Vor fast genau fünf Jahren, am 6. Mai 2010, kam es am amerikanischen Aktienmarkt zu einem historischen Einbruch. Der Dow-Jones-Index stürzte innerhalb von Minuten um fast 1000 Punkte ab und verlor neun Prozent seines Werts. Eine Billion Dollar wurde vernichtet. Dann erholten sich die Kurse wieder. Die Ursache für den sogenannten Flash Crash wurde nie eindeutig geklärt. Vergangene Woche nun klagten US-Strafverfolger Navinder Singh Sarao wegen illegaler Marktmanipulation an. Der 36-Jährige habe "wesentlich zu den Ereignissen" am 6. Mai beigetragen, erklärten die Ankläger.

Sarao ist das, was man einen Daytrader nennt, jemand, der auf eigene Rechnung und eigenes Risiko und meist vom heimischen Schreibtisch aus zockt. Er lebt bei seinen Eltern in einem bescheidenen Reihenhaus in Hounslow, einem Londoner Vorort. Dort hatte er einen Computer, den er für den Handel mit Terminkontrakten auf Aktien nutzte. Als er dem Haftrichter vorgeführt wurde, trug er eine Jogginghose. Weder in der Londoner City noch an der Wall Street war sein Name vor seiner Verhaftung bekannt.

Der Flash Crash beunruhigt die Aufseher nach wie vor. Zwar hat die US-Börsenaufsicht Sicherheitsvorkehrungen eingeführt, wie etwa einen automatischen Handelsstopp, wenn Kurse zu schnell fallen. Doch weil niemand weiß, warum die Kurse damals kippten, weiß auch niemand, ob diese Maßnahmen ausreichen. Bis zu Saraos Verhaftung hatten die Aufseher erklärt, hauptverantwortlich für den Crash sei Waddell & Reed’s, eine Investmentfirma in Kansas. Dort habe ein Fondsmanager versehentlich eine Vier-Milliarden-Dollar-Order am Terminmarkt ausgegeben.

Die Vorwürfe gegen Sarao werfen nun neue Fragen auf. Er soll mithilfe eines einfachen Computerprogramms massenhaft Verkaufsorder auf Terminkontrakte auf den breiten amerikanischen S-&-P-500-Aktienindex ausgegeben haben. Teilweise habe Sarao bis zu einem Drittel der ausstehenden Verkaufsorders gestellt, heißt es in der Anklage. Bewegungen in den Terminkontrakten schlagen auf den Aktienmarkt durch – das würde den Absturz der Börse erklären.

Saraos Trick: Er annullierte den allergrößten Teil seiner Orders, bevor sie tatsächlich erfüllt wurden. Laut den Strafverfolgern dienten die Phantom-Aufträge nur dem Zweck, bei anderen Marktteilnehmern den Eindruck zu erwecken, eine Verkaufswelle am Aktienmarkt stehe bevor. Diese verkauften dann tatsächlich, worauf die Kurse einknickten, sodass Sarao zu einem niedrigeren Preis kaufen konnte. Wenn sich der Kurs von dem von ihm künstlich herbeigeführten Preisverfall erholt hatte, verkaufte Sarao zu dem höheren Kurs wieder. Die Differenz war sein Gewinn. Das nennt man "Spoofing", und es ist verboten.

Seltsam aber ist, dass trotz jahrelanger Untersuchungen der Handelsaktivitäten am Tag des Flash Crashs Saraos Spoofing darin offenbar nie eine Rolle spielte. Ein Informant aus der Branche habe vor Kurzem den entscheidenden Hinweis auf Saraos Aktivitäten gegeben, erklärten die Behörden jetzt. Warum die Aufsicht auf solche externen Tipps angewiesen sein soll, obwohl ihre Ermittler sich Einblick in alle Transaktionsdaten verschaffen können, erschließt sich nicht. An der Wall Street geht deshalb der Verdacht um, bei dem Informanten handle es sich um einen Vertreter jener Blitzhändler, die mit hochgezüchteten Computern in Bruchteilen von Sekunden zocken. Denn es waren vor allem ihre Algorithmen, die auf Saraos Phantom-Orders hereinfielen.

Sicher haben Saraos Aktivitäten zur Destabilisierung des Marktes beigetragen. Aber klar ist auch, dass die rasante Digitalisierung des Wertpapierhandels das System zu überfordern droht. Der Fall Sarao zeige, so das Branchenblatt Traders Magazine, dass die Aufsicht immer noch mit Fahrrädern hinter Ferraris herjage.