DIE ZEIT: Herr Knigge, 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs hat der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, gefordert, dass jeder deutsche Schüler ab Klasse neun verpflichtet sein sollte, ein KZ zu besuchen. Finden Sie das sinnvoll?

Volkhard Knigge: Das ist ein verständliches Anliegen, aber ich halte davon überhaupt nichts. Unsere Erfahrung in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald zeigt, dass junge Leute dichtmachen und nichts mehr davon hören wollen, wenn sie in das Thema hineingenötigt und hineinmoralisiert werden.

ZEIT: Wir erreicht man junge Leute dann?

Knigge: Indem man es ihnen ermöglicht, aus der Geschichte etwas Relevantes für ihr eigenes Leben zu erfahren. Wir lernen aus der Geschichte ja immer nur dann, wenn wir sie mit unseren eigenen Erfahrungen verknüpfen können. Jugendliche, insbesondere solche mit Migrationshintergrund, bekommen auch heute schwere Ungerechtigkeiten mit. Sie erleben nicht selten Diskriminierung und Gewalt. Diese Erfahrungen sollten wir geschichtsdidaktisch bedacht aufgreifen, statt den Holocaust zu etwas Überhistorischem zu machen und ihn im Extremfall zu sakralisieren.

ZEIT: Welche Fragen stellen Jugendliche, die zu Ihnen in die Gedenkstätte kommen?

Knigge: Sie fragen vor allem nach dem Warum und Wie. Wie entstehen solchen Formen von Menschenfeindlichkeit? Mit welchen Gesetzen, mit welcher Kultur bringt man Menschen dazu, so mörderisch zu handeln? Jugendliche wissen, dass Opfer und Täter nicht vom Himmel fallen. Und sie möchten nicht nur in eine Identifikation mit den Opfern hineinappelliert werden. Der zweite große Fragenkomplex dreht sich darum, warum es nach 1945 so lange gedauert hat, bis Verbrechen auch Verbrechen genannt wurde. Wieso sind selbst Haupttäter in der Bundesrepublik so glimpflich davongekommen? Wieso wurden aus den Lagern erst so spät Gedenkstätten?

ZEIT: Die Geschichte des Nationalsozialismus wird auch in den Schulen behandelt. Was unterscheidet die Auseinandersetzung mit dem Thema im Klassenraum von einem Besuch der Gedenkstätten?

Knigge: Vor allem werden hier keine Noten vergeben. Wir sind an einem Ort gewaltiger Morde. Das macht den Boden unter den Füßen unsicher. An diesem Punkt kommen die Fragen, und da kann man anfangen, mit den Schülern zu arbeiten. Die brauchen dafür natürlich eine gewisse psychische Stabilität und auch das nötige kognitive Vermögen.

ZEIT: Wann sind Schüler alt genug für den Besuch?

Knigge: Ab der neunten Klasse, wenn das Thema auch im Schulunterricht durchgenommen wird. 15 oder 16 Jahre alt sollte man schon sein, um einigermaßen zu begreifen und zu verkraften, womit man in einer Gedenkstätte konfrontiert ist. Was dagegen geschieht, wenn man schon jüngere Kinder hier durchschleift, konnte man in der DDR sehen. Viele der Elf- oder Zwölfjährigen, die vor der Jugendweihe durch Buchenwald marschieren mussten, haben später gesagt: Lass mich bloß in Ruhe – ich will mit diesem Erinnerungskram nichts mehr zu tun haben!

ZEIT: Kommen denn heute gar keine Kinder mehr?

Knigge: Doch, manchmal schon, aber ich sehe das höchst ungern. Eltern, die mit Zehnjährigen zu uns kommen, halte ich offen gestanden für Idioten. Entweder sind es unbedachte Touristen, die im Baedeker gelesen haben, dass Buchenwald ein Must-Go ist. Und dann rennen sie da mal hin, so wie sie auch zu einer Kathedrale oder dem Goethe-Haus rennen würden. Oder es sind Eltern, die schlicht nicht darüber nachdenken, was sie ihren Kindern zumuten.

ZEIT: Vielleicht meinen sie es besonders gut und wollen ihre Kinder über den Holocaust aufklären?

Knigge: Mag sein, aber eine Gedenkstätte ist absolut nicht kindgerecht. Wollen Sie ein Kind durchs Krematorium schleppen? Oder durch eine Genickschussanlage? Schrecken als solcher bildet nicht.

ZEIT: Ist die NS-Geschichte Kindern also gar nicht zu vermitteln?

Knigge: Das würde ich nicht sagen. In der Literatur oder im Theater ist das durchaus möglich, da kann man das Thema angemessen dosieren. Grundsätzlich bin ich aber sehr skeptisch, ob man den Nationalsozialismus schon Kindern um die Ohren hauen sollte. Es gibt Ansätze bis hinein in die Vorschulpädagogik, unsere Erinnerungskultur auch noch den Jüngsten moralisierend in die Köpfe zu drücken. Furchtbar.

ZEIT: Sehen Sie einen Trend in der Pädagogik, das Thema immer früher an die Kinder heranzutragen?

Knigge: Was ich beobachte, ist, dass Pädagogik und öffentliches Erinnern häufig in Appellen und Erinnerungsimperativen verharren. Und vor denen laufen dann spätestens die 17-Jährigen davon. Dabei wehren sich viele gar nicht gegen die Auseinandersetzung mit der Geschichte. Sie wollen nur nicht moralisch zugedröhnt werden. Sie wollen nicht ständig betroffen sein müssen. Wenn Pädagogen sagen, wir erreichen die 17-Jährigen nicht mehr, wir müssen früher anfangen, dann reagieren sie genau falsch. Denn so landet man schnell bei einer Form von – ich spitze zu – Indoktrination.

ZEIT: Sie verstehen also Jugendliche, die sich nicht mit der Geschichte beschäftigen wollen?

Knigge: Jedem, der fragt: "Was hat das mit mir zu tun?", würde ich erst einmal recht geben. Denn es ist doch genau die richtige Frage! Unsere Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern waren an Ausgrenzung, Verfolgung, Krieg beteiligt, in der Mehrheit als Täter und als Mitläufer oder als Verfolgte und Opfer. Aber wer lange danach geboren ist, steht nun mal in keinem unmittelbaren Verhältnis mehr zu den Verbrechen, die damals geschehen sind.