Er ist noch im Amt. In einem Land, in dem Minister zurücktreten, weil sie vor Jahren ihre Doktorarbeiten gefälscht haben, ist es irritierend, ja verstörend, wenn eine der tragischsten politischen Fehler der vergangenen Jahre keine Konsequenzen hat. Warum also gibt es nicht einmal eine Debatte über die politische Verantwortung von Bundesinnenminister Thomas de Maizière für die Fehlentscheidungen europäischer Flüchtlingspolitik?

Die über tausend Toten, die vor anderthalb Wochen im Mittelmeer ums Leben gekommen sind, könnten vermutlich noch leben, hätte sich de Maizière im Herbst 2014 für die Fortführung der Operation Mare Nostrum eingesetzt. Sicher, das Seenotrettungsprogramm, das schätzungsweise 140.000 Menschen das Leben gerettet hat, wurde von der italienischen Regierung initiiert und auch wieder beendet, und über eine Übernahme in die Regie der EU hatte nicht der deutsche Innenminister allein zu entscheiden, sondern alle seine Amtskollegen und die Institutionen der EU. Aber hätte de Maizière entschieden für Mare Nostrum geworben, dann hätte das mit Sicherheit Einfluss auf die Entscheidungen gehabt. Die deutsche Stimme hat viel Gewicht in Brüssel.

Viele haben den deutschen Minister und seine europäischen Amtskollegen vor einem drohenden Massensterben gewarnt. Doch die politisch Zuständigen ignorierten diese Warnungen. Es ging ihnen dabei nicht ums Geld, sondern um etwas anderes: De Maizières erklärte Motivation war es, nicht noch mehr Flüchtlinge anzulocken. Die Menschen starben – in dieser Logik –, um andere abzuschrecken. Dabei war bei Auslaufen von Mare Nostrum vorauszusehen, dass die Lage im Nahen Osten weiter eskalieren und Libyen in die Anarchie abdriften würde, dass die Flüchtlingszahlen also weiter steigen würden.

Nun hat de Maizière einen neuen Plan: Zusammen mit seinen europäischen Amtskollegen beschloss er, die Seenotrettung wieder aufzulegen, etwas kleiner als Mare Nostrum, aber größer als das Nachfolgeprogramm Triton, das die Tode nicht verhindern konnte. Er hat alle Schuld den Menschenschmugglern gegeben. Die will er jetzt noch härter verfolgen. De Maizière dämonisiert die Schlepper, um vom Dämonischen der europäischen Politik abzulenken.

Die Schlepper, die Flüchtlinge auf ihren Booten nach Europa bringen, sind Verbrecher und Halsabschneider. Die Flüchtlinge, die sich von ihnen schmuggeln lassen, hassen sie – und verraten sie dennoch selten an die Polizei. Denn die Schmuggler sind die einzige Möglichkeit, um dem Grauen des Nahen Ostens und dem Elend in Afrika zu entkommen. De Maizière suggeriert, man könne Schmuggler bekämpfen, wie man Drogenkuriere bekämpft. Doch die Ware, mit der Schlepper handeln, die Ware Mensch, kann bei diesem Versuch leicht "zerbrechen".

Trotz alledem muss de Maizière um sein Amt nicht fürchten. Es gibt nur wenige, die seinen Rücktritt fordern. Warum eigentlich? Womöglich, weil wir als Gesellschaft doch ganz froh sind, dass es einen wie de Maizière gibt?

Der Tod von Tausenden ist nicht unvermeidbar, es gibt Lösungen, wie unfertig, fehlerhaft, improvisiert auch immer. Wir könnten jedenfalls für die syrischen Bürgerkriegsflüchtlinge wiederholen, was wir in den neunziger Jahren in Bosnien getan haben. Damals konnten sie alle kommen, ohne Einzelfallprüfung, wenn sie sich denn bereit erklärten, nach Ende der Krise in ihr Heimatland zurückzukehren. Damals gab es keine Schlepper und keine Toten an der Grenze. Und die meisten kehrten anschließend nach Bosnien zurück. So wie die Mehrheit der Syrer nach Syrien zurückkehren würde.

Aber wir, viele von uns jedenfalls, sind hin- und hergerissen zwischen Hilfsbereitschaft und Angst, dem Elend der Flüchtlinge und dem Gefühl der eigenen Überforderung. Wir, viele von uns jedenfalls, wollen in Ruhe gelassen werden, wollen keine Bilder der untergegangenen Schiffe mehr sehen oder Fotos von Leichen, die im Mittelmeer treiben.

Vielleicht fragen wir deshalb nicht nach der politischen Verantwortung von Thomas de Maizière: weil wir uns selbst nicht fragen wollen, ob wir Komplizen sind.