Man hatte sich inzwischen daran gewöhnt, die Verfilmungen von Superheldencomics wie zeitgenössische Aufführungen antiker Theaterstücke zu behandeln: Die Stoffe sind zeitlos, die ausgefochtenen Kämpfe ewig (Individuum gegen Gesellschaft, supergut gegen superböse) – aber die jeweils aktuelle Neuinterpretation verrät uns, wie wir gerade politisch und gesellschaftlich ticken. Man darf sich von solchen Deutungsroutinen nur nicht einschläfern lassen. Sonst sieht man im Kino das neue Superheldenspektakel Avengers – Age of Ultron und verpasst, während man nach der Zeitdiagnostik Ausschau hält, eine echte Revolution.

Die Avengers -Filme sind das Allerheiligen-Fest für die Fans der Superheldencomics aus dem amerikanischen Verlag Marvel. In Age of Ultron treffen all jene Weltenretter wieder aufeinander, mit denen Marvel seit Jahren in regelmäßiger Taktung die Kinos flutet: Iron Man in seiner Hightech-Ritterrüstung, der brave Captain America, der wütende grüne Riese Hulk, die Ex-KGB-Superagentin Black Widow. Und wieder einmal stellt der Superhelden-Chefingenieur Tony Stark alias Iron Man (Robert Downey Jr.), der einst so unwiderstehlich verkündete, er habe es geschafft, den Weltfrieden im Alleingang zu privatisieren, seine Überheblichkeit unter Beweis: Er erweckt die Künstliche Intelligenz Ultron zum Leben, die er zum Erdenbeschützer ausbilden will. Leider hat Ultron dann andere Pläne. Und der Film auch, er interessiert sich nämlich für seine Zauberlehrling-Geschichte nur am Rande – wichtig ist eigentlich nur, dass der Plot möglichst vielen weiteren alten Bekannten aus den Marvel-Comics erlaubt, auf der Leinwand aufzutauchen. Es ist das Prinzip des Gastauftritts, von dem Age of Ultron bestimmt ist.

Wenn Iron Mans Gottkomplex tatsächlich etwas symbolisiert, dann nicht unsere Fortschrittsgläubigkeit, sondern den allumfassenden ontologischen Anspruch, den Superhelden-Comicwelten schon immer hatten – und der jetzt auch in den Verfilmungen seine Macht entfaltet. Es geht nämlich nicht mehr nur um ein möglichst gewinnträchtiges Zusammenspiel aus bekannten Markennamen und beliebten Figuren. Es geht ums Ganze.

Die Comichelden der frühen nuller Jahre mussten noch einzeln vor sich hin kämpfen und fanden Kontinuität nur in der gelegentlichen Fortsetzung ihrer eigenen Geschichte. Age of Ultron hingegen ist das Bergfest in einem megalomanischen Kinoprojekt, das Marvel 2008 mit dem ersten Iron Man-Film begann. Zehn Filme mit unterschiedlichsten Helden gab es seitdem, elf weitere kommen noch. Gemeinsam bilden sie, so heißt es offiziell, das Marvel Cinematic Universe. "Cinematic" ist nicht allzu eng gefasst, auch die Marvel-TV-Serien sind mitgemeint. "Universe" hingegen soll bitte genau so verstanden werden: Ein echtes, geschlossenes Universum zu bilden, so lautet das narrative Versprechen.

Wie es sich erfüllt, kann man etwa bei Daredevil sehen. Die Marvel-Serie, die gerade beim Streamingdienst Netflix gestartet ist, handelt nicht von weltzerstörenden Supercomputern, sondern von einem blinden jungen Anwalt, der seine besonderen Nahkampffähigkeiten nutzt, um nachts in den dunklen Gassen des New Yorker Stadtteils Hell’s Kitchen gegen die Russenmafia, Korruption und Gentrifizierung zu kämpfen. Wenn hier die Rede davon ist, dass New York vor einiger Zeit schwer zerstört worden sei, wird mancher Zuschauer wohl an 9/11 denken. Gemeint ist aber die Alien-Attacke aus dem ersten Avengers -Film. Auf diese Art sind alle Filme und Serien im Marvel Cinematic Universe, im MCU, wie Fans es nennen, verbunden, mal durch einen ganzen Handlungsstrang, mal durch eine Zusatzszene, die nach dem Abspann eines der Filme läuft, mal nur durch einen Nebensatz. MCU ist ein Verknüpfungskunstwerk mit einem eigenen phantasmagorischen Wert.

Es geht um die Lust daran, Comicwelten nicht mit jeder TV- oder Kinoadaption anders auszudeuten, sondern immer konsistenter, logischer zu machen, sie dabei zu verbinden und zu vernetzen. An die Stelle politischer Botschaften tritt eine Art angewandte Ontologie: Wie kann man von den Superwesen so erzählen, dass sie alle miteinander verbunden werden und einander in ihrer Existenz bestätigen? Als ästhetischer Reiz bleibt dann jenes Einrasten, das man zu hören meint, wenn die Elemente einer Theorie (und sei es nur die Theorie eines Comicuniversums) ineinandergreifen. Die zukünftige Popkultur, wie wir im MCU schon begutachten können, ist nicht so weit entfernt von theoretischer Physik.

Auch jenseits von Comicwelten wird dieser Erzählmechanismus immer beliebter. Dass sich inzwischen auch die Macher der Transformers-Actionfilme an der Kreation eigener Universen versuchen, liegt sicherlich am ungeheuren ökonomischen Erfolg der Marvel-Fantasien (nur die Harry Potter-Filme haben mehr Geld eingespielt als das MCU). Fargo zum Beispiel, eine der interessantesten amerikanischen Krimiserien des vergangenen Jahres, hatte mit dem fast 20 Jahre alten Film der Coen-Brüder erst einmal nur Titel, Handlungsorte und Milieu gemeinsam. Dann aber taucht plötzlich jener Geldkoffer, den Steve Buscemi im Fargo- Kinofilm einst im Schnee vergrub und nicht mehr ausbuddeln konnte, in der Serie wieder auf. Zwei Universen werden eins. Auch der Breaking Bad-Ableger Better Call Saul , der die Vorgeschichte von Saul Goodman, dem Anwalt des Breaking Bad-Helden Walter White erzählt, ist deswegen so reizvoll, weil er die Kunst der Verknotung zwischen zwei Erzählwelten perfekt beherrscht.