Matthias Politycki schwärmt von einem Apfel, der eine Geschmacksexplosion im Mund ausgelöst habe. Der Apfel stammte aus dem "Finisher Bag" des London-Marathons. Und die Geschmacksexplosion hatte vermutlich mehr mit dem Laufen zu tun als mit dem Apfel selbst. In seinem Marathon-Buch beschreibt der Schriftsteller, der seit 40 Jahren auch Läufer ist, wie dieses kräftezehrende Hobby die Wahrnehmung intensiviert. So habe er London, München und Hamburg erst durchs Laufen richtig kennengelernt. Klar, dass Politycki für den Medoc-Marathon in Frankreich, bei dem so viel gebechert wie gerannt wird, nur Spott übrig hat. Dass auch ihm das Beermile-Rennen in London, bei dem nach jeder Meile vier Pints getrunken werden, nicht sonderlich gut gefällt. Beim Reykjavík-Marathon echauffiert er sich über Engländerinnen vor ihm, die permanent quasseln, und vom Rennsteiglauf ist ihm die Verpflegung in Erinnerung geblieben: Haferschleim und Griebenschmalz. Laufen ist für den Schriftsteller eine einsame Tätigkeit, wie das Schreiben verlangt sie Zähigkeit und Leidensfähigkeit. Läufer sind für ihn Weltreisende in Turnschuhen, sie sammeln Marathons in Metropolen und an spektakulären Orten, "verbinden zwei zentrale Süchte unserer Zeit – Fernweh und Leistungszwang". Weil Läufer nicht verweilen, "blicken sie anders auf die Welt als der Flaneur. War dieser der Inbegriff der beginnenden Moderne, so ist der Läufer vielleicht der Inbegriff der Postmoderne." Eine interessante Überlegung, der man gerne folgt, zumindest im Kopf.