Wer Interviews mit Helge Schneider oder seine Auftritte in Talkshows kennt, wird sich über den scheiternden Versuch, den Komiker vieler Genres, den Musiker, Schriftsteller und Regisseur in einem Dokumentarfilm zu porträtieren, nicht wundern. Helge Schneider verrät nichts, jedenfalls nichts Privates und schon gar nichts über das Wesen seiner Kunst. Seine Antworten sind von überragender Patzigkeit. Manchmal erklärt er auch nur, er wolle jetzt endlich mal wieder allein sein.

Aber wenn er so durchs Bild wuselt oder vor der Kamera und den Fragen flieht, stets geschminkt und in der Maske eines sorgfältig derangierten Outfits, entsteht doch die Ahnung von einer existenziellen Schüchternheit, die Albernheit und Verweigerung als Rüstung braucht. Nur Frechheit gibt ihm Souveränität. Manchmal bangt man mit ihm, gewissermaßen rückblickend auf die vier Jahre, die er von der Regisseurin Andrea Roggon beobachtet und begleitet wurde. Vier Jahre sind eine lange Zeit, wenn man sich partout nicht in die Karten schauen lassen will. Manchmal wirkt er erschöpft ("Jetzt hast du wieder eine dolle Stelle für deinen blöden Film"), manchmal fast hilflos, und man beginnt mitzuleiden und zu stöhnen. Kann ihn die Frau nicht in Ruhe lassen?

Helge Schneider bleibt aber immer ganz nett, nicht auszuschließen, dass er Andrea Roggon mag, er behandelt sie im Grunde, mit eiserner Selbstbeherrschung, wie einen verzogenen Hund, der ihm zugelaufen ist und der nun lernen muss, dass er auch dann, wenn er Männchen macht, kein Futter bekommt. Und wenn er kein Männchen macht? Dann auch nicht. Hier nicht!

Helge Schneider mag schüchtern sein, er ist aber auch grausam. Er verharrt eisern in den Rollen, die er wählt. Einen Menschen jenseits der Rollen bietet er nicht an, und das hat auch immer wieder etwas sehr Komisches – genau das Komische seiner Kunst überhaupt, die in der Verweigerung des passenden Sprechaktes besteht. Was wäre der Sprechakt, der zu einem solchen im Grunde auf Privatheit und Homestory zielenden Dokumentarfilm passt? Mindestens der Werkstattbericht, wenn nicht Entblößung und Lebensbeichte. Helge Schneider aber reagiert in Mülheim Texas – Helge Schneider hier und dort mit dem Gegenteil: einem regelrechten Verkleidungsexzess. Selbst halbnackt in der Badewanne inszeniert er sich als drollige Figur.

Das Unangemessene ist Helge Schneiders ganze Wonne. Im Grunde verwandelt er den Film, den Andrea Roggon über ihn drehen will, in einen Film, den er selber dreht. Sogar die Wortwechsel entsprechen Dialogen – oder Monologen – seiner eigenen Filme und Romane. Sein grotesker Kommissar 00 Schneider erklärt zum Beispiel einmal, nachdem er den Wirt eines Restaurants brutal zusammengeschlagen hat, nur ganz sanft: "Feines leckeres Geesse, aber die Klos waren leider nicht so."

Ist das dadaistisch oder infantil? Über die Einordnung von Helge Schneiders Pointen gehen die Meinungen traditionell auseinander; die einen lachen, die anderen nicht. Das bizarre Missverhältnis zwischen dem Gewaltexzess und dem milden "leider nicht so" entspricht jedenfalls ungefähr dem Missverhältnis zwischen der vierjährigen Gewaltanstrengung des Dokumentarfilms und Helge Schneiders inszenierter Unlust, die man auch mit den Worten "aber das Wetter war leider nicht so" wiedergeben könnte. Indes ist natürlich der Dauerkampf, in dem Schneider mit seinen Interpreten liegt und den er jetzt noch einmal unter verschärften Bedingungen wiederholt, für die eingeschworenen Fans eine heiß geliebte Darbietung, sie folgt dem Muster David gegen Goliath, und es spricht für den leidensfähigen Enthusiasmus der Regisseurin, dass sie die undankbare Rolle des Mediengoliaths übernommen hat, der dabei nur grob und ungeschlacht aussehen kann.

Helge Schneider verlässt das Schneckenhaus seiner Kunstfigur nicht, mit der Folge, dass Andrea Roggon ihrerseits nicht aus der Position der aufdringlichen Journalistin herauskommt. Insofern verrät Schneider, auch wenn er sonst nichts verrät, doch sehr viel über das grundsätzliche Wesen seiner Kunst. Kunst ist bei ihm, wenn nichts kommt – beziehungsweise nur etwas völlig Unzureichendes. In dem Musical (von ihm auch "Wusical" genannt) Mendy überfährt der Vater aus Versehen die Mutter mit seinem Auto; er hat sie für eine Bodenwelle gehalten. Nachdem er über den wahren Charakter der Asphaltunregelmäßigkeit aufgeklärt wurde, sagt der Vater nur leicht irritiert: "Doll, na is ja doll ..."

Doll in diesem Sinne ist auch der Dokumentarfilm: nichts, um sich übermäßig aufzuregen oder zu begeistern, aber doch etwas, was fast einem Unfall nahekommt oder immerhin eine gewisse Bodenerhebung markiert. Die Höhe der Bodenerhebung entspricht ungefähr der Größe von Helge Schneiders Kunst, und ob man sie nun liebt oder nicht, ist sie doch sperrig genug, dass sie sich, anders als Mendys unglückliche Mutter, nicht mehr ohne Weiteres überrollen lässt. Insofern spricht es für Schneiders humane Einsicht, dass er es nicht auf einen echten Zusammenstoß ankommen lässt, sondern seinerseits ausweicht und dem Filmtross die freie Fahrt lässt, wenngleich wir natürlich den Crash lieber gesehen hätten. Denn auch dies gehört zu Schneiders Kunst der verweigerten Antwort: durchblicken zu lassen, dass die gegebene Antwort tödlich verletzend sein könnte. Kindisch ist er vielleicht, aber harmlos mit Sicherheit nicht.