Ein Helikopter fliegt über Gletscher, durch Fjorde und über Wälder, bis er auf einer Wiese landet. Ein junger Mann steigt aus, läuft in das Unterholz eines nordischen Urwalds hinein und stößt dort auf ein paar minimalistische Bungalow-Würfel aus Holz und Glas. Er ist angekommen – angeblich in der Einöde Alaskas.

So weit zur Kinoversion. Tatsächlich stehen die Bungalows im Westen Norwegens. Aus der Hafenstadt Ålesund fährt man eine Stunde an Fjorden entlang in ein Tal, das immer enger wird, gesäumt von schroffen Felsen über grünen Hängen. Man passiert Apfelbäume, Kirschbäume und Erdbeerfelder, schaut hinab auf einen türkisen Flusslauf, bis man schließlich vor einer roten Scheune parkt. Dahinter liegen die spiegelnden Bungalows im Wald verstreut. Trampelpfade verbinden neun einzelne Boxen – zusammengenommen bilden sie das Juvet Hotel. Gerade hat es einen Wallpaper Design Award als bestes Filmset des Jahres erhalten. Denn hier, zwischen polierten Glasfronten und bemoostem Dickicht, wurde ein Teil des neuen Science-Fiction-Thrillers Ex Machina gedreht, der gerade erst in den deutschen Kinos angelaufen ist.

Regisseur Alex Garland kennt man seit Ende der neunziger Jahre als Autor des touristischen Krimis The Beach, seiner ersten Geschichte über einen geheimnisvollen Rückzugsort inmitten unberührter Natur. Damals ging es nur um böse Backpacker. Diesmal unterhält Nathan, der geniale Chef einer übermächtigen Internetsuchmaschine, im Wald sein Geheimlabor. Er hat dort einen Roboter mit weiblichem Antlitz entwickelt. Der junge Mann aus dem Helikopter ist der unschuldige Programmierer Caleb, den Nathan mit seiner verführerischen Schöpfung Ava konfrontiert. Ob Caleb vor den Reizen der künstlichen Intelligenz in die Knie geht? Seine Gespräche mit Nathan über die Annäherung an Ava finden in Räumen statt, die kaum Möbel haben, aber oft einen großartigen Ausblick – auf das satte Grün und die grauen Höhen des norwegischen Valldal.

Wer das Juvet Hotel besucht, wird keine Roboter entdecken und kein Labor. Aber die entrückte Atmosphäre von Nathans Refugium, die liegt auch im wirklichen Leben über den Bungalows am Fluss Valldøla. Außer dem leichten Wind, der durch die Espen, Birken und Kiefern streicht, ist nichts als das Rauschen des Wassers zu hören. Und die Würfel, einzeln auf stählernen Streben in den Hang gesetzt und individuell zwischen den Bäumen ausgerichtet, wirken selbst wie behutsam platzierte Behausungen auf Zeit – nur vorübergehend zu Gast in der rauen, wilden Natur. Entsprechend spartanisch, wenn auch elegant, sind die Bungalows eingerichtet. Die Teppiche sind ebenso dunkel wie die Wände, es gibt keine Bilder, keinen Fernseher, keine Zeitschriften. Ganz automatisch geht man auf die Fensterfront zu, setzt sich in einen der Sessel davor und schaut durch das gerahmte Glas lange hinaus.

Der wahre Herr über die Anlage ist eine Generation älter als der Internetherrscher Nathan und verfolgt weniger abgründige Projekte. Kurt Slinning, ein drahtiger Kerl von Mitte sechzig mit strahlend blauen Augen und grauem Bart, war Lehrer und Immobilienhändler, bevor er, eher zufällig, zum Hotelier wurde. Seit 1986 besitzt er ein Sommerhaus in Valldal. Im Jahr 2002 traf er im Tal die Architekten Jan Olav Jensen und Børre Skodvin aus Oslo. Die beiden entwarfen gerade eine Aussichtsplattform aus Holz und Metall, die sich heute in gewagten Schlangenlinien über die nahe gelegene Schlucht Gudbrandsjuvet windet. Sie hatten Lust auf weitere Projekte in der Gegend, Slinning besaß das passende Stück Land, so kam man ins Gespräch. "Die Architekten hätten am liebsten nur hölzerne Zelte in den Wald gestellt, ohne fließendes Wasser, ohne Strom", erzählt er. "Man sollte sich fühlen wie in einem Gapahuk, einer Art offenem Unterschlupf – nur mit einer dünnen Schicht Glas als Schutz vor der Natur." Slinning kämpfte – erfolgreich – für mehr Komfort. Aus den Zelten wurden schließlich Kuben, und die wurden zur perfekten Kulisse für die Dualitäten in Garlands Film: Natur und Technologie, Mensch und Maschine.

Die ursprüngliche Idee der Architekten blieb im Hotel dennoch erhalten: Nichts soll ablenken von der grandiosen Landschaft draußen. "Die Hütten sind wie Kameragehäuse, mit der Glasfront als Linse", sagt Slinning. "Es geht nur darum, was auf der anderen Seite der Linse ist." Der Satz fällt einem wieder ein, wenn man nach Einbruch der Dunkelheit aufs Zimmer zurückkommt. Die Stehlampe und die zwei Lesefunzeln über dem Bett schaffen nicht mehr als ein Zwielicht. So hat es der fahle Mond leichter, durchzudringen. In seinem farblosen Licht scheinen blass die Weiten des Tals auf.

Zum Frühstück und zum Abendessen finden die Hotelgäste an einer großen Tafel in der roten Scheune zusammen, die früher zu einem inzwischen aufgegebenen Bauernhof gehörte. Abends teilen alle dasselbe Menü, morgens erklärt Knut Slinning den Besuchern gern Routen zum Wandern oder Skitourengehen auf den bis zu 1.700 Meter hohen Bergen ringsum. Mitunter führt der Chef sogar selbst und kann dabei auch den Wasserfall und den Gletscher zeigen, zu denen Nathan und Caleb im Film einmal hinaufsteigen.

Als das Hotel vor fünf Jahren eröffnete, waren einige Nachbarn im Tal skeptisch. Ein Hotel mit moderner Architektur mitten im Nirgendwo – wie sollte das funktionieren? "Und manche Leute finden ja alles hässlich, was nicht traditionell ist", bemerkt Slinning. Vor drei Wochen, am 10. April, feierte Ex Machina im Juvet seine Norwegen-Premiere. 300 Zuschauer drängten in den Festsaal der Scheune. Und Slinning konnte bereits von den ersten Gästen aus England berichten, die von Alex Garlands Film auf die Spur des Hotels gebracht worden waren. Meist reisen Drehorttouristen ja der Vorzeit aus Game of Thrones oder dem Herrn der Ringe nach. Wer aus dem Kino hierherkommt, der kommt zurück in die Zukunft.