Im Mai 1945 läuteten am hellen Nachmittag die Kirchenglocken. Meine Mutter fragte: "Es läutet? Gibt es eine Beerdigung?" Da kam auch schon mein Großvater in die Küche, legte den Arm um sie und sagte: "Der Krieg ist aus. Gerade haben sie es im Radio gemeldet." – "Erst jetzt?", fragte ich. Denn für mich war der Krieg schon einige Wochen früher zu Ende gegangen.

Aber bevor ich vom kleinen und vom großen Kriegsende erzähle, muss ich erst vom Krieg selbst berichten.

In meiner Erinnerung liege ich nachts angezogen im Bett, nur die Schuhe stehen am Boden. Wenn die Sirenen losgehen, um vor einem Bombenangriff zu warnen, hat man höchstens zehn Minuten Zeit, um den nächsten Luftschutzkeller zu erreichen. Keine Zeit also, sich erst mal anzuziehen.

Ich bin fünf Jahre alt, lebe in Schweinfurt, zusammen mit meiner Oma und meiner neuen Mama. Meine Mutter war früh gestorben, und mein Vater hatte wieder geheiratet. Allerdings war er uns schon bald nach Kriegsbeginn abhandengekommen. Er ist als Soldat irgendwo in Frankreich, in einer Hafenstadt, deren fremd klingenden Namen ich mir nie merken kann.

Die meisten Bombenangriffe ereignen sich in der Nacht. Im Dunkeln sind die englischen und amerikanischen Flugzeuge schlecht zu erkennen und werden nicht so leicht von den Deutschen abgeschossen. Für Kinder heute mag das seltsam klingen: Amerikaner und Engländer sind längst unsere Freunde, damals aber waren sie "der Feind".

Meine neue Mutter stürzt ins Zimmer, schon im Mantel, reißt mich aus dem Bett, ruft: "Paul, Alarm! Zieh die Schuhe an! Schnell!", und ist schon wieder weg, um sich um meine Oma zu kümmern. Oma ist gehbehindert, sie bewegt sich langsam und ist übergewichtig. Mama muss ihr helfen und sie überreden, mit uns hinüberzugehen zum "Brauhaus-Keller". Das ist ein gewölbter Keller, wo man sich zwischen den Bierfässern vor den Bomben einigermaßen sicher fühlen kann.

Aber Oma ist störrisch, will sich nicht anziehen und schon gar nicht nachts aus dem Haus. Endlich lässt sie sich doch überreden, und wir eilen zu dritt los durch die Finsternis. Keine Straßenlaterne leuchtet, es herrscht "Verdunklungs-Gebot". Wenn in den Häusern und auf den Straßen kein Licht zu sehen ist, macht es das für die Bomberflugzeuge in der Luft schwerer, ein Ziel zu erkennen und zu treffen.

Ich trage den kleinen Koffer, in dem alle unsere wichtigen Dokumente stecken, zum Beispiel unsere Pässe. Die haben wir immer dabei. Wir wissen nie, ob unser Haus nach einem Bombenangriff noch stehen wird. Meine Mama zerrt Oma am Arm mit sich, in immer größerer Panik. Denn am Himmel erscheinen schon die Lichter, die wir Kinder damals "Christbäume" nannten. Sie wurden aus den Flugzeugen abgeworfen, schwebten hell leuchtend auf die Stadt hinunter und zeigten den Bombenfliegern die Ziele am Boden. Jedes Kind wusste: Wenn die Christbäume erscheinen, dauert es höchstens noch zwei, drei Minuten, bevor die todbringenden Bomben vom Himmel regnen.

Wir sind wieder mal zu spät, weil Oma so störrisch und so langsam ist. Schon bebt der Boden um uns herum, die ersten Bomben explodieren. Das große eiserne Tor, das den Keller schützt, ist geschlossen. Wir pochen mit Fäusten dagegen. Ein missmutiger Mann öffnet. Er herrscht uns an, ob wir nicht wüssten, dass wir alle im Keller in Gefahr bringen, wenn wegen uns der Eingang noch mal geöffnet wird. Doch er lässt uns hinein.

Dann sitzen wir am Steinboden. Das Licht flackert, geht schließlich ganz aus. Die Stromleitung ist wieder mal getroffen. Meine Mama versucht, eine mitgebrachte Kerze anzuzünden. Als ich sehe, wie die Streichholzflamme zittert, weiß ich, dass meine Mutter Angst hat. Und die habe ich nun auch.

Doch es geht alles gut in dieser Nacht. Wir werden nicht verletzt. Aber als wir zurück zu unserem Haus kommen, ist die Fassade schwarz verkohlt. Eine Brandbombe ist neben dem Haus in den Vorgarten gefallen. Meine Mutter fasst einen Entschluss: Am nächsten Morgen packen wir zwei Koffer, schließen die Haustür zu, gehen zum Bahnhof und ziehen um, zu ihren Eltern in ein fränkisches Dorf. Schon lange wollte meine Mutter fort aus der Stadt, aber die störrische Schwiegermutter hatte sich geweigert. Nun endlich setzt sich meine Mutter durch.

Die neue Oma auf dem Dorf lacht, als ich mich abends mit Kleidern ins Bett legen will. "Bei uns tragen Kinder einen Schlafanzug!", sagt sie. Ich fühle mich, als sei ich aus der Hölle in den Himmel gekommen: Auf dem Land gibt es keine Sirenen, keine Bomben, keine nächtlichen Ängste!

Einige Zeit später kam der Krieg aber doch noch in unser friedliches Dorf. An einem Morgen im April rasten viele Autos mit deutschen Soldaten in höchster Eile an unserem Haus vorbei. Eins hielt an, und ein Offizier stieg aus. Er befahl allen Männer des Dorfes, sich vor ihm zu versammeln. Kaum mehr als zehn kamen da zusammen. Und alle waren alt, manche schon siebzig. Die jungen Männer hatten alle das Dorf verlassen müssen, um als Soldaten zu kämpfen.