Was könnte man über Lydia Davis sagen, das nicht ein Superlativ ist? Nun, vielleicht dies: Sie ist sehr klein. Äußerst zart, extrem hartnäckig. Von gefürchteter Klugheit, die Texte sind von brillanter Klarheit – tja, es geht eben nicht ohne Superlativ, nicht bei Lydia Davis, die der bekannteste Geheimtipp des literarischen Amerikas ist. Nur die Haare sind so mittel, eben mittelbraun und mittellang, ja, wen interessiert das?

Lydia Davis ist die erste Dichterin Amerikas, deren Text auf der Seite eins der New York Times (Metropolitan Edition) gedruckt wurde, Im Zug von Brooklyn – das Editorial dazu hörte sich wie eine stammelnde Entschuldigung an, man habe nicht anders gekonnt, als diesen Text, eine fiktionale Story, auf die Seite eins zu setzen, völlig unüblich, Fiktionales in einer Zeitung, aber was konnte man machen? Nur drucken.

Aus Im Zug von Brooklyn: "Die Art von Reisen, die ich in diesen Tagen meistens unternehme, findet in der U-Bahn statt, sie führen nicht weiter als von Brooklyn nach Manhattan, oder, noch schlimmer, nur von einem Teil von Brooklyn in einen anderen. Von Atlantic Avenue fahre ich vielleicht nach Borough Hall, von Court Street zurück zu Pacific Street, von Borough Hall aus Brooklyn heraus zu Canal Street, von Grand Street zurück nach Atlantic Avenue, und so weiter." Es ist der für Davis typische, ruhige, geradezu pedantisch präzise, bewusst flach gehaltene, ein wie sich selbst geduldig ertragende Stil.

Lydia Davis ist die erste Amerikanerin, die den Man Booker International Prize gewonnen hat und im Herbst 2013 in London 60.000 britische Pfund überreicht bekam, wofür? Noch in der Begründung des Preises wurde gerätselt: "Miniaturen? Anekdoten? Essays? Witze? Parabeln? Fabeln? Texte? Aphorismen oder gar Denksprüche, Apophthegmen? Gebete, vielleicht Weisheitsliteratur?" Die amerikanische Autorin Francine Prose schrieb über Davis, sie habe die Vorstellung erweitert, was Prosa sein könne. Die Aufzählung ist ja noch nicht vollständig. Es finden sich auch Träume und Rätsel, Nebenbemerkungen – Textgebilde, die in einer Kollektion korrekt mit Formen der Verstörung betitelt wurden.

Texte wie: Mittelalterliche Geschichte lernen

Sind die Sarazenen die Ottomanen?

Nein, die Sarazenen sind die Mauren.

Die Ottomanen sind die Türken!

Aus Notizen während eines langen Telefongesprächs mit Mutter: "Für den Sommer sie braucht hübsches Kleid Cotton

cotton nottoc coontt

tcoont toonct ..."

Aus Die Kühe: "Ihre Farbe ist ein tiefes, tintiges Schwarz. Es ist ein Schwarz, das Licht verschluckt.

Ihre Körper sind völlig schwarz, aber in ihren Gesichtern gibt es auch Weiß. Auf zwei der drei Gesichter sind große weiße Flecken, wie eine Maske …

Sie stehen so oft völlig reglos da. Doch blicke ich ein paar Minuten später wieder auf, sind sie woanders und stehen wieder völlig still da.

Wenn alle drei in einem weit entfernten Eck der Weide nahe dem Wald sich in einem Haufen aneinanderdrängen, bilden sie eine dunkle, uneinheitliche Masse mit 12 Beinen ..."

Der amerikanische Autor Eliot Weinberger sagt über Lydia Davis: "Wenn man ein Buch mit Storys von Lydia liest, erscheint noch Tage später alles eine Lydia-Davis-Geschichte zu sein. Wir nennen es noch nicht davisisch, so wie wir von kafkaesk sprechen, aber sie ist eine der sehr seltenen Autoren, die es verdienen, dass aus ihrem Namen ein Adjektiv wird."

Nun, Weinberger ist ein enger Freund. Man könnte sagen: voreingenommen, vielleicht aber auch besonders genau hinsehend. Weinberger ist selber ein avancierter Autor, seine Essays sind glanzvolle Erkundungen des Kulturellen. Er ist mit Davis zur Schule gegangen, in der kleinen Highschool in Vermont. 200 Schüler. "Sie überragte mich schon damals", spöttelt er, was Davis amüsiert zur Kenntnis nimmt, sie sagt: "Ich war ja auch ein Jahr älter." Sie dreizehn, er zwölf, als sie sich kennenlernten.

Wir sitzen jetzt alle in Weinbergers Küche im New Yorker Village, mit Blick in den Frühlingsgarten. Es ist ein Raum mit sich wellendem, von den Gezeiten blank poliertem braunem Steinboden in einem der alten Brownstone-Houses, in dem die Weinbergers seit Jahrzehnten wohnen und wo Lydia Davis gelegentlich absteigt, wenn sie in die Stadt kommt, aus Upstate New York, wo sie mit ihrem Mann, dem Maler Alan Cote, wohnt. Das Village ist kulturgetränktes Territorium. Man geht um die Ecke und steht vor dem Puppenhaus, in dem die große Dichterin Edna St. Vincent Millay drei Zimmer bewohnte, eines über dem anderen hochgestapelt, es ist das schmalste aller schmalen Häuser in Manhattan. Nur ein paar Minuten von hier liegt die White Horse Tavern, in der sich der große Waliser Dylan Thomas zu Tode soff. Zwei Blocks nach Osten, man steht in dem ärmlichen Hinterhof, wo Djuna Barnes Tür an Tür mit Theodore Dreiser und E. E. Cummings hauste. Wir aber reden in Weinbergers gemütlicher Küche darüber, bei Tee und Schoko-Keksen, wie er damals als Teenie in der Küche der Familie Davis aufschlug, oben in Vermont, und "alle redeten über T. S. Eliot und Joyce und so", sagt er mit seinem ansteckenden Lachen.

Davis, in den Tee pustend: "Aber wir waren ja keine kleinen Kinder mehr, wir waren Teenager." Na dann!