In ihrer Heimat rauchten die Schlote der Industriellen Revolution. Deshalb flohen Mitte des 19. Jahrhunderts wohlhabende Briten in die Westalpen, wo die Natur noch unberührt und dramatisch war. Die Fittesten unter ihnen richteten den unbedingten Eroberungswillen, der Großbritannien zur Großmacht hatte werden lassen, auf die Gipfel. Ohne Ortskenntnis und vernünftige Ausrüstung stürmten sie Berge. Doch ganz alleine wäre der Schriftsteller Albert Richard Smith mit seinen vier Lammkeulen, elf großen und 35 kleinen Hühnern, 91 Flaschen Wein, drei Flaschen Cognac und zwei Flaschen Champagner sicher nicht den Montblanc hochgekommen. Wie daheim hatte die britische Oberschicht natürlich stets Personal dabei. Bergbauernbuben halfen auf ihren waghalsigen Expeditionen beim Tragen und waren auch als Führer unerlässlich. Melchior Anderegg, dem "König der Bergführer", hat Natascha Knecht nun ein Buch gewidmet. Es erzählt von einem bewegten Leben, das 1828 auf einem kleinen Bauernhof in Zaun bei Meiringen begann und 1914 an der Seite der britischen Alpinistin Lucy Wagner endete. Das Material fand Knecht in den Zeugnissen seiner Auftraggeber, in diversen Alpen- und Ortschroniken. Selbst seine Hinterlassenschafts- und Steuerakten hat sie eingesehen, um dieser schillernden Figur etwas näher zu kommen. Trotz seiner, dem Vernehmen nach, großen Sturheit rissen die Briten sich um den Star. Zehn Erstbesteigungen in der Westschweiz hat er bis zu seinem Tod angeführt. Auf der Expedition auf das 3.699 Meter hohe Balmhorn hat er sich in Lucy Wagner verliebt. Die Britin, die in der Schweiz ursprünglich nur ihr Rheuma kurieren wollte, wurde die Zweitfrau des zwölffachen Vaters. Auch Natascha Knecht hegt Sympathie für ihren Protagonisten: Er hat nicht nur vom neuen Alpentourismus profitiert, er hat ihn mit ermöglicht.