Stadt. Berlin ist auch nicht einfach. Aber hier kann man vorausblicken. Hier hat man die Chance, mitzumischen und nachzudenken darüber, was eine Stadt braucht, die sich sozial derart schnell entwickelt. Soziale und kulturelle Infrastruktur sind für Berlin ganz wichtig, und die Menschen können an diesem Diskurs teilnehmen. Die Kultur ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor hier. Ich finde es sehr interessant, da mitzumachen.

ZEIT: Welche Rolle spielt die Volksbühne in dieser Stadt? Und welche soll sie spielen?

Dercon: Die Volksbühne hat immer wieder die Stadt als Bühne mitinszeniert – das wollen wir fortsetzen, das wollen wir hervorheben und sichtbarer machen. Frank Castorf hat schon innen und außen gearbeitet – nicht nur symbolisch, sondern real. Den Rosa-Luxemburg-Platz, diese einzige zentrale Stelle in der Mitte der Stadt, die noch nicht gentrifiziert ist, wollen wir weiter entdecken und die bestehende kulturelle Infrastruktur stärken. Deshalb bin ich auch so begeistert von der Perspektive einer kulturellen Kooperation mit dem Kino Babylon. Ich bin fasziniert vom Prater, einer wunderbaren Spielstätte auch wegen des Biergartens. Und dann natürlich Tempelhof. Der Hangar 5 erinnert mich an die Turbine Hall in der Tate Modern. Es gibt immer mehr Künstler, die mit und in diesen unterschiedlichen Formaten arbeiten wollen.

ZEIT: Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass Ihr Programm zu sehr dem ähneln könnte, was es in Berlin schon gibt?

Dercon: Das ist eine Debatte, die auch in Belgien und in den Niederlanden geführt wird. Übrigens seit Langem auch in Deutschland. Es gibt ein interessantes Papier von Antje Vollmer aus dem Jahr 2004 mit dem Titel: Die Zukunft der Berliner Theater – Event oder Ensemble? Interessant, dass darüber immer noch oder schon wieder diskutiert wird. Dabei geht es überhaupt nicht um meine Personalie, sondern um Kernfragen. Was ist das Theater? Wie sieht das Theater der Zukunft aus? Welche Entwicklungsmöglichkeiten hat es? Wir müssen nachdenken über Infrastruktur, über Arbeitsbedingungen und Organisation. Diese Diskussion muss parallel zu der um künstlerische Inhalte und Sprachen geführt werden.

ZEIT: Sie zitieren gern einen Satz von Ulrich Beck, der Ihre Arbeitsmethode zusammenfasst.

Dercon: Beck hat gesagt: "Kollaborieren oder scheitern." Ein wichtiger Satz. Ich bin ein Freund von Kollaboration und jemand, der gerne mit und für andere Menschen arbeitet. Ich habe deshalb in der Tate Gallery versucht, eine Form von horizontal leadership umzusetzen.

ZEIT: Als das Gerücht aufkam, Sie würden Intendant der Volksbühne, wurden Befürchtungen laut, dies sei das Ende des Volksbühnen-Ensembles ...

Dercon: Ich will das Ensemble nicht abbauen. Der Ensemblegedanke ist für mich sehr wichtig. Ich arbeite in der Tate Modern mit einem festen Ensemble. Ich kann nicht mit freien Kuratoren arbeiten. Das liegt mir nicht. Als man mich fragte, ob ich eine Biennale kuratieren will, habe ich gesagt, nein, ich mach nicht mit, ich möchte gerne mit Menschen konstant und verlässlich arbeiten und mit ihnen improvisieren können, nicht nur kurzfristig, für ein Projekt, sondern auf lange Sicht. Das ist meine Idee von Freisein. Rasch wieder weg sein liegt mir nicht.

ZEIT: Gibt es in London Menschen, die Sie für verrückt erklären, weil Sie aus einer Welthauptstadt des Geldes an einen Ort gehen, der sich auf symbolischen Reichtum berufen muss? Wird in London verstanden, warum Sie die Hochbedeutungszone der globalen Kunst wegen einer deutschen Bühne verlassen?

Dercon: Die Diskussion, dass die Kunst so stark durchökonomisiert ist, führen wir mit unseren Leuten auch in London. Meine Entscheidung wird dort schon verstanden.