Am 30. April 1945 rückten US-Soldaten in München ein, nachdem sie tags zuvor das KZ Dachau befreit hatten. Genau 70 Jahre später, am Donnerstag dieser Woche, wird nun das NS-Dokumentationszentrum München eröffnet. Ein Ereignis von nationaler Bedeutung: Denn was sich der Gründungsdirektor Winfried Nerdinger und sein Team vorgenommen haben, ist nicht weniger als ein geschichtspolitischer Befreiungsschlag. Lange, allzu lange hat sich die Stadt um ihre braune Vergangenheit herumgedrückt.

Dabei ist München wie keine zweite deutsche Großstadt mit der NS-Geschichte verknüpft. Hier begann der unbekannte Weltkriegsgefreite Adolf Hitler seinen Aufstieg, hier griff er im November 1923 erstmals nach der Macht, hier gründete er die NSDAP neu nach seiner Entlassung aus der Landsberger Haft, hier, im ehemaligen Palais Barlow in der vornehmen Brienner Straße in der Maxvorstadt, befand sich seit 1931 die Parteizentrale, das Braune Haus, und von hier aus breiteten sich krebsartig etliche weitere NS-Dienststellen über das gesamte Viertel aus. 1935 verlieh Hitler München feierlich den Titel "Hauptstadt der Bewegung".

Es war eine kluge Entscheidung, das Dokumentationszentrum just auf dem Gelände zu errichten, auf dem einst das im Krieg zerstörte und später abgerissene Braune Haus gestanden hat. Das neue Haus will kein Museum sein, sondern ein "Lern- und Erinnerungsort". Es geht Nerdinger vor allem um "rationale Aufklärung", um die Vermittlung von Wissen, die Erklärung der Zusammenhänge. Bewusst hat er auf Originalobjekte verzichtet. Zu sehen sind fast ausschließlich Reproduktionen: Fotos, Plakate, Dokumente – viele unbekannte darunter, kundig ausgewählt und klug kommentiert.

Der "Führer" ist ein Produkt der Bierhallen und großbürgerlichen Salons

Das strenge Konzept wird durch die Architektur wirkungsvoll unterstützt. Der weiße Kubus, nach außen hin ein glatter, karger Zweckbau, ist in seinem Inneren äußerst funktional eingerichtet. Nichts soll die Konzentration des Besuchers stören. Zugleich öffnen die (jeweils über zwei Geschosse reichenden) Fenster den Blick auf die NS-Repräsentationsbauten im Umfeld, die damit gewissermaßen zu Bestandteilen der Ausstellung selbst werden: auf den "Führerbau", in dem Ende September 1938 das berüchtigte Münchner Abkommen unterzeichnet wurde, oder auf den Verwaltungsbau der Partei, in dem Hunderte Mitarbeiter die Mitgliederkartei – 1939 circa acht Millionen! – führten.

Warum wurde ausgerechnet München zum Geburtsort des Nationalsozialismus? Wer sich auf den Rundgang begibt, der von der vierten Etage abwärts bis in die erste führt, erhält auf diese Schlüsselfrage eine plausible Antwort. Gleich zu Anfang geht es um Münchens Sonderweg in der Revolution von 1918/19: zunächst, nach der Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner, ein weiter Pendelausschlag nach links, kulminierend in den beiden Räterepubliken des April 1919, dann, nach deren blutiger Niederschlagung, ein weiter Pendelausschlag nach rechts. München wurde zum Zentrum der Gegenrevolution, zum Sammelpunkt für Republikgegner aus dem ganzen Reich. Die jüdische Herkunft einiger Wortführer von Revolution und Räterepublik wurde dazu genutzt, Hass auf den "jüdischen Bolschewismus" zu schüren. In diesem antisemitischen Klima begann Hitler im Herbst 1919 seine Karriere; hier fand er den idealen Resonanzboden für seine Demagogie.

Nein, Hitler war ganz gewiss kein "österreichischer Zufall auf preußischem Boden", wie es uns Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi (SPD) weismachen wollte. Sondern Hitler war – das wird nun geradezu sinnlich fassbar – ein echtes Münchner Phänomen, eine Attraktion nicht nur in den Bierhallen, sondern bald auch in den großbürgerlichen Salons der Hanfstaengls und Bruckmanns, die den aufstrebenden Agitator in jeder Hinsicht förderten. Anschaulich führt uns die Ausstellung das völkisch-rechtsextreme Netzwerk der Stadt mit seinen verzweigten Organisationen und seiner breit gefächerten Publizistik vor Augen. Das war Hitlers Milieu, wohlwollend geduldet von Bayerns Regierenden.

Gezeigt werden freilich auch die Gesichter des anderen, des demokratischen München: Thomas Mann, der 1926 beklagte, dass aus der Stadt an der Isar ein "Hort der Reaktion" und "Sitz aller Verstocktheit" geworden sei; Lion Feuchtwanger, der Münchens Gesellschaft in seinem Roman Erfolg den Spiegel vorhielt; die SPD-Politikerin Toni Pfülf oder die Vorkämpferin der Frauenbewegung Anita Augspurg, die unerschrocken zum Kampf gegen den Nationalsozialismus aufriefen. Doch ihre Stimmen drangen nicht durch. Der Fall München wird so zum mahnenden Exempel: "Demokratie kann scheitern" (dies das Fazit des ersten Teils) – wenn die zivilgesellschaftlichen Gegenkräfte zu schwach und Polizei und Justiz auf dem rechten Auge blind sind.