Wie lernt man Journalismus? Und wo? "Bestimmt nicht durch Medienstudien oder im Journalismus-Seminar", mokiert sich Esther Wojciski, "Journalismus lernt man durch Machen – learning by doing." Diese Devise hat vor einem Jahrhundert der Philosoph John Dewey aufgestellt. In Palo Alto, mitten im Silicon Valley, wo das Neue Religion ist, bleibt sie hochmodern. Als "Woidsch", wie die Kids sie nennen, Journalismus als Kurs an der Palo Alto High School anbot, hat sie als Erstes die Lehrbücher entsorgt und durch "echte Texte" ersetzt: New York Times , Newsweek , San Francisco Chronicle .

Dann hat sie die Schulbehörde um Computer angebettelt, acht Stück bekommen und damit die Schreibmaschinen ersetzt. Wie man Programme schreibt, hat sie zusammen mit den Schülern gelernt. Es war ein Abenteuer für alle. Und bald ein fantastischer pädagogischer Erfolg.

Das Abenteuer begann vor 30 Jahren. Damals erfand die ehemalige Reporterin von Time und Los Angeles Times den Journalismus-Kurs an der "Paly", wie die Palo Alto High School genannt wird. Für das Wahlfach im Fachbereich Englisch interessierten sich anfangs gerade mal 19 Schüler. Heute ist der Kurs auf 600 Schüler der Klassen 10, 11 und 12 angeschwollen. Wojciski rannte früher zwischen drei Räumen hin und her, um Ratschläge, Korrekturen und Anregungen zu liefern. Im Oktober vergangenen Jahres wurde das hypermoderne Center for Media Arts nach dreijähriger Bauzeit auf dem Schulgelände eröffnet. Hier steht nun alles für Fotografie, Video und Journalismus zur Verfügung. 119 brandneue Apple-Desktop-Computer, 13 LCD-Fernseher, sechs schalldichte Kabinen für Interviews und ein Hightech-Raum für Palys tägliche Fernsehshow InFocus haben hier ihren Platz.

An Produktionstagen der Schulzeitung The Campanile und dem dazugehörigen Magazin C (sehr selbstbewusst analog zum T magazine der New York Times benannt), die beide zweimal im Monat herauskommen, geht es zu wie in jeder Redaktion. Stress, Hektik, Diskussion und Änderungen in letzter Minute, weil eine neue Geschichte auf Seite eins mehr hermacht als der "Hit" von vorhin.

Maya Kitiyama schnürt vorbei. "Woidsch", ruft sie, "ich habe da gerade ein tolles Interview gemacht. Der Mann hat Fantastisches erzählt ..." Die Lehrerin fällt ihr ins Wort: "... wenn er on the record damit ist, dann ist das viel interessanter als der jetzige Aufmacher auf der Eins. Kümmer dich drum ..." Weg ist die Schülerin. Stunden später treffe ich sie auf dem Schulhof, und sie murmelt nur beiläufig: "Klar, haben wir alles schon ausgewechselt und eingerichtet." Da ist es bereits früher Abend. Die Redakteure und Reporter denken gar nicht daran, an den heimischen Esstisch zu streben. "Woidsch" sorgt mal für Spaghetti, mal für Bagels mit Frischkäse . "Ich muss die Schüler um zehn regelrecht rausschmeißen", sagt sie und grinst.

Normalerweise ist jeder Schüler froh, die Schule auf dem schnellsten Weg zu verlassen. Auch diese Kids müssen noch Hausaufgaben machen, sich auf Prüfungen vorbereiten. Warum wollen sie dann bis in den späten Abend bleiben? Es wird jedes Mal spät. Insgesamt neun Publikationen bringen diese Schüler im Alter von 15 bis 18 heraus, darunter auch zweimal im Jahr Agora, ein Magazin zur Außenpolitik.

Was ist das Geheimnis dieses unglaublichen Leistungswillens? Wollen hier alle Journalisten werden? Begreifen sie den Kurs als Berufsschule? Manche ja, viele aber auch nicht. "Sie erhalten hier eigentlich einen Grundkurs in Denken", sagt Wojciski. "Sie lernen investigativen Journalismus, sie lernen, wo sie Sachen finden können, wie man Fakten analysiert und verknüpft. Und sie lernen Schreiben. Dazu bringe ich ihnen die digitalen Techniken bei, ohne die heute nichts geht. Mehr nicht."

Aber es muss schon sehr viel mehr sein. Denn die Produkte der Paly-Schüler sind um ein paar Klassen besser als gewöhnliche Schulzeitungen. Der Campanile hat immerhin die Golden Crown, die höchste Auszeichnung für studentische Publikationen, von der Columbia Scholastic Press Association im März gewonnen. Das heißt: Die Kids haben Studenten der Medienwissenschaften aus dem Feld geschlagen.

Wojciski erklärt den Erfolg so: "Es sind ihre Zeitungen, sie machen sie, sie gehören ihnen. Ich rate und berate, ich passe auch auf, dass nichts darin vorkommt, was gegen die guten Sitten oder das Gesetz verstößt, keine Pornografie, aber die Schüler sind frei darin, was sie in der Zeitung schreiben wollen. Anderseits: "Sex and the school – warum nicht?"

Man darf sich den Campanile und das C Magazine nicht wie deutsche Schülerzeitungen im DIN-A5-Format vorstellen. Sie sehen wie eine professionelle Tageszeitung und ein typisches Magazin aus, wie zum Beispiel die Sonntagsbeilage der New York Times . Das Layout ist professionell wie der Umgang mit Bildern und die grafische Gestaltung. Finanziert wird das Blatt durch Werbeeinnahmen. Die Schüler nehmen zehn Prozent der üblichen Anzeigenpreise im Valley. Die Auflage liegt bei 5000, zweieinhalbmal so viel wie die Highschool Schüler hat.

Natürlich gibt es Geschichten über den Unterricht (neue Tests), über Lehrer (Neuzugänge), über Sorgen (Suff beim Abschlussball) und Wünsche (Yoga-Unterricht). Hinzu aber kommt, was bei deutschen Schülerzeitungen fehlt, nationale Belange und Außenpolitik. In einem Aufmacher wurde etwa die Ukrainekrise historisch und politisch durchleuchtet und mit O-Tönen ukrainischer Protestler aus der Region gewürzt. Auf der Meinungsseite greifen die jungen Redakteure emotionale Themen wie affirmative action auf – Quoten für Schwarze, Hispanics. Die Autorin Maggie, eine asiatische Elftklässlerin, bleibt auch nach langen Diskussionen und mehreren Fassungen bei ihrer These, dass es sich bei Quoten um eine Abart des Rassismus handele. Wojciski meint, es müsse nur gut begründet und gut geschrieben sein. Sie greift nicht ein.

Palo Alto High ist eine staatliche Schule. Sie ist eine der besten Highschools Amerikas. Wer hier abschließt, geht häufig quer über die achtspurige El-Camino-Real-Straße an die Stanford University. Kein Wunder, dass die Kids hoch motiviert sind. In einem TED-Talk hat Esther Wojciski ihr Programm für guten Unterricht mit dem Akronym "Trick" beschrieben: T wie trust (Vertrauen), R wie respect, I wie independence (Unabhängigkeit), C wie cooperation (Zusammenarbeit) und K wie kindness (Liebenswürdigkeit, Freundlichkeit). "Die Schule ist eigentlich kein freundlicher Ort, damit fängt alles an", betont Wojciski. "Man muss den Schülern vertrauen, sie respektieren, ihnen Unabhängigkeit und viel Freiheit gewähren. Es ist ihre Zeitung, ihr Magazin, ihr Video, ihr Onlinetext." Dass sie Teamarbeit lernen müssen, versteht sich von selbst. Eine Zeitung ohne Zusammenarbeit kann es nicht geben.

Braucht man für diese Erfahrung extra einen Journalismus-Kurs? Viele Schulbehörden erlauben den nicht. Und Wojciski meint, die von ihr vermittelte Medienkompetenz könne auch Teil des Englischunterrichts sein. Man würde dabei lernen, dass Fakten wichtig sind, aber nicht ausreichen: "Reines Faktenwissen ist nicht viel wert, wenn man nicht selbstständig denken gelernt hat und das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen vermag." Anlässlich der Eröffnung des Media-Centers erklärte sie: "Das Ziel dieser Eröffnung ist es, nicht nur Palo Alto, sondern der ganzen Nation zu zeigen, dass Journalismus in Wahrheit das Curriculum des 21. Jahrhunderts ist."