Eines Tages, so geht eine scheinbar harmlose Anekdote, fasste sich ein Student des Philosophen Martin Heidegger ein Herz und wagte es, dem Meister zu widersprechen. "Herr Heidegger, wenn ich vor dem Freiburger Münster stehe, dann kann ich doch nicht davon absehen, dass ich es bin, der die Kirche sieht und sie denkt." Heidegger war über so viel vulgären Subjektivismus fassungslos. Wenn der Student tatsächlich dieser irrigen Auffassung sei, dann habe er in seinem Seminar nichts zu suchen.

Die Anekdote, an die der Philosoph Rainer Marten noch einmal erinnerte, wirft ein Schlaglicht auf Heideggers Maxime, man müsse das "Sein" rein und ursprünglich denken – ohne subjektive Beimischungen, ohne moderne Seinsvergessenheit. Bekanntlich hat Heidegger diesen Gedanken dann auf fatale Weise radikalisiert und in Hitler jenen Erlöser begrüßt, der die Seinsvergessenheit überwindet – Judentum, Christentum, Demokratie und jenen neuzeitlichen Menschen, der sein jämmerliches Ich bei allem immer schon mitdenkt.

Heideggers faschistische Selbstradikalisierung war bekannt; nicht bekannt war, mit welcher intellektuellen Besessenheit er sich dem Nationalsozialismus ausgeliefert hatte. Seit der Veröffentlichung seiner geheimen Schwarzen Hefte (Klostermann Verlag) weiß man: Heidegger lief Hitler nicht aus Naivität in die Arme, und der Antisemitismus war keine "private" Verirrung, sondern ein abgründiges theoretisches Projekt. So zeigen die Notate und Notizen Heidegger nicht als philosophisches Genie, sie zeigen ihn als Barbaren.

Die Publikation der Schwarzen Hefte hat die Fachwelt in Aufregung versetzt; vor Kurzem gab es eine erste Tagung in Paris, Tagungen in Österreich und in den USA folgen. Am Samstag ging in Siegen eine von Marion Heinz und Sidonie Kellerer organisierte Konferenz zu Ende, und auch hier lautete die Frage aller Fragen: Welchen Stellenwert haben die intellektuellen Infamien im Kosmos des Gesamtwerks? Besitzen sie die retroaktive Macht, Heideggers Gesamtwerk zu vergiften, auch das Jahrhundertbuch Sein und Zeit?

Nicht nur Günther Mensching war der Auffassung, in den Schwarzen Heften komme zum Ausbruch, was in Sein und Zeit bereits angelegt gewesen sei. Auch die Italienerin Livia Profeti sah eine Strukturparallele zwischen diesen Werken – eine winzige Drehung habe dann genügt, um die Rede von der individuellen "Geworfenheit" zur kollektiven Selbstbehauptung des deutschen Volkes zu radikalisieren. Ähnlich argumentierte der Pariser Philosoph Emmanuel Faye, der von sich behaupten kann, als einer Ersten auf Heideggers "Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie" hingewiesen zu haben – Heidegger, so Faye, habe das "Ich" aus Sein und Zeit in das aggressive "Wir" des deutschen Volkes verwandelt. Philosophische Kontinuitäten erkannten auch Gaetan Pégny und Hassan Givsan; noch weiter ging der junge Südkoreaner Lee Jaehoon, der nachweisen wollte, dass Heideggers Antisemitismus ("die Juden als Zerstörer des Griechentums") einer furchtbaren inneren Logik gehorchte: Die "Vernichtung des Weltjudentums" sei für ihn "metaphysisch notwendig gewesen", weil sich die Juden geweigert hätten, die Epoche der Seinsvergessenheit zu beenden.

Allerdings, auch die Warnungen vor einem unhaltbaren Determinismus, der das Spätere aus dem Früheren ableitet, waren in Siegen nicht zu überhören. Für Theodore Kisiel beginnt die "Nazifizierung" des Denkens erst nach 1930; auch der Heidegger-Schüler Rainer Marten, der in einem furiosen Vortrag mit seinem Lehrer abrechnete ("er hat das menschliche Leben und den menschlichen Tod verraten"), bestand auf strikten Trennungen zwischen Sein und Zeit und dem späteren Werk. Reinhard Mehring warnte davor, die Heidegger-Kritik auf den Antisemitismus zu verengen, auch seine anderen Feindbestimmungen ("Antichristentum, Antiamerikanismus, Revanchismus, Chauvinismus") seien unannehmbar.

Vor allem Dieter Thomä verspürte ein heftiges Unbehagen an philosophischen Kurzschlüssen und machte auf die "erklärungsbedürftige" Tatsache aufmerksam, dass Heideggers fanatischer Antisemitismus erst einsetzte, als er sich enttäuscht von Hitler abwandte. Erst dann sei Heidegger mit aller Niedertracht über die Juden hergefallen – sie waren für ihn die Nomaden in der modernen Wüste und die "Konkursgewinnler des untergehenden Abendlandes". Dieser Hinweis rief sofort den leidenschaftlichen Widerspruch Richard Wolins hervor – wie könne Thomä von einem "emergenten", also erst später auftauchenden Antisemitismus reden, obwohl Heidegger dem Nationalsozialismus von Anfang an zu Diensten gewesen sei?

Die Siegener Tagung bestätigte, was man längst geahnt hat: Die Schwarzen Hefte setzen eine Deutungsmaschine in Gang, die keinen Stein auf dem anderen lässt. Künftig wird man fragen, wieweit die "Denktagebücher" (Daniela Helbig) auch jene Theorien fragwürdig machen, für die Heideggers Gedanken grundlegend sind. Und was ist mit Schriftstellern wie Peter Handke oder Botho Strauß, die Heideggers Weltbild weitläufig poetisiert haben?